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Rohingya Überlebenskampf im Auge des Monsuns

Im weltweit größten Flüchtlingslager Kutapalong in Bangladesch harren Hunderttausende Rohingya aus. Jetzt bedroht der Monsun ihre Existenz.

Rohingya
Warten hinter Stacheldraht: Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch. Foto: afp

Als sie vor einem halben Jahr im Lager Kutapalong ankamen, hatten die 25-jährige Mutter Tasmin, ihr Ehemann und die vier Kinder nur ein paar kleine Bündel dabei, die sie auf ihren Köpfen tragen konnten. Die Rohingya-Familie hatte ihre gesamte Existenz aufgeben müssen. Gemeinsam mit rund 700.000 anderen Angehörigen der muslimischen Minderheit waren sie vor Myanmars Sicherheitskräften aus dem Rakhine-Staat ins benachbarte Bangladesch geflohen. Die Narben – eine Erinnerung an Myanmars Soldaten und lokale Milizen, die die Frauen und Mädchen besonders brutal vertrieben – sind bei Tasmin endlich verheilt.

Doch nun ist die Existenz der jungen Familie schon wieder bedroht. Diesmal ist der Feind der Monsun, der für Millionen von Bauern in Südasien lebenswichtig ist, dessen sintflutartige Regenfälle jedoch die engen Gassen zwischen den Notunterkünften von Kutapalong schon während der ersten Tage in Schlammwüsten verwandelte. Jeder Tag, den die Flüchtlinge in ihrer wackeligen Notunterkunft auf Plastikplanen und Bambusstäben ausharren, kann tödlich enden. 

Entkommen ist nahezu unmöglich. Bangladeschs Regierung kreiste Kutapalong nahe der Hafenstadt Cox Basar mit 27 Kontrollposten ein, die eine Flucht aus dem Lager verhindern. „Sie haben mir beigebracht, wie ich unsere Unterkunft besser und stabiler bauen kann“, sagt Tasmin nach einem kurzen Lehrgang bei der Internationalen Organisation für Migration (IOM). Die junge Mutter ist für jeden Ratschlag dankbar und hat sich gleich für den nächsten Kurs angemeldet: „Erste Hilfe im Katastrophenfall“ sowie „Suche nach Verschütteten und ihre Versorgung“.

In Kutapalong fehlen Schutzbunker

Helfer gehen davon aus, dass Erdrutsche und Überschwemmungen während des Monsuns viele Hütten zerstören werden. Hilfsorganisationen haben bereits Tausende Familien umgesiedelt, die an besonders gefährdeten Hängen lebten. Doch viele Ausweichmöglichkeiten gibt es für die Rohingyas angesichts der beengten Verhältnisse nicht. Rund 120.000 von ihnen, so lauten konservative Schätzungen der Vereinten Nationen, leben in Teilen des Camps, die besonders von Schlammlawinen und Überschwemmungen bedroht sind. Kutapalong liegt in der Region des Golf von Bengalen, die während der Monsunzeit extrem anfällig für Wirbelstürme ist. Im Jahr 1970 tötete ein Zyklon 300.000 Menschen in Bangladesch. 1991 verloren zehn Millionen Menschen ihre Häuser bei einem Wirbelsturm. Vor zehn Jahren starben rund 10.000 Menschen, als Zyklon Sidr die Küste heimsuchte. 

Die Hauptstadt Dhaka baute schon vor Jahrzehnten eine Kette von Schutzbunkern für die lokale Bevölkerung, die eine Katastrophe wie 1970 weitgehend verhinderten. Aber in Kutapalong fehlen diese Unterkünfte. Da die Flüchtlinge nach ihrer Ankunft den Wald auf den Hügeln für Brennholz und für den Bau von Unterkünften abholzten, fehlt nun das Wurzelwerk, das dem Boden Stabilität verlieh.

„Wir werden Menschenleben verlieren“, sagt Daphne Cook, eine Vertreterin des Kinderhilfswerks „Save the Children“ in Cox Basar, „aber Regierungen in aller Welt scheinen uns vergessen zu haben.“ Es ist ein Schicksal, dass den Rohingyas allzu vertraut ist; viele westliche Regierungen machten etwa eine Rohingya-Untergrundgruppe, die nach jahrzehntelanger Unterdrückung im August 2017 bei einem Angriff auf einen Polizeiposten in Myanmar ein Dutzend Menschen tötete, für die Entwicklung im Rakhine-Staat verantwortlich. 

„Jetzt gibt es keine Bilder mehr von verletzten und ausgelaugten Flüchtlingen, die nach Bangladesch strömen“, sagt Daphne Cook. Das größte Flüchtlingslager der Welt droht ein Todeslager zu werden. Denn das Geld für dringend benötigte Hilfe bleibt aus. Die Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen OCHA veröffentlichte Mitte März einen Hilfsappell über 951 Millionen US-Dollar, die bis Dezember für Kutapalong benötigt werden. Sechs Wochen später sind gerade mal Zusagen für klägliche zehn Prozent eingegangen. Am spendabelsten unter den Regierungen der Welt zeigte sich bislang ausgerechnet die Regierung von US-Präsident Donald Trump. Berlin liegt laut den jüngsten Zahlen der Vereinten Nationen an zweiter Stelle. 

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