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Russland Die Revolution der Hipster

In Moskau werden wenige Tage nach der umstrittenen Wahl Demonstranten wie am Fließband abgeurteilt. Einer von ihnen ist der Blogger Alexei Navalny.

Nach Protest festgenommen und zu 15 Tagen Arrest verurteilt: Alexei Nawalny. Foto: rtr

Es ist der zweite Tag nach den Parlamentswahlen in Russland, der erste nach einer unerwartet großen Protestkundgebung gegen Wahlfälschungen. Eine ratlose Menge steht am Mittag vor dem Basmanny-Bezirksgericht in Moskau. 300 Menschen hat die Polizei in Moskau festgenommen, aber wo sind die jetzt? Werden sie freigelassen oder verurteilt? Und wo, vor allem, ist der Blogger Alexei Navalny?

Er ist der Star der Protestszene und sprach am Vorabend vor ein paar tausend Menschen, die „Russland wird frei“ skandierten und „Putin ist ein Dieb“. Für Moskau, wo kaum jemand auf die Straße geht, schien das wie ein mächtiger Befreiungsschrei. Dann endete die genehmigte Kundgebung, die Festnahmen begannen. Als letztes schickte Navalny aus dem Polizeibus noch ein lustiges Foto mit lauter lachenden Gesichtern, dann war Funkstille.

Am Dienstag vor dem Basmanny-Gericht ist die Stimmung gemischt. Es ist so vieles unklar gerade in Moskau. Die Kremlpartei hat 13 Millionen Stimmen verloren im Vergleich zu 2007 – dürfen die Kreml-Kritiker also aufatmen? Oder sollen sie sich umgekehrt ängstigen, weil Russlands Führung nun, da Wahlfälschungen offenbar nichts fruchten, umso härter zuschlagen wird?

Andrej Kogut sieht nicht verängstigt aus, bloß müde. Er ist aus seinem Bankbüro gleich zur Demo gegangen und hat die Nacht vor Polizeiwachen gestanden, in denen er Navalny vermutete. Erst stand er im Twerskoi-Bezirk herum, dann in Süd-Ismailowo, dann in Kitaj-Gorod – eine Protest-Odyssee, oder ein Katz-und-Maus-Spiel. Kogut ist aufgekratzt. „Ich habe gestern eines verstanden: Dass in meinem Land ganz normale, anständige Leute protestieren wollen – und nicht bloß Faschisten.“ Er meint die rechtsradikalen Gegner des Kreml.

Es sind gut gekleidete, gebildete junge Großstädter, die auf die Straße gegangen sind. „Revolution der Hipster“ nennt es der junge Fernsehkanal „Doschd“, der im Internet sendet und deshalb frei von der üblichen Fernsehzensur ist. Auch das gehört zu Putins Russland: Internetmedien werden attackiert, dafür berichtet „Doschd“ live von einer Demo, auf der Putin ausgebuht wird.

In einem kleinen Saal des Basmanny-Gerichts sitzt um drei Uhr Ilja Babizki. Er ist Romanist an der Universität, alles ist ungewohnt für ihn. Das ist seine erste Festnahme – eigentlich wollte er die Demo bloß anschauen, sagt er. Er habe ja nicht mal gewählt. Aber dann fand er sich auf der Polizeiwache wieder, mit 22 anderen in einem Raum. Sie haben viel diskutiert mit den Polizisten, von denen habe sich keiner zu „Einiges Russland“ bekannt. „ Einer sagte: ,Ja glaubt Ihr denn, Ihr seid die einzigen, die gegen Putin sind?’“

Wie den anderen wird Babizki „Ungehorsam gegen Forderungen der Polizei“ vorgeworfen, das macht maximal 15 Tage Arrest. Aber es kann dauern, bis er dran kommt: Gerade ist die Richterin erschienen, hat in rasantem Gemurmel eine Geldstrafe gegen einen Organisator der Kundgebung verhängt und ist wieder verschwunden.

Vor der Filiale des Twerskoj-Gerichts am Ljubjanka-Platz, wo statt Felix Dzerschinski nun ein gigantischer Weihnachtsbaum steht, wartet derweil eine andere Busladung Festgenommener auf ihre Aburteilung. Draußen stehen Angehörige. Man schaut einander stumm durchs Fenster an. Später am Tag wird in diesem Gericht Navalny verurteilt: 15 Tage Arrest für ihn wegen Ungehorsams.

Am Dienstagabend demonstriert die Opposition dort, wo sie es alle zwei Monate ohnehin tut: auf dem Triumfalnaja-Platz. Die Kundgebung ist nicht genehmigt, der Platz stattdessen von Kremljugend besetzt worden. Die anderen Jugendlichen werden vertrieben, sammeln sich in immer neuen Grüppchen, rufen „Putin verschwinde!“ Auch in St. Petersburg wird demonstriert. Die Polizei nimmt rund 770 Demonstranten in den beiden russischen Metropolen fest. Insgesamt sind 50.000 Polizisten und Spezialkräfte des Innenministeriums im Einsatz.

Unterdessen hat auf dem Revolutionsplatz eine Kundgebung für Premier Putin und Präsident Medwedew stattgefunden. Ihr Slogan ist auf der großen Bühne zu sehen, die dort aufgebaut wurde. Er heißt: „Ein sauberer Sieg!“

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