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Russland Als die Masken fielen

Heute vor hundert Jahren wurde in Jekaterinburg die Zarenfamilie erschossen.

Zar Nikolaus II. von Russland
Drei Jahre vor ihrem Tod: Zar Nikolaus II. mit Zarin Alexandra und den Kindern (v. li.) Alexej, Olga, Maria, Tatjana, und Anastasia. Foto: epd

Das letzte Wort des abgedankten Zaren war eine ratlose Frage: „Was?“ Vorher hatte ihm Jakow Jurowski, der Kommandeur der Wachmannschaft, die Entscheidung der örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte verkündet, den Zaren und seine Familie erschießen zu lassen. Als Antwort soll Jurowski seine Mauserpistole gezückt haben, wie sich Michail Medwedew, ein anderes Mitglied des bolschewistischen Kommandos, später erinnerte.

Es folgte eine Schießerei, sowohl Jurowski wie Medwedew behaupteten danach, sie hätten den früheren Imperator getötet, allein Medwedew feuerte aus seiner Browning 5 Kugeln auf Nikolai II. ab. Die Todesschützen schrieben in ihren Memoiren von Pulverdampf, Stöhnen und Geschrei, das Zimmermädchen Anna Demidowa versuchte mehrere Kugeln mit einem Kopfkissen abzufangen, auch der Thronfolger Alexej und die Prinzessinnen Tatjana und Anastassija lebten noch, einige Kugeln prallten von den Korsetts der Mädchen ab, in die sie vorher den Familienschmuck eingenäht hatten. Die Mörder töteten sie mit Bajonetten und Schüssen aus unmittelbarer Nähe.

Heute vor 100 Jahren, in der Nacht auf den 17. Juli 1917, töteten die Bolschewisten im Keller eines Wohnhauses in Jekaterinburg den letzten russischen Zaren Nikolai, die Zarin Alexandra, ihre fünf Kinder, außerdem den Leibarzt der Zarenfamilie, Koch, Kammerdiener und Zimmermädchen.

Ein Mord, der zum Fanal für die Grausamkeit der Sowjetmacht im Umgang mit dem Klassenfeind werden sollte. „Diese Tat ist weniger eine Erscheinung des politischen Kampfes als der pathologischen Psychologie der Bolschewisten“, sagt der Petersburger Historiker Konstantin Schukow der Frankfurter Rundschau. Nikolai II. war während der Februarrevolution 1917 abgedankt, mit seiner Familie von der provisorischen Regierung ins westsibirische Tobolsk verbannt worden. Dort fielen sie nach dem Oktoberumsturz 1917 in die Hände der Bolschewisten, die die Romanows nach Jekaterinburg brachten.

Im Juli 1918 näherte sich die Bürgerkriegsfront Jekaterinburg. Statt die Zarenfamilie ins sichere Moskau abzutransportieren, beschlossen die örtlichen Bolschewisten, sie zu töten. Begründung: Es galt zu verhindern, dass die weißen Truppen Nikolai II. befreiten und ihn zur Symbolfigur ihrer antibolschewistischen Bewegung machten. Russische Historiker zweifeln daran. „Die weiße Bewegung war nur zum Teil monarchistisch“, sagt der Historiker Boris Kolonitski. „Außerdem gab es mit dem Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch einen lebendigen, freien und populären Romanow, der aber keinerlei politischen Einfluss hatte.“

Nikolai II. wurde heiliggesprochen

Nach der Erschießung gaben die Bolschewisten nur Nikolais Tod bekannt, behaupteten noch lange, man habe seine Familie in Sicherheit gebracht. Die Toten warf man in einen Schacht, ihre Überreste wurden erst 1991 wiederentdeckt.

Die russisch-orthodoxe Kirche hat Nikolai II. und seine Angehörigen 2000 als Märtyrer heiliggesprochen, ihre Gebeine wurden nach St. Petersburg gebracht. Heute ranken sich neue Mythen um ihren Tod. Russische Geistliche diskutieren, ob die Erschießung der Romanows ein jüdisch-bolschewistisches Menschenopfer gewesen sei.

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