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Prozess gegen Anders Breivik "Jetzt ist der Polizist verrückt geworden"

Im Breivik-Prozess rückt das Utøya-Massaker in den Mittelpunkt. Der Fährmann, der den Attentäter auf die Insel gebracht hat, sagt aus.

Auf der norwegischen Insel Ütoya soll Anders Behring Breivik 69 Menschen getötet haben. Foto: dapd/Archiv

Er hat gesehen, wie seine Lebensgefährtin erschossen wurde, aber die Erinnerung daran ist weg. „Wie stark ich auch versuche, es ist verdrängt“, sagte Jon Olsen, als er am Donnerstag im „Tingsrett“ in Oslo als Zeuge aussagte.

Olsen war der Fährkapitän, der den Massenmörder Anders Breivik zur Insel Utøya brachte. Seine Lebenspartnerin war Monica Bøsei, die Lagerleiterin, als „Mutter Utøya“ bekannt und beliebt. Sie war eines von Breiviks ersten Opfern, und ihr Mann fragt sich seither „jeden Tag, was ich anders hätte machen können“. Doch er kommt zu dem Schluss, dass er das Richtige tat.

Mit Olsens Aussage ist der Terrorprozess gegen Breivik zum Utøya-Massaker vorgerückt, in dem 69 junge Menschen starben. Ohne auf den Täter zu blicken, legte der Schiffsführer mit fester Stimme Zeugnis ab: wie er den Anruf erhielt, dass ein Polizist um Transport bat, während er mit anderen auf der Insel die Fernsehbilder vom Bombenanschlag in Oslo sah. „Monica kam mit“, erinnert er sich.

Am Festland wartete Breivik in seiner falschen Polizeiuniform und mit einem schweren Kasten. „Bombensuchausrüstung“, sagte er. Brøsei bat Breivik, seine Waffe zuzudecken, um nicht „Unruhe auszulösen“, denn die Jugendlichen auf der Insel hätten wegen des Attentats ohnedies schon viel Angst. Olsen holte einen Plastiksack, den Breivik über die Waffe legte.

"Hier stimmt etwas nicht"

Er habe angespannt gewirkt und kommandierend gesprochen, erinnert sich Olsen. Angesichts der Lage völlig normal. Am anderen Ufer fragte er, ob er ein Auto holen solle, wegen des schweren Kastens. Breivik bejahte. Olsen fuhr hoch zum Hauptgebäude, im Rückspiegel sah er, wie Breivik Trond Berntsen begrüßte, Utøyas unbewaffneten Wachmann. Dann hörte er einen Knall, sah Breivik schießen, auf unter einem Meter Abstand, sah Berntsen fallen. „Ich dachte: das muss eine Übung sein. Gleichzeitig dachte ich: hier stimmt etwas nicht.“ Er glaube, dass er auch gesehen habe, wie Monica starb, „aber ich kann es nicht erinnern.“

Er rannte weg und erwartete eine Kugel im Rücken. Er dachte an seine Tochter, die auch auf Utøya war und wie er sie finden sollte. Er dachte, dass „Gadaffi gesagt hat, er werde Terroristen in die Länder schicken, die Libyen bombardierten, und dass das jetzt geschehen sei.“ Er dachte an Evakuierung, und dasss das hoffnungslos sei. Er lief zurück zur Fähre MS Thorbjörn, denn die Polizei würde sie brauchen, um zur Insel zu kommen. Er rief die Notnummer an, während er rannte, und als er bei dem Schiff war, legte er ab, mit den wenigen Leuten an Bord, die es zum Kai geschafft hatten.

Er sei „voll von Angst und Panik“ gewesen, berichtete er im Zeugenstand, und dass alle im Schiff flach auf dem Boden lagen, aus Furcht, vom Ufer her erschossen zu werden. Vom Festland erinnert er die Stille. „Ich dachte, hier werde es schwirren von Polizei, Rettungen, Hubschraubern. Doch nichts geschah.“ Eine Stunde später erst setzte er mit Ärzten und Krankenpersonal wieder über. Dann fand er auch die Leiche seiner Frau.

Die ältere Tochter war in Sicherheit, die jüngere war daheim bei Oma. Sie hätte tags davor auch nach Utøya kommen sollen, doch wegen des Schlechtwetters blieb sie zuhause. „Wir haben das Liebste verloren, das wir hatten“, sagte Olsen. Die Mädchen „haben Schule und Freunde. Aber sie vermissen ihre Mutter sehr.“ Er selbst ist seither krank geschrieben. „Ich denke ständig daran und was ich anders machen konnte. Aber mein Schluss ist, dass ich das Richtige tat.“

Vor Olsen hatte Simen Mortensen ausgesagt, der Wächter am Festland, der die Fähre rief. Breivik habe erklärt, dass wegen des Oslo-Attentats an vielen Orten die Sicherheit verschärft werde, und dass er deshalb nach Utøya sollte. Als er später die ersten Schüsse hörte, glaubte er, der Polizist teste seine Waffe und wunderte sich, warum er dies in einer derart aufgeregten Stimmung tat. Als lange Schusssalven zu hören waren, dachte er: „Jetzt ist der Polizist verrückt geworden“. Dass es sich nicht um einen Polizisten handelte, habe er erst viel später verstanden.

Während der kommenden Prozesswoche stehen die Obduktionsrapporte der Utøya-Opfer im Mittelpunkt. Ab dem 14.Mai werden Überlebende als Zeugen vernommen.

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