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Prozess in Norwegen "Breivik lebt in einer völlig anderen Realität"

Charité-Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber über psychisch kranke Amokläufer und politisch motivierte Terroristen. Kröber sieht Anzeichen dafür, dass sich bei Anders Breivik Verfolgungswahn und Schizophrenie herausgebildet haben.

Rosen erinnern an die Opfer vom 22. Juli 2011. Foto: dpa

Er blickt tief in die ganz eigene Welt von Mördern und Attentätern. Hans-Ludwig Kröber ist in deutschen Gefängnissen und Gerichten Stammgast, er dürfte Deutschlands bekanntester Kriminal-Psychiater sein. Im Prozess gegen den Wetter-Moderator Jörg Kachelmann wurde seiner Expertise vertraut. In Norwegen steht derzeit der Attentäter Anders Behring Breivik vor Gericht. Kröber sieht starke Anhaltspunkte, dass sich bei ihm ein Verfolgungswahn samt Schizophrenie herausgebildet hat.

Herr Professor Kröber, die norwegischen Gutachter sind zu zwei entgegengesetzten Gutachten gelangt. Die einen sehen bei Anders Breivik eine „paranoide Schizophrenie“, die anderen widersprechen. Der Attentäter sei weder schizophren noch psychotisch. Wie kommen so extrem unterschiedliche Ergebnisse zustande?

Vom ersten Gutachten mit der Diagnose Schizophrenie liegt mir ein längerer Ausschnitt vor. Das zweite Gutachten kommt laut der Zusammenfassung zum Schluss, Breivik sei zum Zeitpunkt der Tat nicht psychotisch gewesen. Das ist eine kryptische Formulierung, weil es offen lässt, ob er möglicherweise zu einem anderen Zeitpunkt psychotisch war.

Viele Norweger schmerzt der Gedanke, der Mord an 77 meist jungen Menschen sei die Tat eines Verrückten, der dann noch nicht einmal schuldfähig wäre. Haben sich die Zweitgutachter möglicherweise vom Volkszorn beeinflussen lassen?

Die Volksseele möchte natürlich jeden Psychiater hinrichten, der darauf verweist, dass Breivik kein Terrorist ist wie Christian Klar oder Mohammed Atta, der einer der Attentäter des 11. September 2001 in New York war. Eine breite Koalition in Norwegen wünscht sich, dass Breivik voll schuldfähig ist. Viele dort wollen ihren Zorn leben und ihn als Terroristen bestraft sehen.

Ihre These lautet also, die Volksseele will Rache. Da passt es nicht, wenn Breivik psychisch krank wäre?

In Internetforen wird gegen ihn gewütet, man will ihn – wenn es schon keine Todesstrafe gibt – doch wenigstens lebenslang im Gefängnis sehen. Dabei wird allerdings übersehen, dass es in Norwegen keine lebenslangen Haftstrafen gibt.

Breivik selbst sieht sich ja als normal an, als aufrechter Norweger, der einen Feldzug gegen den Massenimport von Moslems und den Islam anführen will.

Das ist es, was mich am meisten erstaunt. Wir haben doch genügend Terroristenprozesse gehabt, wir kennen real existierende Terroristen – von der RAF angefangen über die Sauerland-Gruppe bis hin zur Zwickauer Terrorzelle, die sich Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) nannte. Alle diese Terroristen waren gruppenförmig organisiert. Breivik hingegen war nach allem, was wir wissen, völlig isoliert. Seit 2006 hat er, sinnbildlich gesprochen, einsam bei Mutti auf dem Sofa gesessen. Das allein ergibt einen gravierenden Unterschied zu anderen Terroristen. Er war ein von jeglichem Diskurs abgeschnittener Fantast. Die Anhängerschaft von Tausenden war reine Fantasie, er kann nicht einmal angeben, wie er mit denen in Kontakt gestanden haben will.

Anders Breivik hatte eine schwierige Kindheit. Die Eltern haben sich, als er ein Jahr alt war, voneinander getrennt. In der Pubertät ist er in die Kirche eingetreten, hat sich von seinem Vater losgesagt. Sind solche Biografien typisch für Menschen, die aus der Bahn geraten?

Ja, er hat auch keinen qualifizierten Schulabschluss mehr hinbekommen. Das ist so ein typischer Verlauf, wie wir ihn bei schizophrenen Kranken oft erleben. So etwa mit 18 Jahren fängt es an, immer schwieriger zu werden, das berufliche und persönliche Leben geht nicht mehr voran. Statt einer Berufsausbildung macht Breivik verschiedene Geschäfte, gründet immer neue Firmen. So gegen 2002 endet das, ab 2006 sitzt er nur noch zu Hause und arbeitet nicht mehr. Die Mutter berichtet, dass er nur noch nachts aktiv ist, kaum wiederzuerkennen ist und Angst vor Vergiftung hat. Er läuft zu Hause mit Atemschutzmaske rum, hat zu diesem Zeitpunkt keine sozialen Kontakte mehr und vertieft sich immer mehr in bizarre Ideen.

Aus der Ferne eine Diagnose abzugeben ist sicher schwierig. Aber was würden Sie vermuten, ist mit Breivik damals passiert?

Es spricht sehr viel dafür, dass er in dieser Zeit schizophren erkrankt ist. Bei ihm zeichnet sich die Krankheit dadurch aus, dass er Affektstörungen hat, er kann keine emotionalen Kontakte zu anderen mehr herstellen. Sein Manifest unterscheidet sich in der Verstiegenheit und Verworrenheit schon erheblich von den politischen Theorien anderer Attentäter.

Was unterscheidet denn einen normal schuldfähigen von einen psychisch gestörten Attentäter?

Wir in Deutschland versuchen zu beweisen, dass ein Mensch normal oder psychisch krank ist – unabhängig von der Tat, die er begangenen hat. Erst im zweiten Schritt wird geschaut, ob die Tat aus einer wahnhaften Idee heraus erfolgt ist. Problematisch ist es, nur an der Tat herumzudoktern und zu sagen, das ist verrückt und das nicht.

Viele psychisch Kranke können ihre Krankheit ganz gut einschätzen und spielen ihrer Umgebung Normalität vor. Könnte es sein, dass Breivik bei den Zweitgutachtern perfekt Theater gespielt hat?

Ich bin mir sicher, dass er bemüht war, zu verdeutlichen, dass er normal ist. Solche Situationen habe ich wiederholt mit schizophrenen Tätern erlebt. Bis zur Urteilsverkündung haben die darum gekämpft, dass sie als völlig normal angesehen werden. In Berlin-Hellersdorf gab es eine Messerstecherei. Dort attackierte ein junger Student aus Marokko drei junge Männer mit einem Messer. Er gab an, es sei Notwehr gegen Neonazis gewesen. In Wirklichkeit war es ein völlig anderer Film: Der Messerstecher hörte Stimmen und hatte Verfolgungswahn.

Wird sich dieser andere Film auch bei Breivik zeigen?

Ich rechne damit. Sein Manifest ist ja keine politische Überzeugung, die fanatisch-wahnhaft wie etwa „Mein Kampf“ von Adolf Hitler ist. Breivik ist eine andere Kategorie von bizarren abseitigen Vorstellungen. Für sein neues Norwegen hat er Titel und Ehrenzeichen ausgearbeitet, das ist völlig realitätsentrückt, dafür gibt es keine Gefolgsleute.

Gibt es psychische Krankheiten, die besonders häufig zu kriminellen Handlungen führen?

Also die große Mehrheit der psychisch Kranken ist friedlich, einige sogar sehr viel friedlicher als die Normalbevölkerung. Problematisch ist eine sehr kleine Gruppe von Schizophrenen – weniger als ein Prozent. Das sind Patienten, die eine erhöhte Gewaltbereitschaft während einer akuten Psychose haben. Teilweise handeln sie impulsiv aggressiv, weil sie Situationen völlig falsch einschätzen. Das war beispielsweise bei dem Berliner U-Bahn-Schubser der Fall, der sich durch die Kameras auf dem Bahnsteig verfolgt fühlte. Es sind ungeplante, situativ entstehende chaotische Handlungen. Das andere sind die lange vorbereiteten Attentate, etwa das einer schizophrenen Frau auf Oskar Lafontaine. Vergleichbar war es bei dem Attentat auf Wolfgang Schäuble. Oder denken Sie an den Una-Bomber in den USA. Der Mathematiker hat jahrelang Briefbomben an Professoren und Vorstandsmitglieder verschickt.

Gehört Anders Breivik in diese Kategorie? Er hat seinen Massenmord auch lange vorbereitet.

Davon würde ich ausgehen. In Norwegen kam ein sehr unglücklicher Umstand hinzu, so dass Breivik einfach immer weiter töten konnte. Offenbar gab es nur einen einsetzbaren Polizeihubschrauber, ein Teil des Ausmaßes dieser Tragödie ist zufälligen Dingen zuzuschreiben. Breivik hätte früher gestoppt werden können, wenn die Polizei besser ausgerüstet gewesen wäre.

Ist frühe Hilfe für Menschen denkbar, die in eine Situation wie Breivik geraten?

Nur ein Teil der Schizophrenen kann erkennen, dass er Hilfe benötigt. Der Mystery-Thriller Take Shelter zeigt sehr eindrucksvoll, wie sich eine Schizophrenie langsam entwickelt. Dieser Curtis LaForche nimmt zunehmend eine Bedrohung wahr und baut in seinem Garten einen Schutzbunker gegen Tornados. Wegen seiner Panikzustände und Wahrnehmungsstörungen geht er zum Psychiater, um wieder ruhig schlafen zu können. Bei Breivik und anderen aber ist es so, dass sie galoppierenden Größenwahn haben, der sie gegen jede Idee abschirmt, dass sie krank sein könnten.

Ist das Teil des Krankheitsbildes?

Ja, für Breivik sind eher die anderen die Kranken und Verrückten, die nicht sehen, was wirklich im Land gespielt wird. Er wollte ja die alten Norweger-Könige ausbuddeln lassen, um ihre DNA zu bestimmen. Dann sollte die Bevölkerung untersucht werden, wer diesem DNA-Profil am nächsten kommt. Die Auserwählten wollte er dann weiterzüchten. Wer solche Irrsinnsprojekt entwickelt, der kommt nicht auf die Idee, selber krank zu sein.

Das Gespräch führte Karl-Heinz Karisch.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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