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Rosia Montana in Rumänien Aufmarsch der Gespenster

Die Proteste gegen ein umweltgefährdendes Goldbergwerk in Rumänien werden von den Medien ignoriert. Nicht einmal die Blockade des hoch symbolischen Universitätsplatzes in Bukarest kann die heimliche Nachrichtensperre durchbrechen.

Tausende junger Menschen protestieren seit Tagen in Bukarest. Foto: dpa

„Liebe Rovana“, ruft ein junger Mann, „du gehörst zu Montana!“ Nicht nur der smarten Umweltministerin Rovana Plumb, auch Premier Victor Ponta und Präsident Traian Basescu werfen die Demonstranten vor, sie hätten sich von einem potenten Investor kaufen lassen. Auch den Massenmedien. Tatsächlich herrscht in Presse, Funk und Fernsehen ein gespenstisches Schweigen zu den inzwischen fast täglichen Märschen und Kundgebungen gegen die Ausbeutung der Gold- und Silbermine in Rosia Montana im Nordwesten des Landes – und das, obwohl gerade in Rumänien sonst selbst kleinste Protestaktionen lange Sondersendungen nach sich ziehen.

Seit die Regierung unter dem sozialdemokratischen Premier Victor Ponta Ende August beschloss, einen Projektantrag zum Gold- und Silberabbau in dem berühmten Bergwerk an das Parlament weiterzureichen, reißen die Proteste nicht ab. Hunderte, an den Wochenenden Tausende von meist jüngeren, oft eher unpolitischen Rumänen versammeln sich in allen größeren Städten; vergangenen Samstag waren es schon acht Orte. Aber nicht einmal die Blockade des verkehrsreichen und seit der Revolution von 1989 hoch symbolischen Universitätsplatzes in Bukarest kann die heimliche Nachrichtensperre durchbrechen.

Noch in diesem Herbst soll das Parlament über die Zukunft des Bergwerks beschließen. Die Debatte darüber schwelt schon seit Ende der 90er Jahre, als die Regierung die Lizenz zum Gold- und Silberabbau für einen Spottpreis einem australisch-rumänischen Investor überließ.

Kreuzfahrt für Journalisten

Widerstand flammte auf, als im Jahr 2000 in einer anderen Goldmine in Baia Mare der Damm eines Beckens brach und sich Zehntausende Liter hochgiftige Zyanidsuppe in die Umwelt ergossen und bis weit nach Ungarn hinein die Flüsse verseuchten.

Weil nach Baia Mare auch in Rosia Montana an die hoch riskante Form des Abbaus nicht mehr zu denken war, ging der Investor pleite. Aber auch der Konzern Gabriel Resources, der 2006 einen 80-Prozent-Anteil des Bergwerks erwarb, will hier Zyanid für den Abbau verwenden – und zwar das Dreizehnfache der Menge, die im ganzen übrigen Europa zum Einsatz kommt. Große Befürchtungen konkurrieren hier mit riesigen Erwartungen: Unter der Erde von Rosia Montana, wo schon seit der Römerzeit Edelmetall gewonnen wird, werden heute 300 Tonnen Gold und 1600 Tonnen Silber vermutet.

Die in Toronto ansässige Firma, ein Joint Venture zweier US-amerikanischer und eines israelischen Milliardärs, investierte zunächst in eine mediale Sympathiekampagne, die allem Anschein nach zum vollen Erfolg wurde. Junge Leute aus der verarmten Region stammelten ihre verzweifelte Hoffnung auf einen Arbeitsplatz in die Kamera. Wenn sie die Zuschauer schon nicht überzeugten, dann doch die Medienbetreiber, die sich über satte Honorare für die Einschaltungen freuen konnten.

Politikergattin macht Promo

Wo die Spots in den Internet-Portalen auftauchen, darf dazu nicht gepostet werden. Für die Finanzzeitung „Ziarul financiar“, wichtigste Quelle zu Wirtschaftsfragen, erklärte der Chefredakteur schmallippig, sei Rosia Montana „kein Thema“. Fernsehmacher, aber auch der führende Wirtschaftsexperte Daniel Daianau, geben zur Streitfrage Nummer 1 „keinen Kommentar“. Für 30 „Meinungsführer“ unter den Journalisten hat Gabriel Resources eine Kreuzfahrt nach Neuseeland organisiert – 14 Tage mit Partnerin oder Partner.

Trotz mangelnder medialer Resonanz reagiert die politische Szene höchst sensibel auf den öffentlichen Unmut. Präsident Basescu, der das Projekt anfangs entschieden befürwortet hatte, mahnt inzwischen zum Respekt vor der Skepsis der Bürger. Wirtschaftsminister Varujan Vosganian entschuldigte sich, er sei „im Ausland“ gewesen, als das Kabinett über den Antrag von Gabriel Resources beraten habe.

Vize-Premier Crin Antonescu, als Vorsitzender der Nationalliberalen der zweitmächtigste Mann der Regierung, schweigt sich zum Thema aus. Seine Ehefrau dagegen organisierte in Brüssel sogar zwei Promotion-Veranstaltungen von Gabriel Resources mit. Premier Ponta, der im Hintergrund die Fäden zog, rief am Montag überraschend die Parlamentarier auf, gegen das Projekt zu stimmen – dem er als Regierungschef selbst die Zustimmung gegeben hatte. Seine Ehefrau Daciana Sirbu will sich „in Ketten legen lassen“, wenn das Parlament grünes Licht gibt.

Die Gegner von Rosia Montana befürchten ein perfides Manöver. So meint Ex-Umweltminister Attila Korodi, das Parlament könne, anders als die Regierung, den Goldabbau zu einem Anliegen im nationalen Interesse erklären und somit die Zwangsenteignung von Anwohnern durchsetzen. Die Börse allerdings ist skeptisch. Seit Beginn der Proteste ist die Aktie von Gabriel Resources um 18 Prozent gefallen.

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