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„Regenbogenfamilien“ Welche Eltern braucht ein Kind?

Die Frage, die immer wieder Debatten auslöst: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen? Für ihr Buch „Regenbogenfamilien“ hat Katja Irle gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zu ihrer Familiensituation befragt.

09.03.2014 14:08
Katja Irle
Luzie und Lotta mit ihren beiden Müttern Melanie und Birgit Spors. Foto: Monika Müller

Die Frage, die immer wieder Debatten auslöst: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen? Für ihr Buch „Regenbogenfamilien“ hat Katja Irle gleichgeschlechtliche Paare mit Kindern zu ihrer Familiensituation befragt.

Einige Tausend Kinder in Deutschland wachsen bei schwulen und lesbischen Eltern auf. Vor allem in Großstädten wie Frankfurt am Main, Berlin und Köln entscheiden sich immer mehr homosexuelle Paare, Kinder zu bekommen – eigene, adoptierte oder Pflegekinder. Ihr Alltag unterscheidet sich kaum von dem anderer Eltern. Dennoch lösen Regenbogenfamilien kontroverse Debatten aus, weil viele sie als Angriff auf das heterosexuelle Adam- und-Eva-Prinzip verstehen. Im Kern geht es dabei um eine uralte Frage: Braucht ein Kind Vater und Mutter, um glücklich aufzuwachsen?

Birgit (49) und Melanie (38) Spors würden sich wundern über Menschen, die sich über sie wundern. Aber bislang sind sie denen noch nicht begegnet. Ihre Familie lebt in einem der bevorzugten Wohnbezirke in Frankfurt am Main. Hier fragt der Nachbar gleich, wen man denn suche, und weist den Weg. Man kennt sich. Als das lesbische Paar mit seinen zwei Töchtern die große Altbauwohnung im Norden zum ersten Mal besichtigte, sagte die Maklerin: „Familien wie euch muss man fördern.“ Wenig später zogen die Spors ein.

„Es erstaunt mich, wenn ich höre, dass Regenbogenfamilien diskriminiert werden. Das haben wir nie erlebt“, sagt Melanie Spors. Ihre Frau Birgit sieht das ähnlich, allerdings erinnert sie sich auch an andere Zeiten. Als sie 1996 mit ihrer damaligen Freundin aus Berlin nach Frankfurt kam, waren die Makler noch nicht so aufgeschlossen. „Ich will keinen Stress mit dem Vermieter haben. Der hat nämlich keine Lust auf Paare wie Sie“, ließ ein Wohnungsvermittler sie abblitzen. „Verglichen mit Berlin war das damals ein Kulturschock für mich“, sagt Birgit.

Nach Schätzungen der Bamberger Familienforscherin Marina Rupp, die 2009 eine viel beachtete Studie über Kinder bei gleichgeschlechtlichen Eltern für das Bundesjustizministerium geleitet hat, leben derzeit mehrere tausend Regenbogenkinder in Deutschland. Genaue Zahlen gibt es nicht, es könnten auch deutlich mehr sein. Einige Schwulen- und Lesbenorganisationen sprechen für die Metropolen sogar von einem „Gayby-Boom“. Die meisten dieser Regenbogenkinder wurden in heterosexuellen Beziehungen gezeugt. Sie leben heute in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, weil sich ein Elternteil, meist die Mutter, nach dem Coming-out vom Partner getrennt hatte. Eine kleinere, aber wachsende Gruppe von Kindern wird auch direkt in eine homosexuelle Partnerschaft hineingeboren. Einige dieser Mädchen und Jungen lernen den Dualismus Vater-Mutter gar nicht erst kennen.

Genau daran entzündet sich die Kontroverse um schwule und lesbische Eltern. Viele trauen ihnen nicht zu, Kinder groß zu ziehen, obwohl nationale wie internationale Studien bis auf wenige Ausnahmen zu dem Ergebnis kommen, dass Kinder bei homosexuellen Eltern genauso gut oder schlecht aufwachsen wie in anderen Familien. Einige Untersuchungen kommen sogar zu dem Schluss, dass Regenbogenkinder Vorteile haben, weil ihre Eltern sie vorurteilsbewusster und zu mehr Toleranz erzögen.

Familientherapeuten wie der Däne Jesper Juul oder der Schweizer Kinderarzt Remo H. Largo halten die sexuelle Orientierung der Eltern für viel weniger wichtig als die Frage nach der Qualität der Beziehung der Paare untereinander und zu den Kindern. Die Leiterin des Staatsinstituts für Frühpädagogik (IFP) in München, Fabienne Becker-Stoll, beruft sich auf Ergebnisse der Bindungsforschung und eigene Kinderbefragungen: „Nicht dass Chromosom XY entscheidet über die Feinfühligkeit einer Person, sondern ihre Fähigkeit, zwischen den eigenen und den Bedürfnissen des Kindes zu unterscheiden.“

Doch es gibt auch kritische Töne. Man brauche noch intensive klinische Forschung und Therapieerfahrung, um valide Aussagen über die Identitätsentwicklung von Kindern gleichgeschlechtlicher Paare zu treffen, sagt etwa die Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts in Frankfurt am Main, Marianne Leuzinger-Bohleber. Die renommierte Psychoanalytikerin betrachtet einige Positiv-Prognosen mit Vorsicht, weil viele Untersuchungen vor allem auf Fragebogenverfahren und Tests basieren: „Aus psychoanalytischer Sicht bleiben diese Studien im Bereich des Bewusstseins. Man fragt Einstellungen und Verhaltensweisen ab. Aber so etwas Komplexes wie Geschlechtsidentität und ihre Entwicklung lässt sich damit allein nicht erfassen.“

Es ist früher Abend bei den Spors in Frankfurt. Bei vielen Familien beginnt jetzt die Sandmännchen-Phase auf dem Kinderkanal. Aber Luzie (6) und Lotta (4) spielen, anstatt vor der Kiste zu lümmeln. Fernsehen gibt es nur am Wochenende, das haben ihre beiden Mütter so beschlossen. Das Frauenpaar ist nicht nur in diesem Punkt konsequent. Auch bei der ungewöhnlichen Geschichte ihrer Familiengründung und was die Kinder darüber wissen sollten, verfolgen die Eltern eine klare Linie: Keine Geheimnisse.

„Samenspende“, „Vaterbezug“ und „Rollenverhalten“

Während Melanie, die leibliche Mutter, und Co-Mutter Birgit im Wohnzimmer von ihrem Alltag erzählen, schauen Luzie und Lotta immer mal wieder vorbei. Es irritiert sie nicht, dass sie dabei Begriffe wie „Samenspende“, „Vaterbezug“ und „Rollenverhalten“ aufschnappen, denn sie hören das nicht zum ersten Mal. Luzies und Lottas Freunde wissen alle, dass die beiden zwei Mamas haben. Bei der Anmeldung zum Kindergarten haben die Spors auf dem Fragebogen das Wort „Vater“ einfach durchgestrichen und durch „Mutter“ ersetzt.

Entstanden sind Luzie und Lotta durch künstliche Befruchtung mit einer fremden Samenspende. Ärzte einer deutschen Klinik assistierten Melanie Spors bei dieser „heterologen Insemination“ – eine Ausnahme, die meisten Gynäkologen in Deutschland lassen sich auf die Behandlung von Frauen in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften nicht ein. Viele Regenbogenkinder werden deshalb im europäischen Ausland oder mit Hilfe einer Samenspende aus dem Bekannten- oder Freundeskreis gezeugt.

Die Spors haben sich ganz bewusst für einen fremden Samenspender und gegen einen aktiven Vater entschieden. Kritiker von Regenbogenfamilien stören sich genau an diesem Ausschlussprinzip. Zwar können die Töchter den Namen des Spenders erfahren – aber erst, wenn sie volljährig sind. „Wir wollten eine abgeschlossene Familie haben“, sagt Melanie Spors. „Abgeschlossen“ heißt in diesem Fall: allein in allen Fragen der Erziehung entscheiden dürfen. Und vor allem: Birgits Position als nicht-leibliche Mutter nicht durch einen biologischen Vater gefährden. „Klare Verhältnisse“, nennen das die beiden Mütter. Birgit räumt offen ein, dass dabei „durchaus egoistische Motive“ eine Rolle gespielt haben: „Ich will nicht um meine Rolle kämpfen müssen. Wenn ich nur daran denke, bin ich schon gestresst.“

Dürfen Eltern für ihre Kinder so weitreichende Entscheidungen treffen? Wie wichtig ist das Wissen um den eigenen Ursprung und was passiert, wenn Kinder sich in der Pubertät auf die Suche nach ihren leiblichen Eltern begeben? Diese durchaus wichtigen Fragen werden homosexuellen Eltern oft gestellt – heterosexuellen Paaren, die ebenfalls mit Hilfe der Reproduktionsmedizin Kinder bekommen, meistens nicht.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die Debatte um fehlende Rollenvorbilder

Die rechtliche Gleichstellung von homosexuellen Paaren ist in Deutschland eine Erfolgsgeschichte – doch wenn Kinder ins Spiele kommen, beginnt die Debatte da capo. Obwohl die Zahl der Alleinerziehenden in Deutschland seit Jahren steigt und das klassische Vater-Mutter-Modell längst Risse bekommen hat, tun sich Politik und Gesellschaft schwer mit der Vorstellung, dass ein Kind zwei Mütter oder zwei Väter hat.

Ein Kind braucht unbedingt Mutter und Vater

Bei Frauke (42) und Eva (59), Henrik (41) und Tom (46) (Namen geändert) aus Berlin dürfte es den Kritikern jedoch schwer fallen, fehlende Rollenvorbilder anzuprangern. Sonja (5) lebt in einer Großfamilie. Nicht, weil sie so viele Geschwister hätte, sondern zwei leibliche plus zwei soziale Eltern. Aber damit hört es nicht auf. „Weil ich zwei Mamas und zwei Papas habe, habe ich auch mehr Opas und Omas!“, hat das Mädchen neulich festgestellt. Fast könnte man meinen, hier kümmere sich ein ganzes Dorf um ein Kind. Bessere Startbedingungen und Förderung gehen kaum.

Im Alltag sieht Sonja vor allem ihre leibliche Mutter Frauke und deren Partnerin Eva. Sie leben in Berlin-Wilmersdorf. Die sanierte Altbauwohnung ist hell und geräumig. Ein Kinderparadies. Die Kleine ist gerade aus dem Kindergarten gekommen und futtert Pflaumenkuchen mit Schlagsahne. Sie wird sich später eine Decke holen, aufs Sofa krabbeln und dort fest einschlafen. Wenn es um die Details ihrer Zeugung geht, schaut Frauke ein paarmal zu ihr hinüber, hört die regelmäßigen Atemzüge und redet dann weiter. Sonja weiß viel über ihre Herkunft, aber die biologischen Zusammenhänge, so meinen die Mütter, würden sie zurzeit noch überfordern.
Sonjas leiblichen Vater Henrik (42) treffe ich später in Frankfurt. Er lebt aus beruflichen Gründen im Rhein-Main-Gebiet, hat sich aber mit seinem Mann Tom eine Wohnung gleich neben Frauke und Eva in Berlin gekauft. Henrik ist ein aktiver Vater und im Leben seiner Tochter sehr präsent. Anders, so sagt er, sei das für ihn nicht vorstellbar. Mit seiner Überzeugung, dass ein Kind unbedingt Mutter und Vater brauche, eckt er bei seinen homosexuellen Freunden oft an. Einige sind seitdem nicht mehr seine Freunde – etwa jenes schwule Paar, das auf einer Party die Bemerkung fallen ließ: „So wie Henrik und Tom wollen wir das nicht machen. Wir lassen die Frauen lieber draußen.“ Henriks Einwurf, dass sie sich dann vielleicht besser einen Hund anschaffen sollten, weil der nicht nach seiner Herkunft frage, kam nicht gut an. „Ich weiß, dass ich damit vielen in der Szene auf die Füße trete, aber das ist nun mal meine Haltung“, sagt der Vater.

Ein bisschen wie eine Scheidungsverhandlung

Gemeinsam mit Frauke hat Henrik über seine Samenspende und mithilfe einer Berliner Frauenarztpraxis Sonja gezeugt. „Für uns war von Anfang an klar, dass ein anonymer Spender nicht infrage kommt. Wir wollten nicht, dass das Kind ohne Vater aufwächst“, sagt Frauke. Eva sieht das genauso: „Es gehört dazu, dass man weiß, wo man herkommt. Das darf man einem Kind nicht vorenthalten.“

Die vier Eltern haben die Entscheidung für ein gemeinsames Kind nicht spontan getroffen. Immer wieder haben sie diskutiert, ob sie diesen Schritt tatsächlich gemeinsam gehen wollen. Es gab Risiken. Es war ein Experiment – und ist es noch. Die Emotionen aller Beteiligten, wenn das Kind erst einmal da war, konnte niemand voraussehen. Deshalb bemühten sich alle vier, wenigstens auf der rechtlichen und moralischen Ebene viele Unklarheiten schon im Vorfeld zu beseitigen. Zum Beispiel: Die leiblichen Eltern sollten das geteilte Sorgerecht bekommen, das Kind würde aber bei Frauke und Eva aufwachsen. Sie regelten, dass Henrik Unterhalt für das Kind, nicht aber für die Mutter zahlt.

Wenn sie das so schildern, klingt das ein bisschen nach Scheidungsverhandlung, obwohl Frauke und Henrik nie verheiratet waren. Alle vier Eltern ließen sich juristisch beraten, schlossen eine beglaubigte Abmachung. Sie wollten nichts dem Zufall überlassen, regelten Dinge, die üblicherweise erst nach der Geburt Gewicht bekommen: Soll das Kind schulmedizinisch oder homöopathisch behandelt werden, wenn es krank wird? Staatliche oder private Schule? Soll Sonja die deutsche und die französische Staatsbürgerschaft haben wie ihre leibliche Mutter? Wird sie zweisprachig aufwachsen? Wird Sonja getauft? Wie und wo feiern wir Weihnachten? Getrennt oder zusammen? Wie oft gibt es einen Familienurlaub zu viert? Wer nimmt Elternzeit?
„Wir haben einander vertraut, sonst wäre das alles nicht möglich gewesen“, sagt Frauke rückblickend. Und so ist es heute noch, auch wenn sich vieles eingespielt hat. Ihre Bindung zueinander ist stark, aber es bleibt eine Zweckgemeinschaft zum Wohl des Kindes. Frauke beschreibt das so: „Sonjas Bedürfnisse stehen immer im Vordergrund. Unsere persönlichen Wünsche und Befindlichkeiten stellen wir alle vier zurück.“

Josef und der liebe Gott

Es wäre unehrlich, zu sagen, die beiden Paare verbände eine tiefe Freundschaft. Das Vierer-Bündnis bleibt eine Wahlverwandtschaft, in der alle um größtmöglichen Respekt voreinander bemüht sind. „Als Eltern funktionieren wir gut“, sagen die Mütter. Das klingt mechanisch-praktisch – und so ist es ja auch, weil die Liebe bei ihnen nur paarweise und eben nicht über Kreuz funktioniert. Dafür funktionieren die Liebe und Fürsorge für Sonja gleich viermal. Es ist ein Aufwachsen mit Netz und doppeltem Boden, das viele andere Kinder nicht haben. Es ist aber auch ein Aufwachsen nach Plan, in dem jeder seine festgelegte Rolle spielen muss.

Und was sagt Sonja? Manchmal wirft die Fünfjährige ihren beiden Müttern im Streit an den Kopf: „Du bist jetzt nicht mehr meine Mutter!“ Eva trifft das immer etwas mehr als die leibliche Mutter Frauke, die bei diesen seltenen Attacken ziemlich cool bleibt. „Dann frage ich mich schon manchmal, ob sie mich wirklich liebt – aber das sind sehr, sehr kurze Momente, die in anderen Familien sicher auch vorkommen“, sagt Eva.

Was „normal“ ist und was nicht, interessiert Sonja derzeit noch wenig. Ihr Vater sagt stolz, aber auch ein wenig überrascht, seine Tochter sei, wie viele Mädchen in ihrem Alter, ein richtiges „Girlie“ mit Prinzessinnenallüren und einem festen Weltbild.

Und trotzdem beginnt Sonja zu registrieren, dass die meisten Gleichaltrigen anders leben. Dann sucht sie selbst nach Erklärungen für ihre Regenbogenfamilie. Kurz vor Weihnachten hat sie ihre Väter mit einem biblischen Verweis auf die heilige Familie überrascht. „Papa, bei mir ist es ein bisschen wie bei Jesus“, sagte die Fünfjährige: „Der hatte auch zwei Papas – Josef und den lieben Gott.“

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