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Russisches Herbstmanöver Feuchte Großmachtträume

Die Russen üben die Invasion Skandinaviens und des Baltikums als maritime Anti-Terror-Jagd. In Nordeuropa bereitet das russische Muskelspiel Sorgen.

Dezent, wie man sie kennt: russisches Antiterror-Marinemanöver am Ostseestrand. Foto: REUTERS

Im Nato-Russland-Rat, in dem sich die einstigen Kalten Krieger in Partnerschaft üben, hatte Moskau ein Herbstmanöver zur Terrorismusbekämpfung angekündigt. 22 500 russische und weißrussische Soldaten sollten an der Übung für „die Abwehr von religiösen und ethnischen Unruhen sowie von terroristischen Attentaten“ teilnehmen. Doch dann mobilisierte man 70 000 für „Zapad 2013“, und die Bewaffnung der Truppen weckte Bekümmernis bei Russlands Nachbarn.

„Die Zahl der Truppen, die Aktivitäten in der Luft und die Konzentration an Militärmaterial waren wesentlich größer als für eine Anti-Terror-Übung nötig“, sagte Litauens Verteidigungsminister Juozas Olekas. „Spezialeinheiten und Landetruppen braucht man nicht, um das eigene Territorium zu verteidigen“, ergänzte sein lettischer Kollege Valdis Pabriks. „Deshalb sind wir beunruhigt.“ Estlands Präsident Toomas Ilves hatte schon vor Beginn des Manövers die Überzeugung geäußert, dass Russland „die Invasion der baltischen Staaten“ üben wolle.

Vom Georgienkrieg gelernt

Panzer- und Marineverbände, Flugzeugstaffeln und Luftlandetruppen beteiligten sich an „Zapad“ (übersetzt: Westen), das teils östlich der Grenzen zu den baltischen Staaten und Polen, teils nördlich an den Ufern der Barentssee stattfand. Parallel zu „Zapad“ gab es weitere Übungen, die offiziell nichts mit dem gemeldeten Manöver zu tun hatten, jedoch mit diesem koordiniert waren. So wuchs die Zahl der teilnehmenden Truppen auf 50 000 Soldaten und 20 000 Mitglieder paramilitärischer Verbände an, berichtet die in Militärfragen gewöhnlich sehr gut informierte Zeitung „Svenska Dagbladet“. Dadurch sollte der wahre Umfang des Trainings verschleiert werden, zitiert die Zeitung baltische Diplomaten: „In Wirklichkeit übten die Russen einen Angriff auf das Baltikum und Polen. Sie wollen uns einschüchtern, und das ist beunruhigend.“

Dass bei dem Manöver erstmals die russische Langstreckenrakete Iskaner im Ostseeraum getestet wurde, gilt als Indiz dafür, dass es sich um mehr handelte als um eine Anti-Terror-Übung. „Um Terroristen zu bekämpfen, braucht man keine Bomber, U-Boot-Jäger, Raketen oder schwere Landungstruppen“, sagte der Diplomat. Es habe in dem Manöver Elemente aus der Terrorbekämpfung gegeben, doch das Hauptgewicht habe auf offensiven Operationen gelegen.

Seit dem Georgienkrieg 2008, der große Probleme bei der raschen Verlegung von Truppen enthüllte, habe Moskau die Kommandostruktur verändert, um Verbände auch über große Distanzen effektiv leiten zu können. Übungen wie „Zapad“ zeigten, dass man nun imstande sei, Truppen aus verschiedenen Militärregionen zu einer „mächtigen Faust“ zu sammeln, schreibt „Svenska Dagbladet“ unter Berufung auf baltische Regierungskreise. So könne man frühzeitige Konzentrationen vermeiden, was andere Staaten warnen würde.

Auch in Schweden bereitet das russische Muskelspiel Sorgen. Eine Episode vom Karfreitag, als russische Bomber nahe der Insel Gotland Angriffe auf schwedische Ziele simulierten, während die dortige Luftwaffe Osterurlaub hielt, gilt als Weckruf. Auch mehrmals später kamen russische Staffeln dem schwedischen Festland näher als je zuvor seit Ende des Kalten Krieges. Es sei daher nötig, Bereitschaft zu markieren, betonen Politiker.

Schweden auf der Hut

„Die Episoden in Schwedens Nahbereich mehren sich, daher müssen wir unsere Präsenz in der Luft und zur See verstärken“, sagt Allan Widman, der Verteidigungssprecher der Liberalen. Die konservative Verteidigungsministerin Karin Enström sieht sich ausreichend über die russischen Vorhaben informiert, doch die oppositionellen Sozialdemokraten sind kritisch. „Russland ist in der Offensive. Wir können vor der Aufrüstung und den Manövern nicht die Augen schließen. Die Lage hat sich verändert im Vergleich zu vor zehn Jahren“, meint Peter Hultqvist, der Vorsitzende des parlamentarischen Verteidigungsausschusses.

Russland ist dabei, sein seit dem Zerfall der Sowjetunion schrottreif gewordenes Militär völlig zu modernisieren, gibt 4,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Rüstungszwecke aus und erhöhte die Ausgaben im Vorjahr laut Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri um 16 Prozent. Bis 2020 will Moskau 70 Prozent seines Militärmaterials erneuert haben.

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