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Rechte in Berlin-Neukölln „Das ist brauner Terror“

Erst flogen Steine in die Scheiben seiner Buchhandlung, dann brannten seine Autos: Ein Buchhändler stellt sich gegen Rechtsextremismus in Berlin-Neukölln.

Rechte Gewalt in Neukölln
Asche und verbrannte Bücher: Heinz Ostermann ist zum dritten Mal Ziel von rechts motivierter Brandstiftung in Neukölln geworden. Foto: Heinz Ostermann

Gegen 3 Uhr in der Nacht geht das Auto von Buchhändler Heinz Ostermann in Flammen auf. Unbekannte haben den Peugeot angezündet, der Wagen brennt von vorne komplett aus. Nur verrußtes Blech bleibt – und im Kofferraum eine Fuhre Bücher, verkohlt, die der Buchhändler eigentlich in seinen Laden bringen wollte. 

Ostermann liegt kaum 300 Meter entfernt im Bett, ein Anruf von der Polizei weckt ihn. Seine Nummer haben die Beamten schon lange abgespeichert. Denn der 61-Jährige wird nicht zum ersten Mal Ziel eines solchen Angriffs: Er neben seinem brennenden Wagen, die hell lodernden Flammen, die Lichter der Feuerwehr in der Nacht – für Ostermann ist das „ein Déjà-vu“. 

13,9 Prozent der Stimmen für die AfD in Neukölln

13,9 Prozent der Stimmen holte die AfD im September 2016 in Neukölln bei der Senatswahl. Ostermann schockierte das, zusammen mit anderen in seiner Branche habe er gedacht: „Wir müssen da was machen.“ Also gründeten sie die Initiative „Neuköllner Buchhändler gegen Rechtspopulismus und Rassismus“, die Lesungen und Vorträge zu dem Thema ausrichtet. Bei der ersten Veranstaltung in Ostermanns Buchhandlung Leporello in Rudow kamen 50 Zuhörer.

Ein kleiner Schritt, der für Ostermann in diesem Kiez schwere Folgen hatte: Erst flogen Steine in die Scheiben seiner Buchhandlung. Ostermann ließ Sicherheitsglas einbauen, gitterte Fenster ein und tauschte die Schlösser aus. Wenige Wochen darauf brannte sein Ford Focus, diesmal vor seiner Privatadresse in Neukölln-Britz. Totalschaden Nummer 1. Nachbarn und Freunde sammelten Spenden, Ostermann kaufte von dem Geld als Ersatzwagen einen Peugeot und spendete den Rest. Ungefähr 11 Monate konnte er ihn fahren. Dann brannte in der Nacht zum 1. Februar auch der Peugeot.

 

Für Ostermann steht zweifelsfrei fest, dass die Täter aus der rechten Szene kommen. Auch der Staatsschutz ermittelt in diese Richtung. Schon von 2008 bis 2012, mit einem Höhepunkt 2010/2011, hatte es eine Welle rechter Anschläge in Neukölln gegeben, bei der die Täter Vereinshäuser und linke Jugendzentren mit Molotow-Cocktails und Farbflaschen bewarfen. Seit knapp zwei Jahren beobachten Experten eine neue Serie, die sich mit noch größerer Gewalt verstärkt gegen einzelne Engagierte richtet: Vor allem in Britz und Rudow werden seit Mai 2016 alle paar Monate gezielt Autos von Menschen angezündet, die sich im weitesten Sinne gegen Rechts einsetzen. Immer nachts und nur wenige Meter von den Wohnungen entfernt, in denen sie mit ihren Familien schlafen. Linke Lokalpolitiker, Kirchenmitglieder, Gewerkschafter, Flüchtlingshelfer, Mitglieder in Vereinen und Initiativen sind gleichermaßen die Opfer.

13 von Rechten abgefackelte Autos zählt die Mobile Beratung gegen Rechtsextremismus Berlin (MBR) seit Mai 2016 in Neukölln, hinzu kommt ein Brandanschlag auf ein linkes Cafe und einen Wagenplatz, 15 aus dem Asphalt gerissene Stolpersteine, die an von Nazis deportierte Juden erinnern sollten, sowie Dutzende Bedrohungen durch Graffiti an Hauswänden. Vor- und Nachname von Engagierten werden dabei an die Wände der Häuser gesprüht, in denen sie leben, meist gefolgt von dem Schriftzug “=Rote Drecksau“. Ob Brandsatz oder rote Farbe, die Botschaft ist dabei immer dieselbe: Wir wissen, wo ihr wohnt. Auch zuhause seid ihr nicht vor uns sicher. 

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