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Rente Russland will Rentenalter erhöhen

Die Renten-Pläne der russischen Regierung verärgern viele Russen. Die Lebenserwartung ist niedrig.

Russland
Am Rande eines Marktes in Nischni Nowgorod sitzt eine alte Frau und bettelt. Foto: afp

In Russland kursiert ein neuer Witz: „Der Sowjetbürger besaß ein unerreichbares Ziel: zu leben, bis der Kommunismus kommt. Die heutigen Russen haben auch ein unerreichbares Ziel: zu leben, bis sie Rente bekommen.“

In Russland herrscht Unmut. Die Regierung kündigte Mitte Juni an, sie wolle das Rentenalter ab 2019 schrittweise erhöhen, für Männer bis 2028 von 60 auf 65 Jahre, für Frauen bis 2034 von 55 auf 63 Jahre. Das Projekt ist heftig umstritten, am vergangenen Wochenende kam es zu landesweiten Straßenprotesten. Selbst Wladimir Putins Popularitätswerte sackten merklich ab. Nach einer Umfrage der Stiftung für Öffentliche Meinung fiel der Anteil der Russen, die seine Arbeit positiv bewerten, binnen zwei Wochen von 77 auf 63 Prozent.

Und laut der Romir-Gesellschaft für Markt- und Gesellschaftsstudien sind 92 Prozent der Russen gegen die Erhöhung des Rentenalters. Eines ihrer Hauptargumente ist die niedrige Lebenserwartung im Land. Laut staatlicher Statistik lag sie 2017 für Frauen bei 77,2, für Männer bei 66,8 Jahren. Das heißt, bei einem Rentenalter von 65 Jahren hätte der männliche russische Durchschnittspensionär gerade noch zwei Jahre Lebensabend vor sich. Eine Perspektive, die Wladimir Putin selbst noch 2015 sehr ungeschönt beschrieb: „Der hat seine Arbeit getan, also in den Holzkarton, und ab mit ihm? Das ist unmöglich.“ Anfang Juni versicherte er, er betrachte das Thema mit großer Vorsicht, aber eine Erhöhung diene vor allem „einer wesentlichen Steigerung des Wohlstandes der Rentner.“ 

Regierungsnahe Experten versuchen, den allgemeinen Ärger mit neuen Zahlen zu beruhigen. So veröffentlichten Soziologen der Moskauer Hochschule für Wirtschaft kürzlich eine Studie, nach der Männer, die einmal das künftige Rentenalter von 65 erreicht haben, danach im Durchschnitt noch 13,4 Jahre leben, Frauen im Alter von 63 sogar noch 19,3 Jahre vor sich hätten.
Aber die allgemeine Stimmung bleibt sarkastisch. „Tschechow starb mit 44, Puschkin mit 37, Majakowski hat sich mit 36 erschossen“, postet ein Facebook-User. „Und was tust Du für die staatliche Rentenkasse?“ 

Schon schlagen Spötter vor, die Monatsrente auf eine Million Rubel (über 13 000 Euro) zu erhöhen, das Rentenalter aber auf 100 Jahre. Und am Wochenende kam es zum ersten mal seit den Anti-Putin-Demos von 2012 zu Straßenprotesten, zu denen nicht nur Systemgegner wie Alexei Nawalny oder die liberale Jabloko-Partei aufriefen, sondern auch in der Duma vertretene Parteien wie Kommunisten und Nationalliberale sowie die Föderation der Unabhängigen Gewerkschaften Russlands – eigentlich kremlloyale Organisationen. „Aber auch wenn Kommunisten und der Gewerkschaftsverband nur pro forma auf die Straße gegangen sind, können die Proteste gegen die Rentenreform durchaus Wirkung zeigen“, sagte der Soziologe Boris Kagarlizki der Frankfurter Rundschau. „Die Regierung hat einen Fehler gemacht, sie hat mit einem Schlag zu viele Menschen beleidigt.“

Premierminister Dmitri Medwedew und viele Experten argumentieren, die Reform sei längst überfällig, die niedrige Geburtenrate zwinge dazu. „Jetzt ernähren zwei Arbeitnehmer einen Pensionär“, erklärt die Sozialpolitologin Lilia Owtscharowa. „Aber wir brauchen ein Verhältnis von 1:3. Sonst müssen wir einen Teil des Staatshaushalts in die Rentenkasse stecken.“ Aus dem gleichen Grund hätten fast alle anderen europäischen Länder das Rentenalter angehoben.

Allerdings unterscheidet sich das russische Rentensystem in der Praxis gewaltig von dem in Europa üblichen. So sind von 42 Millionen Pensionären in Russland 15 Millionen weiter arbeitstätig, um ihre offizielle Durchschnittsrente von umgerechnet 186 Euro aufzubessern. „Diese Menschen betrachten die Rente als bitter nötigen staatlichen Zuschuss, die künftigen Pensionären jetzt auf Jahre gestrichen wird“, sagt Kagarlizki. „Natürlich fühlen sie sich verhöhnt.“ 

Viele Politologen sagen neue Proteste für den Herbst voraus. Zumal außer dem Rentenalter auch die Mehrwertsteuer erhöht werden soll und die Benzinpreise steigen schon seit Monaten. 

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