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Rechtspopulismus in Europa Populist Orbán spaltet Ungarn

In Ungarn regieren Rechtspopulisten. Ihre Politik spaltet die Gesellschaft, überzeugt wenige und entmutigt viele. Die Rhetorik zieht einen tiefen Graben durch das Land.

Orban
Politikwissenschaftler Hunyadi über Ministerpräsident Orbán: „Er spricht gezielt diejenigen an, die er bereits überzeugt hat.“ Foto: rtr

Der Lauteste, Mittfünfziger, Blaumann, weiße Kappe, zieht höhnisch die Oberlippe hoch, nickt in Richtung seiner Freunde. „Wer weiß, vielleicht sitzt hier einer, der Fidesz wählt. Er verrät es uns bloß nicht!“ Die vier Männer, die auf Holzklappstühlen vor einer Gaststätte sitzen, erstarren und schauen sich an. Sekundenlang kribbelt die Stille. Dann spült einer die Verlegenheit mit großen Schlucken Bier hinunter, ein anderer flüchtet ins Innere der Dorfkneipe von Nézsa. Das Thema ist beendet.

In den letzten Monaten hat sich im Norden Ungarns der Anteil der Menschen verdoppelt, die für die Regierungspartei Fidesz stimmen wollen. Doch in Nézsa mit seinen 1000 Einwohnern weiß niemand, wo die Unterstützer sind. Vielleicht im Nachbarhaus. Vielleicht am selben Tisch. Szenen wie diese spielen sich im ganzen Land ab, kaum jemand spricht über Politik. Denn politisch sein heißt Feinde haben.

Viktor Orbán und seine starken Ungarn

Seit Viktor Orbán an der Spitze des Landes steht, zieht die Rhetorik der Regierung einen tiefen Graben durch die Gesellschaft. Auf der einen Seite stehen die starken Ungarn. Sie unterstützen die Regierung und bringen das Land voran. Von der anderen Seite drohen die Feinde.

Sie gefährden die Nation, sie heißen „liberal“, „auslandsfinanziert“ oder „europäisch“. Zuletzt diente US-Milliardär George Soros als Objekt einer landesweiten Kampagne. Er wolle Flüchtlinge nach Europa locken, um die Kultur zu zerstören. Botschaften wie diese sichern die Macht der Regierung.

„Es ist dumm, gegen den Wind zu pissen“, sagt Gabor Styevo mit weicher Stimme. Im Herbst 2010 gewann er die Bürgermeisterwahl in Nézsa zum ersten Mal. Zur gleichen Zeit rückte 60 Kilometer südlich Viktor Orbán an die Regierungsspitze in Budapest. Orbáns Fidesz unterstützt Styevo bei den Wahlen. Seit sieben Jahren sind beide Männer im Amt.

Er folge seinen politischen Führern, er glaube an sie, er bleibt loyal, sagt Styevo. So, wie die Menschen hier in Nézsa manche von Styevos Entscheidungen nicht verstünden, so verstehe er manche Regierungsentscheidungen nicht. Warum er zwei Plakate mit dem Gesicht des US-Milliardärs George Soros aufhängen musste, kann er sich auch nicht erklären. „Das ist auch nicht wichtig. Das höhere Ziel der Regierung wird für uns alle positiv sein“, sagt Styevo. Menschen wie ihn nennen die Ungarn „Fidesz-Gläubige“. Die Menschen in Nézsa schätzen ihren Bürgermeister. Der Teer zwischen ihren Häuschen glitzert tiefschwarz, ihre Kinder wippen auf Holzschaukeln, die Styevo eigenhändig baute. Doch sie selbst sind misstrauischer und ängstlicher als früher.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Ungarn

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