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Themar „Machtdemonstration der Nazis“

In Themar treffen sich Rechtsextreme zum größten deutschen Nazi-Rockkonzert seit langem. Ein Gerichtsurteil zwingt anliegende Gemeinden zur Unterstützung.

Themar
Für ein paar Stunden wird Themar zum Ort mit der höchsten Glatzendichte Deutschlands. Foto: rtr

In der thüringischen Kleinstadt Themar hat am Sonnabend das seit Jahrzehnten größte Nazi-Rockkonzert Deutschlands stattgefunden. Mehr als 6000 Rechte aus der ganzen Bundesrepublik und dem Ausland waren zu dem Festival unter dem Titel „Rock gegen Überfremdung“ gekommen.

Es blieb weitgehend friedlich, die Polizei nahm lediglich drei Personen in Gewahrsam. Insgesamt habe es 43 Strafanzeigen gegeben, unter anderem wegen des Verwendens von verfassungswidrigen Kennzeichen und Verstößen gegen das Waffengesetz.

Gericht zwingt Gemeinden zur Unterstützung 

Zwischen den Bandauftritten hielten Nazifunktionäre Reden, weshalb die Veranstaltung trotz ihres weitgehend kommerziellen Charakters vom Gericht unter den Schutz der Versammlungsfreiheit gestellt worden war. 

Um den Versammlungscharakter hatte es vorher gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben. Gemeinde und Landkreis wehrten sich dagegen, mit öffentlichem Geld die Zufahrts- und Parkmöglichkeiten für die Besucher zu sichern, und verwiesen darauf, dass der Veranstalter Eintritt für das Konzert verlangt und eine ganze Reihe von Verkaufsständen auf dem Gelände aufstellt.

Das Gericht aber entschied gegen die Kommunen. Die rechten Veranstalter dürften dadurch mit einem satten Gewinn abschließen: Bei einem Preis von 35 Euro pro Karte hat allein der Ticketverkauf mehr als 200.000 Euro eingebracht. 

Parallel zu dem Konzert hatten am Sonnabend mehrere hundert Einwohner Themars mit einem Volksfest und Friedensgebeten friedlich gegen den Naziaufmarsch protestiert. An vielen Häusern in der Stadt hingen Transparente, die meisten Pensionen, Hotels und Einzelhändler der Stadt hatten sich zudem geweigert, mit den Veranstaltern zu kooperieren.

Auch wenn Antifa-Gruppen bereits vor dem Wochenende angekündigt hatten, wegen der gefährlichen Lage auf Gegendemonstrationen zu verzichten, waren die Sicherheitskräfte mit einem Großaufgebot vor Ort. Rund 1000 Beamte aus mehreren Bundesländern sicherten den Veranstaltungsort, eine Wiese am Stadtrand von Themar.

Das Grundstück gehört dem Bürgermeister einer Nachbargemeinde, der bis vor zwei Wochen noch Kreisfunktionär der AfD war. Der Politiker hat inzwischen die Partei verlassen, nachdem es im AfD-Landesverband erhebliche Kritik an seinem Schulterschluss mit den Rechtsextremen gegeben hatte.

Schon seit den frühen Morgenstunden war am Samstag die durch Themar führende Bundesstraße B 89 gesperrt. Die Polizei hatte einen Sicherheitskordon zwischen der Stadt und dem Veranstaltungsgelände der Rechten eingerichtet. Um auf das Konzertgelände zu kommen, mussten die Besucher gleich mehrere Kontrollpunkte passieren. Während die Polizei sie auf mögliche Waffen und verfassungsfeindliche Kleidung und Abzeichen kontrollierte, achtete der Veranstalter darauf, dass die Rechten keine Fotoapparate und Handys mit Fotofunktion mitbrachten.

Offenbar wollten die Organisatoren sicherstellen, dass anschließend nur von ihnen kontrolliertes Film- und Tonmaterial über die sozialen Netzwerke in die Öffentlichkeit gelangt. 

Zu den auftretenden Bands gehörten mehrere Gruppen, die wegen ihrer rassistischen Texte in der rechten Musikszene Kultstatus genießen, wie etwa Sleipnir, Stahlgewitter und die Lunikoff Verschwörung aus Berlin mit ihrem Leadsänger Michael Regener. Dessen frühere Band Landser wurde 2003 vom Berliner Kammergericht als kriminelle Vereinigung verurteilt.

Holocaust-Leugner Günter Deckert mit dabei 

Unter den angekündigten Rednern waren einschlägig bekannte Rechtsextreme, darunter der 77-jährige frühere NPD-Vorsitzende und mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilte Holocaust-Leugner Günter Deckert sowie Thügida-Chef David Köckert. Auch ein Anführer der antisemitischen Gruppe „Europäische Aktion“ (EA) war als Redner angekündigt. Gegen ihn und andere EA-Aktivisten soll das Landeskriminalamt Thüringen wegen des Verdachts der Bildung einer kriminellen Vereinigung ermitteln; vor drei Wochen erst gab es eine umfangreiche Durchsuchungsaktion.

Ebenfalls auf der Rednerliste in Themar stand Denis Nikitin aus Russland, Kopf der martialischen Kampfsportgemeinschaft „White Rex“, der Neonazis im In- und Ausland drillt und mit entsprechender Bekleidung aus seinem eigenen Modelabel ausstattet. 

Auch mehrere Abgeordnete der Thüringer Regierungsfraktionen Linke, SPD und Grüne waren am Sonnabend nach Themar gekommen, um sich ein Bild von der Sicherheitslage zu machen. Zusammen mit Pressevertretern wurden sie von Polizeibeamten zum Veranstaltungsgelände geführt. 

Dort kam es vereinzelt zu Pöbeleien gegen die Parlamentarier und Journalisten, wie die Landtagsabgeordnete Katharina König-Preuß berichtet. „Ich wurde beschimpft und beleidigt, einzelne Journalisten wurden bespuckt, Rechte versuchten auch, nach Kameras zu schlagen und nach Medienvertretern. Es war eine aggressive Grundstimmung zu spüren und sehr viel Hass“, sagte sie.

Madeleine Henfling von den Grünen beunruhigte vor allem das breite Spektrum der Besucher. „Es waren Vertreter sämtlicher deutscher Neonazigruppen da, von Hammerskins bis Blood & Honour, diverse Kameradschaften, auch rechte Parteien und Organisationen, die sonst eher wenig bis gar nichts gemeinsam unternehmen und teilweise sogar gegeneinander arbeiten“, sagt sie. 

Auch Rechte aus dem Ausland waren gekommen, darunter Russen, Tschechen, Italiener und Schweizer sowie Angehörige rechtsextremer Gruppen aus Südtirol, mit den Thüringer Neonazis seit vielen Jahren enge Beziehungen pflegen. Aufgefallen sei ihr zudem, dass praktisch das gesamte Altersspektrum vorhanden war. „Es kamen ganz junge Leute, aber auch ältere Herren, 70, 80 Jahre alt. Das war wie ein Generationentreffen der Nazis.“

Während Henfling von einem Schulterschluss der Rechten spricht, für die Themar möglicherweise das Signal für eine neue, geeinte rechte Bewegung sein könnte, sieht König-Preuß das nicht so dramatisch. „Ich habe das Konzert vor allem als Machtdemonstration empfunden“, sagte sie. Aber: „Wer von den Nazis hat es denn schon einmal geschafft, so viele Tausend Gesinnungsfreunde aus unterschiedlichen Lagern der Szene zusammenzuholen. Das wertet die Thüringer Naziszene erheblich auf und macht sie einflussreicher und gefährlicher.“

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