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Rifa´at Lenzin über Minarette "Diktatur des Bauchgefühls"

Islamwissenschaftlerin Rifa´at Lenzin macht sich nach dem Minarettverbot Sorgen, ob sie als Muslimin in der Schweiz nicht mehr leben kann. Im FR-Interview spricht sie über Zwangsheiraten und Burkas.

03.12.2009 00:12
Proteste in Lausanne gegen das Minarettverbot. Foto: afp

Frau Lenzin, auch hier in Deutschland findet das Minarettverbot der Schweizer viel Zustimmung - jedenfalls wenn man Internetforen, Leserbriefen und Talkshows Glauben schenkt. Sie sind selbst praktizierende Muslimin - macht Ihnen das Angst?

Ja, schon. Ich bin hier in der Schweiz geboren, und ich habe mich früher nie gefragt, ob ich als Muslimin vielleicht eines Tages nicht mehr hier leben kann. Aber jetzt kommen mir solche Gedanken, noch stärker als nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Ich frage mich, ob ich noch sicher bin als Muslimin, die auch in der Öffentlichkeit bekannt ist.

Warum sind den Muslimen die Minarette so wichtig?

Es hat mit mehr Selbstbewusstsein zu tun. Viele Muslime hier sind nicht übermäßig fromm, gehen nur noch zu den hohen Festtagen in die Moschee, und so halte ich es auch. Aber wenn ich zum Beispiel das Ende des Ramadan feiere, dann will ich nicht mehr in irgendeinen Keller steigen, ich will das in einer schönen Moschee tun, wie Christen in schönen Kirchen feiern. Die Zürcher Muslime zum Beispiel wollen schon lange ein größeres Haus, aber das ist nicht mal im Planungsstadium.

Dieses Selbstbewusstsein scheint vielen Nichtmuslimen Probleme zu machen.

Mag sein, aber bei der Initiative ging es um etwas anderes. Die Schweizer sind verunsichert: Das fing an mit der Pleite der Airline Swissair, die ein nationales Symbol war, das Verhältnis zu Europa ist ungeklärt, dann die Bankenkrise und der Ärger um nachrichtenlose Vermögen. Die Minarettinitiative war das Ventil, über das die verstörte Volksseele sich Luft gemacht hat. Die Muslime sind die Sündenböcke, ohne dass das mit ihrem Verhalten was zu tun hat. Das ist eine islamophobe Störung, die man mit dem Antisemitismus vergleichen muss.

Aber bieten die Muslime nicht auch Angriffsflächen? Es gibt Zwangsheiraten, Probleme mit den Frauenrechten

Zwangsheiraten sind ein gutes Stichwort. Das gibt es in geringer Zahl und nicht nur bei Muslimen. Wir haben hier sehr viele Tamilen aus Sri Lanka, da sind arrangierte Ehen mindestens so verbreitet. Aber da regt sich niemand auf. Sie sehen, es liegt nicht am Islam - man braucht einen Sündenbock.

Die Muslime sind in der Defensive. Was müssen sie ändern?

Sie müssen lernen, offensiv an der öffentlichen Meinungsbildung teilzunehmen, da stehen wir ganz am Anfang. Sie müssen sich professionalisieren, es gibt ja kaum bekannte Persönlichkeiten. Auch der Organisationsgrad muss zunehmen und die Institutionenbildung. Wir haben hierzulande keinen Lehrstuhl für islamische Religion! Da sind aber Politik und Parteien gefragt, das können die Muslime allein nicht schaffen.

Schweizer Politiker machen sich jetzt für was ganz anderes stark, nämlich ein Burkaverbot

Es ist verheerend, dass die Christdemokraten jetzt auf diesen Zug aufspringen. Das ist das gleiche Muslimbashing, die gleiche Stellvertreterdebatte wie beim Minarettstreit. Die wenigen einheimischen Musliminnen bei uns, die Burka tragen, gehören orthodoxen Strömungen an. Würde man heute etwa orthodoxen Juden Schläfenlocken verbieten?

Aber ist bei der Burka und beim Schleier nicht oft Zwang im Spiel - Zwang von Ehemännern, Vätern, Brüdern?

Fragt bei einem jüdischen Jugendlichen jemand, ob er die Kippa freiwillig trägt? Nein. Ich plädiere im Übrigen dafür, dass jede Frau selbst bestimmen darf, was sie trägt, und in dieser Richtung lese ich auch den Koran. Ich selbst trage kein Kopftuch, aber ich komme aus einem Milieu, in dem Burkas durchaus vorkommen. Und ich weiß: Es gibt Frauen, die tragen sie, weil sie es wollen. Und das sollen sie auch dürfen, wie Menschen anderer Religion.

Wie geht es jetzt weiter mit den Schweizern?

Schwer zu sagen. Jedenfalls muss man nach dem Referendum festhalten: Der Zusammenhalt der Gesellschaft ist bedroht. Das Bauchgefühl einer verunsicherten Mehrheit hat sich total abgekoppelt vom Einfluss der Meinungsführer in Parteien und Kirchen. Bei uns darf über praktisch alles abgestimmt werden, und kein Verfassungsgericht schützt zentrale Rechtsgüter. Das kann eine Art Diktatur des Volkes werden, zulasten des Rechtsstaates.

Interview: Ursula Rüssmann

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