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Rechtsterror in Deutschland Das ist, weil wir Türken sind

Unsere Autorin Mely Kiyak hat sich eine Woche lang mit den Leuten unterhalten, die sie Mischmaschdeutsche nennt. Und die beunruhigt, zornig, verängstigt aufgrund des rechten Terror in Deutschland sind. Sie sprach mit der Witwe von Ramazan Avci, der vor 26 Jahren in Hamburg von Rechtsradikalen getötet wurde.

26.11.2011 16:57
Mely Kiyak
Protest gegen Naziterror. Foto: dapd

Ich denke noch, er hat es an den Füßen. Sie öffnen die Tür. Ich sehe als erstes seinen bandagierten Kopf. Dann schaue ich auf die Füße. Ich sehe sie nicht. Da fasst mich einer seiner Brüder an und sagt „Yenge“, also Schwägerin, „Yenge“, sagt er, „das waren Skinheads“. „Was ist das?“, frage ich, „Was ist das – Skinhead?“. „Das ist, weil wir Türken sind“. Ich wollte nichts mehr hören: „Ramazan, komm steh auf. Wir gehen nach Hause. Komm!“ Dann weiß ich nichts mehr.

Ich bin viel unterwegs. Treffe meine Leute. Egal, wo ich bin, egal, mit wem ich mich unterhalte, alle haben Zorn. Alles Typen wie ich. Mischmaschdeutsche. Viele kommen aus einfachen Verhältnissen, haben ein Studium geschafft. Zu Hause bei den Eltern gilt: Schuhe ausziehen, literweise Tee trinken, formvollendete Folklore abliefern. Dann geht es wieder hinaus in das andere Leben, das mit Dielen und Parkett, unnötigen Taxifahrten und derlei. Viele von uns sitzen auf Podien, halten Lesungen in Theatern ab, Vorträge, Reden. Wir sind Publizisten, Schauspieler, Regisseure, Musiker, Produzenten, Parlamentarier. Man schlägt die Zeitung auf, macht den Fernseher an und sieht die eigenen Freunde. Es kommen kaum Migranten in der Öffentlichkeit vor. Darum kennen die, die es dahin schaffen, einander.

„Ich habe keinen Bock mehr zu reden“

In der Kulturcommunity der Mischmaschdeutschen brodelt es, seit bekannt wurde, dass in Zwickau ein Haus völlig abbrannte, bis auf eine DVD mit einem Paulchen Panther drauf, der sich freut, Türken umgelegt zu haben. Kaum wurde das bekannt, erhielt ich eine E-Mail: „wir wollen reagieren angesichts der rassistischen morde, der verwicklung staatlicher stellen in die morde. wir treffen uns um 20 uhr in der maifoto galerie.“ Im Verteiler sind ungefähr 100 Namen. Mischmaschdeutsche.

Als ich in die Kreuzberger Galerie eintrete, spricht gerade Osman Tok. Er ist Mitbegründer des Nürnberger „Filmfestivals Türkei-Deutschland“. Er sagt: „Seit bekannt wurde, dass der Nürnberger Schneider nicht von der Türkenmafia, sondern von Neonazis erschossen wurde, denke ich, was würde ich tun, wenn Abdurrahim Özüdogru mein Vater gewesen wäre?“

Osman Tok hatte Özüdogrus Tochter schon vor dem Mord an ihrem Vater kennengelernt. Alle haben Vorschläge: „Aufruf! Nein, kein Aufruf. Demo! An eine Demo anschließen! Nein, nein, keine Demo.“ So geht es hin und her. Mürtiz Yolcu platzt der Kragen. „Freunde, ich habe keinen Bock mehr zu reden. Wir reden seit 20 Jahren.“ Mürtiz Yolcu ist einer von zwei Deutsch-Türken, die jemals auf der Bühne des Berliner Ensemble stehen und spielen durften. Er ist ein guter Schauspieler. Also weiß man nicht, folgt jetzt eine Pointe? Alle schauen ihn an: Er meint es ernst. Er ist sauer.

Er hat wirklich keinen Bock mehr zu reden. Später sagt er: „Ich habe mich im Griff. Aber was ist mit den türkischen Kids? Die werden irgendwann denken, dieser Staat schützt uns nicht. Und dann werden sie Gangs gründen, und dann? Dann haben wir das Desaster.“

Ich hatte mich am Vormittag von Ramazan verabschiedet. Ich war im achten Monat schwanger und konnte keine großen Strecken mehr laufen. Es war unser erstes Kind. Wir waren gerade ein Jahr verheiratet. Wir liebten uns sehr. Einen Monat lang hatten wir nur miteinander telefoniert. Manchmal die ganze Nacht hindurch. Ich sagte: „Ramazan, lass uns auflegen. Du musst früh raus, ich muss früh raus.“ Er sagte: „Nein, noch ein bisschen reden“. Dann endlich fragte er: „Würdest du mit mir einen Kaffee trinken gehen?“ Drei Monate später heirateten wir. Ich war so jung, 22 Jahre alt. Als er an jenem Morgen das Haus verließ, sagte er noch: „Heute versuche ich, das Auto zu verkaufen.“ Ich wünschte ihm: „Viel Glück.“

Frau Avci und ich telefonieren. Sie spricht türkisch. Wir kamen sehr kurzfristig zusammen. Ich hätte sie gerne besucht. Ich werde es nachholen. Manchmal überschlägt sich Frau Avcis Stimme. Dann wieder schweigt sie, seufzt, einmal höre ich, wie sie mit der Hand auf ihr Bein schlägt, ich höre: patsch, patsch, patsch.

Ramazan, sein Bruder und zwei Freunde brachten das Auto abends in die Werkstatt. Sie wollten mit dem Bus zurückfahren. Das war bei uns, Hamburg, S-Bahnhof Landwehr. Plötzlich stürmen 30 Nazis auf die Gruppe zu. Ramazan und die anderen laufen weg. Er schreit: „Zum Bus! Ich halte sie auf! Fahrt weg! Weg!“ Dann, so erzählt es mir später sein Bruder, zögert der für einen Moment, aber Ramazan ruft ihm zu: „Gü-li-stan“. Der Bruder hört meinen Namen und fährt mit den anderen weg. Ramazan rennt. Einige der Nazis setzen sich ins Auto und fahren ihm hinterher. Sie fahren ihn an. Ramazan fällt. Sie fahren ihm über die Füße. Er steht auf und wankt weiter.

Sie fahren ein zweites Mal über ihn drüber. Dabei brechen sie ihm die Beine. Er kann nicht mehr aufstehen, aber er lebt. Mit Baseballschlägern und Knüppeln schlagen sie auf seinen Körper. Sie versuchen, ihm den Schädel zu zertrümmern. Sie hören erst auf, als sie denken, sie haben ihn fertig gemacht. Am gleichen Abend ruft mich einer seiner Brüder an. „Yenge, reg dich nicht auf. Sei nicht traurig. Ramazan hatte einen Autounfall. Seine Füße sind verletzt. Er liegt im Krankenhaus. Niemand darf zu ihm. Ich komme gleich zu dir.“

In der Nacht von Samstag zu Sonntag erreicht mich die E-Mail von Aziz Bozkurt, SPD-Mitglied und im Forum der Brückenbauer: „Es ist wichtiger, im Kleinen zu handeln als im Großen darüber zu reden – Willy Brandt. Wir wollen am Sonntag (20.11.) einen Flashmob durchführen. (Alle Teilnehmer kommen scheinbar zufällig zusammen und machen eine kurze gemeinsame Aktion, d.?h. vor Ort gibt es keine Ansage). Punkt 15.00 Uhr vor der Wiese am Reichstag. Wir wollen ein Zeichen setzen. Es ist Zeit zu reden: Über den Rassismus in der Mitte der Gesellschaft, der dafür gesorgt hat, dass sich die Rechtsterroristen als Vertreter der ,schweigenden Mehrheit’ legitimiert sahen.“

Mit Rose und Kerze vor dem Reichstag

Einige Minuten vor drei gehe ich zur Wiese. Ich habe eine weiße Rose dabei. Ich schaue mich um. Einige Gesichter sind bekannt. Azizs Freundin und Mitorganisatorin Daniela, die im Bundestag arbeitet. Der eine Typ aus der Maifoto Galerie, ich weiß seinen Namen nicht. Özcan Mutlu und Canan Bayram, Grünen-Abgeordnete, sind dabei. Ungefähr 70 Leute. Kollegen von der türkischen Presse kommen und machen Fotos.

Manche, die gekommen sind, sind auch im Netzwerk „Neue Medienmacher“. Presseleute mit Migrationshintergrund haben sich da organisiert. Deshalb sind Kollegen von N24 und der Tagesschau auch pünktlich um drei auf der Wiese. Alles wie besprochen. Zusammenkunft, Kerze anzünden, Zettel mit Namen eines der 180 Naziopfer und Rose niederlegen, Gedenkminute. Im Hintergrund der Reichstag mit dem Schriftzug „Dem deutschen Volke“.

Auf einmal stellen sich Japaner vor uns und lassen sich mit uns fotografieren. Osman Tok ist auch da: „Wie peinlich. Jetzt stehe ich vor dem Reichstag mit Rose und Kerze in der Hand und demonstriere gegen so etwas Rückständiges wie Fremdenhass. Als ob die Toten Fremde waren. Als ich auf dem Gymnasium war, standen wir auch schon mit Kerzen in den Händen herum. Damals ging es um Rostock, Mölln und Solingen. Verdammt, ist das alles peinlich.“ Ein Japaner fragt: „What is that?“ „What?“ „That“, er zeigt mit der Hand auf uns. Jemand sagt: „It is about racism.“ Der Japaner versteht kein Wort. Tja, wie erklären? Verfassungsschutz, V-Leute, Dönermorde. Was heißt das alles auf Englisch?

Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Da stimmt was nicht, denke ich. Wieso darf ich nicht zu ihm? Wieso liegt er auf der Intensivstation, wenn er nur etwas mit den Füßen hat? Am nächsten Morgen lasse ich mich ins Krankenhaus bringen. Vorher sind wir noch bei seiner Familie. Das ganze Haus ist voll mit Menschen. Auf der Straße stehen sie. Im Krankenhaus dasselbe. So viele Menschen, aber warum? Der Arzt kommt und sagt: „Frau Avci, bitte gehen Sie nicht rein.“ Ich flippe aus. Irgendwie komme ich rein. Ich sehe seinen verbundenen Kopf, die Maschinen. Ich nehme seine Hand, lasse sie los, sie fällt hinunter. Jemand sagt: „Er schafft es.“

Dann das Wort Operation. Skinheads. Was ist das, Skinheads? Das ist, weil wir Türken sind. Ich konnte nicht mehr. Drei Tage lag er im Krankenhaus. Dann ruft mich die Frau seines Bruders an. Ich gehe ans Telefon und sie sagt: „Ramazan ist gestorben.“ Einfach so: „Ramazan ist gestorben.“ Am Telefon! Sie bringen mich ins Krankenhaus. Oder war es zum Friedhof? Da waren Menschen in einer langen Reihe. Waren es zehntausend oder fünfzehntausend? Ich weiß es nicht mehr. Ramazan starb am 24. Dezember 1985. Um 21.45 Uhr. Am 4. Januar brachte ich Ramazans Sohn zur Welt. Um 21.45 Uhr. Ich habe ihm seinen Namen gegeben: Ramazan.

1985: Überfall auf Ramazan Avci

Ich schaue in die heutigen Zeitungen und lese „Neue Dimension des rechten Terrors“. Ich schaue ins Archiv und finde im Spiegel vom 30.12.1985 einen Artikel über den Überfall auf Ramazan Avci, der im Text als „arbeitsloser Bauarbeiter“ vorgestellt wird. Ramazan Avci war Automechaniker. Unter der Überschrift „Türken fertigmachen“ heißt es: „Nur wenige Minuten nach dem Überfall nahmen Hamburger Polizisten drei Verdächtige in Gewahrsam. Sie alle waren, so Innensenator Rolf Lange, „der Polizei bekannt und konnten deshalb auch so schnell festgenommen werden.“ Die Tatverdächtigen „gehören zu einer gesellschaftlichen Randgruppe, die schon durch ihr Äußeres in den Zentren westdeutscher Großstädte auffällt. Ihre Mitglieder tragen umgekrempelte Jeans, Knobelbecher der Marke ,Dr. Martens’ sowie graugrüne Bomberjacken.

Sie haben kahlgeschorene Köpfe, Skinheads. Rund 2?000 gibt es bundesweit, in Hamburg 150.“ Ramazan Avci war schon ihr zweites Opfer. Im Juli hatten drei Skins einen 29-jährigen Bauarbeiter erst zusammengeschlagen und dann in ein Gebüsch gezerrt. Einer der Täter zerschmetterte dem Türken mit einer zentnerschweren Betonplatte den Schädel. „Wir wollten“, gab ein Beteiligter hinterher zu Protokoll, „den Türken fertigmachen.“ Oppositionsführer Hartmut Perschau (CDU) mochte „nicht an eine gezielte Aktion gegen einen Ausländer„ glauben: „Aus Aggressionen entstandene Aktionen“, so versuchte sich der Parlamentarier als Kriminologe, forderten „eher zufällige Opfer“.

Ich habe 25 Jahre geschwiegen, weil ich dachte, vielleicht kommt Ramazan zurück. Ich bekam einen Herzinfarkt, war nach der Geburt von 75 Kilo auf 47 abgemagert. Letztes Jahr wurde ich gefragt, ob ich nicht 25 Jahre nach der Tat doch sprechen will. Auf einmal konnte ich. Es war eine solche Erleichterung. Deshalb möchte ich die Familien ermutigen: Redet! Es sollen keine Ramazans mehr sterben. Wir bleiben hier, das ist unsere Heimat.

In den Archiven suche ich nach Berichten über Frau Avcis Auftritt und finde einen Artikel in der taz vom 17.12.2010 mit der Überschrift: „Wenig Interesse an Ramazan Avci – Die türkische Gemeinde lädt zum Pressegespräch und die Deutschen bleiben weg.“ Das mediale Echo, das Frau Avci erwähnte, war das Echo der türkischsprachigen Presse. Am Abend bin ich zu einem Abendessen mit Frank-Walter Steinmeier eingeladen. Das Ganze wird vom Verein DeutschPlus organisiert. Es ist ein netter Abend mit zehn Teilnehmern. Steinmeier kommt unmittelbar vom Bundespräsidenten, der zu einem Treffen mit den Opferfamilien geladen hatte, deren Angehörige von der „Zwickauer Zelle“ erschossen wurden.

"Was können wir tun?"

„ Was können wir tun?“, fragt Negar Hosan Aghaie, Rechtsanwältin in der Energiewirtschaft. „Was können wir tun“ fragt Professorin Almut Shulamit Bruckstein Çoruh, als ob nicht alle schon genug tun würden; sie war die Kuratorin der Ausstellung „Taswir-Islamische Bilderwelten und Moderne“ im Martin-Gropius-Bau. Bei jedem der Anwesenden kann man kaum noch zwischen Beruf und politischer Aktivität unterscheiden. Ist Pegar Ferydouni nur Schauspielerin, bekannt aus „Women Without Men“ und „Türkisch für Anfänger“? Nein, sie ist auch Moderatorin der Sendung „Kulturpalast“, die über Kultur berichtet, die völlig selbstverständlich die Kultur der neuen Wirklichkeit als Teil der deutschen Hochkultur präsentiert-

Steinmeier fragt: „Farhad, was können wir organisieren? Worüber könnten wir eine Gesprächsrunde machen?“ Aziz ist auch da und wirft ein: „Weißt du, Frank, was so verheerend ist? Es waren die Migranten, die einen unerschütterlichen Glauben an die deutschen Behörden hatten. Es hieß immer, eine gründlichere Polizei als die deutsche gebe es nicht. Nun sind die obersten Stellen des Staates bis in die niedersten Gefilde der rechten Szene verwickelt. Wie wollt ihr das Vertrauen der Leute je wieder zurück erlangen?“ Worüber soll man noch reden? Um Sarrazin quatscht man einen großen Bogen herum. Fast könnte man vergessen, dass der schlimmste Nadelstreifenrassist der deutschen Nachkriegsgeschichte ein SPD-Genosse ist. Die Leute von DeutschPlus sind sehr höflich.

Sie haben mir damals einen Wagen mit Fahrer geschickt. Es hieß: Bundeskanzler Helmut Kohl möchte Sie sehen. Was hat er gesagt? Ich weiß es nicht mehr. Ich glaube, er hat gesagt „Ich bin sehr bestürzt.“

"Schweigen will ich nicht mehr"

Diese Woche, am Mittwoch, wurde in Mölln zum 19. Jahrestag des Brandanschlages eine Gedenkfeier veranstaltet. Der Berliner Schriftsteller Imran Ayata schickte mir seine Rede: „Für uns war und bleibt Ihre Geschichte, liebe Familien Arslan und Yilmaz, Teil unserer Geschichte. Denn dass ich selbst Texte schreibe, Artikel und Bücher veröffentliche, hat den Ursprung letztlich auch darin, was im November 1992 in Mölln passierte.“ Es ist eine sehr wahre und traurige Rede, die seinen Schmerz über die Ereignisse in der Feststellung bündelt, dass es ihm keine Ruhe lässt, dass Deutschland sich so schwer damit tut, „auch ein Land der Familie Arslan und der Familie Yilmaz zu sein“.

Als mein Mann starb, war ich Anfang Zwanzig. Bald werde ich fünfzig. Ich habe mein Leben nicht gelebt. Ich bin irgendwie auf die Welt gekommen und werde wieder gehen. Das ist so. Aber schweigen will ich nicht mehr. Hört mich an, rufe ich allen zu, hört, was uns geschehen ist. Meine Geschichte ist meine Botschaft.

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