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Roma Asyl Heime mit Flüchtlingsstrom vom Balkan überfordert

Tausende Roma-Familien aus Serbien und Mazedonien beantragen in Deutschland Asyl. Die Flüchtlingsheime sind mit diesem Ansturm überfordert.

Im nordrhein-westfälischen Unna-Massen warten Roma-Familien in der wiedereröffneten Zentralstelle für Aussiedler, Zuwanderer und ausländische Flüchtlinge auf die Kleiderausgabe durch das Rote Kreuz. Foto: Frank Schultze / ZEITENSPIEGEL

Es gab eine Zeit im Leben von Dzevad*, da nannte man ihn „Bruder“: damals im Kosovo, als er an der Seite der serbischen Armee gegen die albanischen Separatisten kämpfte. „Bruder Rom“, hieß es damals, „es ist schön, dich bei uns zu haben.“ Dreizehn Jahre ist das her. Heute fühlt es sich für Dzevad an, als berichtete er aus dem Leben eines Anderen.

An diesem Vormittag sitzt Dzevad auf einem Feldbett in einem großen Saal, der normalerweise als Veranstaltungsraum für die Bielefelder Gesellschaft für Arbeits- und Berufsförderung (GAB) dient. Halogenlampen erhellen den Raum. Dzevad streicht sich durch den Bart, der ihm in den vergangenen sechs Tagen gewachsen ist. Seine Frau und die fünf Kinder sind im Saal nebenan, wo die Helfer von der GAB Frühstück verteilen. Von Bielefeld hat Dzevad an diesem Morgen zum ersten Mal gehört. Er weiß nur, dass es in Deutschland liegt – und dass ihn hier niemand Bruder nennen wird.

Auf Menschenstrom nicht vorbereitet

Allein im September haben nach Angaben des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge 2?435?Menschen aus Serbien und Mazedonien in Deutschland Asyl beantragt. Sie stellten damit mehr als ein Drittel aller Asylbewerber in diesem Monat. Es sind fast ausschließlich Roma. Die Behörden waren auf den Menschenstrom, der nun schon seit drei Monaten anhält, nicht vorbereitet. Weil die Zahl der Asylsuchenden zwischen 2002 und 2009 kontinuierlich zurückgegangen war, wurden auch immer mehr Aufnahmeeinrichtungen geschlossen. In Dortmund mussten Anfang Oktober zeitweise mehr als 850 Menschen in der Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge untergebracht werden. Ausgelegt ist sie für 350.

Auch Dzevad kam zunächst in Dortmund an. „Es war unglaublich voll dort“, sagt er. Der Umzug in die Notunterkunft in Bielefeld-Siekern bedeutete für ihn und seine Familie einen Fortschritt. 120 Feldbetten stehen im Kulturzentrum bereit. Die meisten sind an diesem Vormittag verwaist. Die etwa 60 Asylsuchenden, die tags zuvor hier ankamen, sind auf dem Weg zur zentralen Ausländerbehörde. Die meisten sollen danach auf andere Unterkünfte verteilt werden in Mönchengladbach, Neuss oder Schöppingen.

Wieder auf dem Feldbett

Dzevad sitz nicht zum ersten Mal auf einem Feldbett. Im Kosovo hatte seine Familie Land. Doch Serbien hat den Krieg verloren. Und im neuen, von Albanern dominierten Kosovo sind Roma nicht wohl gelitten – schon gar nicht solche, die mit den Serben gekämpft haben. Also floh er mit seiner Familie ins serbische Pozarevac. „Doch für uns Roma gibt es auch in Serbien keinen Platz mehr“, sagt er.

Die deutschen Politiker tun sich schwer mit diesen Menschen. Sie werden zwar in Flüchtlingsunterkünften aufgenommen, doch Flüchtlinge möchte sie niemand nennen. Zu lange sind die jugoslawischen Sezessionskriege schon vorbei, als das sie im Asylverfahren noch eine Rolle spielen würden. Stattdessen ist von Bewerbern die Rede, als seien die zu vergebenden Asylplätze auf eine bestimmte Zahl beschränkt.

Schünemann unterstellt Asyl-Missbrauch

Der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann (CDU) etwa unterstellte den Roma unlängst „tausendfachen Asyl-Missbrauch“, da sie aus rein wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland kämen. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) hat gefordert, die seit Ende 2009 bestehende Visafreiheit für Bürger Serbiens und Mazedoniens wieder aufzuheben, die den jetzigen Zustrom erst möglich gemacht hat. Nur den Satz „Das Boot ist voll“ hat bisher noch niemand benutzt.

Ragip Jasharaj kann ob solcher Verallgemeinerungen nur den Kopf schütteln. „Die Beweggründe sind vielfältig. Das ist wie mit einem Baum, der hat auch viele Äste.“ Der Stamm aber, der Kern der Sache sei in fast allen Balkanländern der gleiche: „Den Roma werden ihre elementaren Menschenrechte vorenthalten: Arbeit, Unterkunft, Bildung und medizinische Versorgung.“

Von Beruf ist Jasharaj eigentlich Lehrer, dieser Tage aber ist er meist als Dolmetscher in Unna-Massen bei Dortmund unterwegs. Die dortige Zentrale Migrationsstelle aus Dutzenden von zweigeschossigen Sozialbauten bildet einen kompakten eigenen Stadtteil. 2009 wurde sie geschlossen, nun, am 12. Oktober, musste sie wieder öffnen. Freiwillige Helfer des Roten Kreuzes bemühen sich, die verwaisten Siedlungsbauten wieder bewohnbar zu machen. Knapp 230 der 2?100 Asylbewerber in Nordrhein-Westfalen sind derzeit hier untergebracht. Platz gäbe es notfalls für 400: jeweils vier Quadratmeter pro Person in kahlen, aber immerhin beheizten Wohnungen mit fließend Wasser. „Das ist mehr, als die meisten hier in ihren Ländern hatten“, sagt Jasharaj.

Der Dolmetscher hat in den vergangen zwei Wochen viele Geschichten gehört. Von kaum verbrämter Benachteiligung bis zu tätlichen Übergriffen reichen die Beispiele, die er aufzählen kann. „In den letzten zehn Jahren hat sich die Situation für die Roma im ehemaligen Jugoslawien immer mehr zugespitzt“, so Jasharaj. In einer Region, in der die große politische Idee der letzten Jahrzehnte darin bestand, ethnisch möglichst reine Territorien zu schaffen, scheint immer weniger Platz zu sein für eine Ethnie, die sich noch nie über ein Territorium definiert hat. „Es ist einfach nicht mehr auszuhalten“ – diesen Satz hört man in Unna-Massen in diesen Tagen sehr oft.

Für die Kinder

Auch Dzevad hat es nicht mehr ausgehalten. Plötzlich war er nicht mehr „Bruder Rom“, sondern nur noch „ein dreckiger Albaner“. Und als solcher sollte er sich zum Teufel scheren, zurück ins Kosovo. Die Armee-Rente wurde ihm verweigert. Die Fabrik, in der er arbeitete, entließ ihn. Sein Vermieter setzte ihn und seine Familie vor die Tür. Als ihm nichts anderes mehr übrig blieb, zog er mit Frau und Kindern auf die Mülldeponie. Sie wühlten nach allem, was sich noch irgendwie verkaufen ließ. „Und dann wollten die Lehrer meine Kinder nicht mehr unterrichten. Weil sie stinken. Wie soll man nicht stinken, wenn man von der Deponie lebt?“

Dzevad hebt den rechten Arm seines zweitjüngsten Sohnes an. Entzündete Wunden kommen zum Vorschein. „Von der Deponie. Das haben alle meine Kinder“, sagt Dzevad und streicht sich erneut durch den Bart, den er sich nur wachsen lässt, weil er nicht weiß, wen er nach einem Rasierer fragen soll. „Um die Kinder geht es“, sagt er. „Mein Leben ist vorbei.“ Dzevad ist 35 Jahre alt.

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