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Rente mit 67 Glück der Seelsorger, Pech der Dachdecker

Warum es unter Pfarrern und Wachleuten relativ viele ältere Beschäftigte gibt - und warum Handwerker und Erzieher früher aufhören zu arbeiten.

Verschwindend gering ist der Anteil der Älteren unter den Bergleuten - gerade mal 0,5 Prozent von ihnen sind über 60. Foto: dpa

Für welche Menschen wäre es kein Problem, wenn sie bis 67 Jahre arbeiten müssten? „Für Wissenschaftler und Politiker“, sagt der Wissenschaftler Ernst Kistler wie aus der Pistole geschossen. Der Direktor am Institut für empirische Sozialökonomie in Stadtbergen befasst sich seit langem mit altersgerechten Arbeitsbedingungen. Er weiß, warum es für manche Beschäftigte eine Horrorvorstellung ist, bis 67 zu malochen und andere das sogar gern tun würden. Wissenschaftler hätten beispielsweise viele Freiheiten, und die körperliche Anstrengung halte sich in Grenzen.

Auch Seelsorger und Ärzte könnten ihren Beruf oft sehr lange ausüben. Mediziner hätten zwar einen stressigen Job, meist gebe es jedoch Ausgleichsmechanismen: Sie hätten eine hohe Anerkennung, verdienten ganz gut und könnten die Öffnungszeiten ihrer Praxis selbst festlegen.

Für andere Beschäftigte ist die Lage schwieriger. „Der Dachdecker ist ein Synonym für schwere körperliche Arbeit“, sagt der Volkswirt Kistler. Obendrein sei sein Beruf gefährlich. Kein Wunder, dass es nur wenige ältere Dachdecker gibt, die noch berufstätig sind. Insgesamt gibt es in Deutschland etwa 60000 Dachdecker, davon sind nur 1,5 Prozent älter als 59 Jahre, sagt eine Sprecherin der Bundesagentur für Arbeit (BA) der FR. Zum Vergleich: Bei Ärzten und Apothekern ist der Anteil der Älteren fast dreimal so hoch.

„Insgesamt können gut ein Drittel aller Beschäftigten aufgrund besonderer Belastungen nicht bis 65 Jahre arbeiten, geschweige denn bis 67“, schätzt Kistler. Zu dieser Gruppe zählt er auch Altenpfleger: Ihre Arbeit sei körperlich sehr anstrengend – und besonders stressig. Oft müssten sie sich an strenge Zeitvorgaben halten. Erzieherinnen hätten häufig Rückenprobleme, weil es in Kitas oft nur winzige Kinderstühle gibt.

Überraschend hoch ist der Anteil der über 59-Jährigen unter Reinigungskräften und Wachleuten. Viele übernehmen solche Jobs, weil sie nichts anderes mehr finden, erläutert Kistler. Oft sind es Teilzeit-Stellen, die auch für Ältere zu bewältigen sind. So haben unter Reinigungskräften über 59 Jahre gerade mal 35 Prozent eine volle Stelle. Viele Frauen landeten in der Branche, wenn ihre Kinder aus dem Haus sind, sagt ein Sprecher der Gewerkschaft IG BAU.

Dieses Beispiel zeigt: Der Anteil der Ergrauten in verschiedenen Berufen ist zwar ein Indiz dafür, wie belastend ein Job ist. Es gibt aber noch andere Gründe, warum in manchen Berufen relativ viele Ältere tätig sind. So starten Akademiker später ins Berufsleben als Hilfskräfte. Und in Schulen wurden oft über Jahre kaum junge Leute eingestellt.

Für Kistler bleibt unterm Strich die Erkenntnis: Viele Menschen können nicht bis 67 arbeiten. Deswegen sei die Rente mit 67 falsch. Sinnvoller sei es zu überlegen, wie mehr Beschäftigte wenigstens bis 65 im Job bleiben können.

Nötig sei eine konsequente Prävention und Verminderung der Belastungen, betont ein Sprecher der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Und Firmen müssten überlegen, wo sie ihre Beschäftigten im Alter einsetzen können. Aus einem Streetworker könne beispielsweise ein Betreuer für alte Menschen werden.

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