Lade Inhalte...

"Rote Flora" Hamburg Die schwerste Straßenschlacht seit vielen Jahren

Statt eines Protestzugs erlebt Hamburg im Laufe des Tages die schwersten Straßenschlachten seit vielen Jahren - Um die 120 Polizisten wurden verletzt, 300 Menschen vorübergehend in Gewahrsam genommen. Unser Autor Hanning Voigts war vor Ort.

Ein Bild der Verwüstung: Das Schanzelviertel in Hamburg nach der Straßenschlacht. Foto: dpa

Die Demonstration endet, noch bevor sie richtig angefangen hat. Als die Spitze des Aufzuges knapp 20 Meter zurückgelegt hat, sprinten gegen 15.10 Uhr Polizisten nach vorne, einige von ihnen setzen noch im Laufen ihre Helme auf. Die Beamten stoppen den Demonstrationszug, schubsen die ersten Reihen zurück, setzen sofort Schlagstöcke ein. Daraufhin eskaliert die Situation: Aus der Demonstration fliegen Flaschen und Steine, Pyrotechnik saust durch die Luft. Zwei Wasserwerfer fahren vor und spritzen ohne Vorwarnung Wasser in die ersten Reihen. Der Protestzug weicht zurück, Böller explodieren. Das Chaos ist perfekt.

Aus den Fugen geraten

Rund 8000 Menschen hatten sich am Samstagmittag im Hamburger Schanzenviertel versammelt, um ihrem Eindruck Ausdruck zu verleihen, dass etwas aus den Fugen geraten ist in der Hansestadt. Sie wollten gegen die drohende Räumung des seit mehr als 20 Jahren besetzten Kulturzentrums Rote Flora protestieren, gegen den Abriss der maroden „Essohäuser“ auf St. Pauli, gegen die harte Linie des SPD-Senats in der Flüchtlingspolitik – schwelende Konfliktherde, die die Stadt seit Monaten in Atem halten. Seit dem Mittag hatten sich Hunderte vor der Roten Flora versammelt, viele von ihnen schwarz gekleidete Mitglieder der autonomen Szene, angereist aus dem ganzen Bundesgebiet und dem europäischen Ausland.

Statt eines Protestzugs erlebt Hamburg im Laufe des Tages die schwersten Straßenschlachten seit vielen Jahren. Die Polizei drängt die Demonstranten mit Schlagstock und Wasserwerfer zurück vor die Rote Flora, diese schleudern im Gegenzug alles auf die Beamten, was sie in die Finger kriegen. Schnell weiten die Auseinandersetzungen sich auf die Nebenstraßen aus, die Polizei riegelt das Schanzenviertel weiträumig ab und kesselt in der Juliusstraße Demonstranten ein, Sanitäter tragen erste Schwerverletzte aus der Gefahrenzone.

Die Polizei, die den Aufzug um 15.30 Uhr wegen „Unfriedlichkeit“ offiziell auflöst, sieht die Schuld für die Eskalation klar bei den Demonstranten: Mehrere Tausend Gewaltbereite hätten sich an der Spitze des Demozuges versammelt, heißt es später, der Aufzug sei dann zu früh losgelaufen, zudem seien „Steine und Flaschen sowie entzündete Pyrotechnik“ gezielt auf Beamte geworfen worden. Erst daraufhin habe man den Aufzug gestoppt. Vor Ort dagegen sind sich viele Augenzeugen einig: Die Stein- und Flaschenwürfe gab es erst, als die Demonstration bereits stand.

300 Personen stundenlang im Kessel

Die Organisatoren der Demonstration teilen am Abend mit, das Vorgehen der Polizei stelle den „skandalösen politischen Versuch dar, das Versammlungsrecht auszuhebeln und die politische Auseinandersetzung um die Rote Flora, die Esso-Häuser und das Bleiberecht von Refugees hinter Rauchschwaden und Wasserwerfern unsichtbar zu machen“. Die Ereignisse des Tages machten deutlich, „dass der Senats unter Führung von Olaf Scholz an einer harten Linie in sozialpolitischen Konflikten in Hamburg festhält“. Die linke Bürgerschaftsabgeordnete Christiane Schneider sagt der Frankfurter Rundschau, sie habe den Eindruck, „dass der Senat nicht wollte, dass die Demonstraton stattfindet“.

In den folgenden Stunden gibt es im ganzen Stadtgebiet Scharmützel, die Lage ist unübersichtlich. Immer wieder sammeln sich in der Schanze oder vor den Essohäusern Hunderte Demonstranten, immer wieder zerschlägt die Polizei die Ansammlungen. Sanitäter versorgen Menschen, die durch Pfefferspray verletzt wurden. In der Innenstadt, von der Polizei präventiv zum Gefahrengebiet erklärt, rufen kleinere Gruppen von Aktivisten Parolen und liefern sich ein Katz-und-Maus-Spiel mit den Beamten. Im Schanzenviertel und auf St. Pauli brennen an vielen Stellen Müllcontainer und Barrikaden. In Eimsbüttel werfen Unbekannte die Fenster des Bezirksamts ein, auch auf der Schanze gibt es überall Glasbruch. In der Kastanienallee auf St. Pauli hält die Polizei rund 300 Personen stundenlang in einem Kessel fest.

Die aus dem ganzen Bundesgebiet zusammengezogenen rund 3000 Polizisten sind mit der Situation an vielen Stellen überfordert. Am Pferdemarkt, unweit der Roten Flora, greifen Polizisten sogar zwei Medienvertreter an. Sie sei mit einem freien Kollegen zwischen die Fronten geraten und habe sich an eine Wand geflüchtet, schilderte eine Mitarbeiterin der Nachrichtenagentur dpa die Situation. Als zwei Beamte sie aufgefordert hätten, sich zu entfernen, habe sie ihren Presseausweis hochgehalten und deutlich gesagt, dass sie Journalistin sei. „Daraufhin hat der eine Polizist gesagt, das sei ihm egal“, so die Reporterin. Er habe sie an der Jacke gepackt, ein anderer Polizist habe ihrem Kollegen gezielt mit der Hand ins Gesicht geschlagen.

Am Ende des Tages teilt die Polizei mit, dass rund 300 Menschen vorübergehend in Gewahrsam genommen wurden. Gegen 19 Personen werde jetzt wegen Landfriedensbruchs ermittelt. Insgesamt 117 Polizisten seien verletzt worden, 17 hätten im Krankenhaus behandelt werden müssen. Der Hamburger Ermittlungsausschuss spricht von 500 verletzten und 20 schwerverletzten Demonstranten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen