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Russland Der Boom der Verschwörungstheorien

Die Mehrheit der Russen glaubt, dass jemand die sittlichen Werte des Landes vernichten und die Geschichte fälschen will.

Russland
Laut einer Umfrage glauben 63 Prozent an die Existenz einer Organisation, die versuche, die traditionellen geistigen Werte der Russen mit Hilfe von LGBT-Propaganda zu vernichten. Foto: rtr

Zwei von drei Russen sind davon überzeugt, es gebe eine Gruppe von Personen, die sich bemüht, die russische Geschichte umzuschreiben und historische Fakten zu fälschen, um Russland zu schaden. Das ergab eine Umfrage des staatlichen „Allrussischen Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung“ (russisch kurz WZIOM).

Und 63 Prozent glauben an die Existenz einer Organisation, die versuche, die traditionellen geistigen Werte der Russen mit Hilfe von LGBT-Propaganda zu vernichten. LGBT steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Diese Meinung vertreten vor allem Befragte über 45 Jahre, in dieser Altersgruppe glauben 72 Prozent an die antirussischen Geschichtsfälscher, dagegen nur 47 Prozent der jungen Leute zwischen 18 und 24 Jahren.

Kremlnahe Experten teilen die Meinung der älteren Generation. Laut der Nachrichtengentur Tass erklärte der Soziologe Oleg Tschernosub, die Existenz einer Personengruppe, die traditionelle Werte revidieren wolle, sei vor allem „im kollektiven Westen“, ziemlich offensichtlich. Tschernosub verwies auf „die deprimierende Popularität minderwertiger ,westlicher Kulturgüter‘ und unterschiedlicher ,pseudohistorischer Werke‘“ in Russland vor 15 bis 20 Jahren. „Vor diesem Hintergrund zeigen die Umfrageergebnisse gerade ein Steigerung der kritischen Wahrnehmung im öffentlichen Bewusstsein.“

Nach seiner Ansicht sind die westlichen Verschwörer wohl hartnäckig, aber nicht wirklich erfolgreich. Im Juli hatte das WZIOM eine Umfrage veröffentlicht, nach der 67 Prozent der Russen an eine geheime „Weltregierung“ glauben, in der vor allem Wirtschaftsoligarchen und Bankiers sitzen. 2014 waren nur 45 Prozent dieser Ansicht. Jetzt aber sind gar 74 Prozent überzeugt, die Ziele dieser Weltregierung widersprächen den nationalen Interessen Russlands. Dabei meinen 57 Prozent der Befragten, die Weltregierung sei nicht allmächtig und kontrolliere nur einen Teil der globalen Prozesse.

Nach Ansicht liberaler Beobachter spiegeln diese Umfrageergebnisse die Einseitigkeit der russischen Medien wider. „Das Massenbewusstsein lebt ja nicht nur in unserer Gesellschaft von Mythen“, sagt der Politologe Juri Korgonjuk der FR. „Auch in den USA sind fliegende Untertassen und Verschwörungstheorien sehr populär.“ Aber im Westen gebe es noch eine Medienvielfalt, die in der Öffentlichkeit für ein komplexeres Weltbild sorge. „Bei uns aber herrscht nur eine Meinung vor, die nach propagandistischen Grundregeln verbreitet wird: Je einfacher desto besser!“

Die Zweidrittelmehrheit für die Verschwörungstheorie als solche ist wohl tatsächlich das Produkt des russischen TV-Programms. Etwa von Dokumentarserien wie „Die schockierendsten Hypothesen“, wo schon die Behauptung aufgestellt wurde, die Erde sei doch eine Scheibe.

Staatliche TV-Propaganda funktioniert nur bedingt

„Und in den Talkshows schreien ,Experten‘ in epileptischen Zuckungen, alle seien gegen uns, alles Böse stamme von dort“ (aus dem Westen d. Red.), räsoniert der Blogger Matwei Ganapolski. „Wenn man das fünfmal am Tag sieht, auf verschiedenen Kanälen, verwandelt es das Gehirn in Rührei.“

Das Fernsehen könne den Zuschauern sogar weismachen, dass Wladimir Putin den Auftritt des Kosakenchores bei der Hochzeit der österreichischen Außenministerin Karin Kneissl aus eigener Tasche bezahlt habe. Und dass die geplante Erhöhung des Rentenalters ein Segen für sie sei. Allerdings glaubt Politologe Korgonjuk, die staatliche TV-Propaganda funktioniere nur bedingt. „Die Rente gehört zu den Alltagsfakten, die jeder Russe unmittelbar am eigenen Leib zu spüren bekommt. Und in diesem realen Lebensbereich lässt er sich nicht mit Mythen abspeisen.“ Die Russen seien durchaus bereit, gegen die Rentenreform auf die Straße zu gehen, deshalb riskierten jetzt auch systemtreue Oppositionsparteien wie die Kommunisten Proteste gegen diese Reform. Aber was abstrakte Themen wie das Ausland oder die Geschichte angeht, wuchern Unkenntnis und Mythen weiter.

Nach einer Umfrage des Lewada-Meinungsforschungszentrums haben nur 32 Prozent der Russen vom „Prager Frühling“ in der Tschechoslowakei und seine Niederschlagung durch sowjetische Panzer vor 50 Jahren gehört. 36 Prozent aber halten den Truppeneinsatz von damals für richtig, nur 19 Prozent für falsch, 45 Prozent wussten keine Antwort.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Russland

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