Lade Inhalte...

Rechter Terror in Freital „Die Stimmung im Ort war sehr feindselig“

Kristin Pietrzyk vertritt im Prozess gegen die „Gruppe Freital“ ein Anschlagsopfer. Ein Gespräch über die Ursachen für den Hass auf Flüchtlinge, die Angst der Betroffenen und das Versagen der Ermittler.

Ermittlungen gegen die "Gruppe Freital"
Die Polizei in Freital erkannte den rechtsterroristischen Hintergrund der Taten nicht, kritisiert eine Opfer-Anwältin. Foto: dpa

Frau Pietrzyk, seit Anfang 2017 wird in Dresden gegen die „Gruppe Freital“ verhandelt. Es ist einer der ersten Prozesse, in dem einige der jüngsten Anschläge auf Flüchtlingsheime als Terrorismus verhandelt werden. Wo steht das Verfahren?
Wir sind in der Endphase. Es geht derzeit um die letzten Beweisanträge. Dann beginnt die Bundesanwaltschaft mit ihrem Plädoyer. Danach ist die Nebenklage an der Reihe. Mit einem Urteil ist im Januar oder Februar zu rechnen.

Ihr Mandant wohnte in einer der Unterkünfte, auf die ein Anschlag verübt wurde. Durch Splitter der berstenden Fensterscheibe wurde er verletzt. Wie geht er damit um?
Mein Mandant war Ziel eines versuchten Mordes. Bei den Betroffenen hat der Anschlag eine Vielzahl von Reaktionen ausgelöst. Die erste war, dass sie wegwollten aus Freital. Sie leben jetzt alle in größeren Städten, wo es eine stärkere migrantische Community gibt und sie nicht so auffallen wie in Freital.

Wie denken die Betroffenen über die Tat?
Unseren Mandanten ist unerklärlich, wie ein Mensch dazu kommt, zu versuchen, ihre Wohnung in die Luft zu sprengen – zumal sie keinerlei persönlichen Kontakt oder Konflikt hatten. Wenn einem bewusst ist, dass es reines Glück war, dass man mit dem Leben davonkam, wird man das schwer wieder los. Mein Mandant hat die brennende Lunte der Sprengvorrichtung gesehen, die Bewohner konnten aus dem Raum flüchten. Wäre das nicht passiert, wären wir Hackfleisch, sagen sie.

Was erhofft sich Ihr Mandant von dem Prozess?
Einerseits Aufklärung darüber, wie es dazu kam. Da sind wir ein gutes Stück vorangekommen, insbesondere beim Zusammenspiel von gesellschaftlichem Rechtsruck über die Vernetzung der Angeklagten zu anderen Nazi-Kameradschaften bis hin zum Versagen der Dresdner Staatsanwaltschaft. Andererseits lange Haftstrafen für die Angeklagten – als Schutz und Abschreckung.

Freital war alles andere als ein Einzelfall. In Deutschland ist es seit 2015 gehäuft zu solchen Angriffen gekommen. Ist das Ihren Mandanten bewusst?
Das sind Menschen, die sind aus Kriegsgebieten geflohen, die wissen, wie sich Bombenangriffe anfühlen. Sie sind gekommen, um hier sicher leben zu können. Trotz Anfeindungen auf der Straße, von denen etwa mein Mandant auch berichtet hat, stellt sich ein Sicherheitsgefühl ein. Das wird angegriffen. So sieht das auch die Bundesanwaltschaft sehr zutreffend in ihrer Anklageschrift: Es ging darum, den Geflüchteten das Gefühl zu geben, dass sie nirgends in Deutschland mehr sicher sind. 2015 war es ja so, dass man sich täglich nicht fragte, ob, sondern wo ein Heim attackiert wurde.

Durch den Prozess wurden die Geschehnisse in Freital im Detail ausgeleuchtet. Was kann man daraus über das Phänomen „Angriffe auf Heime“ lernen? Zum Beispiel darüber, welche Rolle die Stimmung im Ort spielt?
Ich denke man muss das als Chronologie betrachten. Es gibt Anfang 2015 die Mitteilung, dass das Freitaler Hotel Leonardo zu einer Erstunterkunft werden soll. Dann regt sich dagegen Protest, der erst sehr von Anwohnern getragen scheint, eher Wutbürger als Polit-Strategen. Wenn man aber hinter die Fassade schaut, sieht man, dass NPD-Politiker da mitgemischt haben. Das macht deutlich, dass hinter diesem bundesweiten Nein-zum-Heim-Demo-Trend schon eine politische Agenda steckte.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum