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Rostock-Lichtenhagen „Der Mut der Überlebenden wird oft ausgeblendet“

Dan Thy Nguyen hat aus Interviews ein Theaterstück über das Pogrom in Rostock-Lichtenhagen vor 25 Jahren gemacht. Ein Gespräch über ein Opfer-Schema, das nicht greift, und die Lehren aus den Angriffen.

25 Jahre Lichtenhagen
Das Sonnenblumenhaus in Rostock-Lichtenhagen, das im August 1992 Schauplatz ausländerfeindlicher Krawalle war. Foto: dpa

Wenn es um das Pogrom von Rostock-Lichtenhagen geht, stehen oft die Täter im Vordergrund. Sie haben für Ihr Theaterstück mit einigen der Menschen gesprochen, die damals angegriffen wurden. Hat das Ihren Blick auf die Ereignisse verändert?
Absolut. Die Geschichte müsste ein Stück weit umgeschrieben werden. Es gibt ein Detail, das ich immer im Kopf habe: Ein Überlebender hat mir erzählt, dass er nicht so sehr davor Angst hatte, an diesen Tagen zu sterben, sondern davor, einen der jungen Angreifer töten zu müssen, um sich selbst zu verteidigen. Das ist eine ganz andere Perspektive: Das klassische Opfer-Schema passt hier gar nicht. Es liegt vielleicht auch daran, dass die Menschen im Haus sich so gut organisiert haben, dass es keine Toten gab.

Ein Vietnamese schilderte Ihnen auch, dass er noch einmal ins Sonnenblumenhaus zurück ist, wo er selbst gar nicht wohnte, um anderen zu helfen – trotz der Lebensgefahr.
Ja, der Mut der Überlebenden unter Einsatz des eigenen Lebens wird in der Geschichte von Rostock-Lichtenhagen oft ausgeblendet. Teilweise waren frühere Vietnam-Krieg-Soldaten dabei, die auf ihre Erfahrungen zurückgriffen, als sie das Haus über die oberen Stockwerke evakuierten. Im Gedenken sind die Vietnamesinnen und Vietnamesen aber oft eher Randfiguren – ganz zu schweigen von den Roma und den Geflüchteten aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das ist eigentlich eine weiße Gedenkkultur, aus einer fast ausschließlich biodeutschen Perspektive.

Wie gehen die Menschen, mit denen Sie gesprochen haben, mit dem Jahrestag um?
Die meisten sind enttäuscht. Eine Verarbeitung gab es fast nicht, sowohl juristisch als historisch – auch keine Entschädigung. Es ist fast schon ein leeres Gedenken, das nur an der Oberfläche kratzt, eine Eventisierung. Viele sagen auch, dass sie damit abschließen wollen – ob das klappt, ist eine andere Frage. Die Kombination aus Traumata aus dem Vietnam-Krieg, aus Erlebnissen als DDR-Vertragsarbeiter und dann diesen Ereignissen 1992 macht es vielen schwer, ein ganz normales Leben zu führen.

Wenn man das überhaupt verallgemeinern kann, welche Rolle spielt Rostock-Lichtenhagen für die vietnamesische Community in Deutschland?
Die eine Community gibt es so gar nicht. Ich komme aus der Boat-People-Community, die sich von der ehemaliger DDR-Vertragsarbeiter sehr unterscheidet. Für viele aus der Boat-People-Community ist Rostock-Lichtenhagen kein wirklicher Begriff, auch da gibt es kein richtiges Gedenken. Aber Rostock-Lichtenhagen oder Hoyerswerda haben eine massive Angst vor Ostdeutschland ausgelöst. Dazu kam noch, dass viele dort die Kommunisten lokalisierten, vor denen sie ja geflohen waren. Von klein auf kenne ich die Warnungen vor dem Osten.

Die gibt es bis heute?
Ja, eindeutig.

Und wie ist es mit der Erinnerungskultur bei Menschen mit vietnamesischen Wurzeln in Ostdeutschland?
Die Vertragsarbeiter-Community geht meiner Meinung nach offener damit um. Die Menschen hatten aber in den 90er ganz andere Probleme, als sich um eine Gedenkkultur zu kümmern. Es gab zwar schon einige Akteurinnen und Akteure, aber erst ab dem 20. Jahrestag haben sich zusätzlich Menschen stark gemacht, bestimmte Dinge aufzuarbeiten. Insbesondere aus der zweiten Generation.

Sie sind in einem kleinen Dorf in NRW aufgewachsen und waren ein Kind, als in Rostock-Lichtenhagen die Molotow-Cocktails flogen. Welche Erfahrungen haben Sie als Sohn vietnamesischer Geflüchteter in Westdeutschland gemacht?
Es gab Angriffe auf unser Haus, Steinwürfe, Hunde-Exkremente wurden an die Wand geschmiert. Ich bin mehrmals angespuckt worden. Nachts wurde gehupt, „Ausländer raus!“ gerufen oder „Scheiß Japsen“. Das hat meine Kindheit und Jugend geprägt. Es gibt das Klischee, dass die Boat-People-Community keinen Rassismus erfahren hat. Das ist natürlich totaler Blödsinn. Das Absurde ist: Auch für Vietnamesen im Westen war Rostock-Lichtenhagen damals eine Gelegenheit, um die eigenen Probleme auf den Osten zu projizieren und sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

Sie haben einmal gesagt, es führt eine Linie von Rostock-Lichtenhagen nach Tröglitz, Freital oder Bautzen. Wo sehen Sie die Parallelen zur Gegenwart?
Das ist natürlich polemisch gemeint. Die Angriffe auf Unterkünfte der letzten Jahre sind ja noch so nah dran, dass sie historisch noch nicht aufzuarbeiten sind. Und Rostock-Lichtenhagen selbst ist historisch, juristisch, politisch bei weitem noch nicht vollständig aufgearbeitet.

Hat das erschwert, daraus Konsequenzen zu ziehen?
Ja. Ich habe den Eindruck, dass es im Bewusstsein unserer Gesellschaft in den 90ern nur Rostock-Lichtenhagen, Hoyerswerda, Mölln und Solingen gegeben hat, dass diese Ereignisse wie singuläre rassistische Events gesehen werden. Sie werden nicht in den größeren politischen Kontext zu jener Zeit gesetzt. Dadurch werden auch die ,kleinen Ereignisse’ auf den Dörfern ausgeblendet. In dem Dokumentarfilm „The truth lies in Rostock“ wird davon gesprochen, dass es fast täglich irgendwo einen Anschlag gab.

Was heißt das für die Gegenwart?
Ein Beispiel: Hoyerswerda liegt im gleichen Landkreis wie Bautzen. Da muss man sich doch als Gesellschaft fragen, warum passieren diese Dinge in ähnlichen Orten. Darauf brauchen wir zivilgesellschaftlich, wissenschaftlich und politisch eine Antwort. Und dafür müssen wir die Ereignisse in einem größeren Kontext sehen.

Interview: Martín Steinhagen

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