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Prozess gegen Anders Breivik Breivik-Opfer: „Trage die Wunden mit Würde“

Die Jugendlichen, die beim Massaker in Norwegen mit dem Leben davongekommen sind, sprechen im Prozess gegen den Attentäter offen über Verzweiflung und Schmerz, Angst und Albträume, Zukunft und Hoffnung. Eine Hommage an die Überlebenden von Utøya.

Anders Breivik vor Gericht in Oslo: Der Attentäter hat zugegeben, am 23. Juli vergangenen Jahres 77 Menschen getötet zu haben. Trotzdem hält er sich für unschuldig. Foto: dpa

An ihrem Hals und ihren Schultern sind die Schussnarben deutlich zu sehen, und Ylva Schanke tut nichts, um sie zu verbergen. „Ich bin nicht stolz auf meine Wunden, aber ich trage sie mit Würde“, sagt die heute 15-Jährige. Anders Breivik, der rechtsradikale Massenmörder, hat sie in den Hals geschossen, in den Magen, in die Beine. Sie hätte nicht in den Zeugenstand kommen müssen, bei so jungen Opfern begnügt sich das Gericht auch mit dem Verlesen des Polizeiverhörs, doch sie wollte. „Er hat auf eine 14-Jährige geschossen, die weglief, und nachdem er mich zweimal getroffen hatte, schoss er noch zweimal auf meine Beine. Das ist das Feigste, das ich je gehört habe“, empört sie sich, und das will sie ihm sagen, direkt ins Gesicht.

„Demokratie ist nicht gratis“, hat sie gelernt, „ich habe einen Preis bezahlt, und wir haben gewonnen. Ich habe keine Angst, meine Narben zu zeigen, sie sind Zeichen des Sieges“. Wie es ihr jetzt geht? „Es geht nicht darum, wie es einem geht, sondern was man daraus macht“, entgegnet das Mädchen, „deprimiert zu sein, hilft keinem.“ Im Terrorprozess von Oslo waren in den letzten zweieinhalb Wochen die Aussagen von 45 jungen Menschen zu hören, die das Massaker von Utøya überlebt haben, und alle verdienen eine Hommage für ihre Tapferkeit und ihre Lebenskraft. „Nie zuvor hat ein norwegisches Gericht eine solche Zeugenreihe so mutig und offen über Verzweiflung und Schmerz, Angst und Albträume, Zukunft und Hoffnung sprechen gehört“, schreibt Norwegens führender Kommentator Harald Stanghelle in „Aftenposten“, „doch die Hoffnung steht am stärksten.“

„Sterben war keine Alternative“

„Jetzt sterbe ich, Viljar“, hauchte Ylva, als Breiviks Projektil ihren Hals durchschlagen hatte. „Nein, das tust du nicht“, verbat ihr der Kamerad. Und als der Tod nicht kam, dachte sie: „dann muss ich mich wach halten, das überlebe ich.“ Als der 18-jährige Viljar Hanssen der Freundin Mut gab, hatte er selbst eine Kugel im Kopf. „Sterben war keine Alternative“, sagt er jetzt über seine Gefühle von damals. Er hatte einen Schlag verspürt und „irrsinnig lautes Geräusch“, das ihn zu Boden warf, an der einen Hand hingen die Finger nur noch an einem Hautfetzen, und als er mit der anderen an seinen Kopf griff, fühlte er etwas Weiches. Das war sein Gehirn. Auf dem rechten Auge ist er seither blind. „Das ist praktisch“, sagt er im Zeugenstand. „So brauche ich ihn nicht zu sehen“, spottet er und zeigt auf den rechts von ihm sitzenden Attentäter.

Mohamad Hadi Hamed kommt im Rollstuhl ins Gericht, ein Bein und ein Arm mussten amputiert werden. Der 21-Jährige ist vor drei Jahren aus Irak geflüchtet. Er rief um Hilfe auf arabisch, weil er einen Augenblick glaubte, wieder in Bagdad zu sein. „So etwas gibt es doch in Norwegen nicht“. Breivik schoss zweimal auf ihn, und als er ihn stöhnen hörte, kam er zurück und schoss ihn nochmals in den Bauch. Rings um ihn hörte Mohamad andere sterben, „den Laut habe ich ständig im Kopf“. Er ist immer noch in der Reha-Klinik und verkrüppelt für den Rest des Lebens. „Anfangs war das schwer“, sagt er, „ich wurde von einer ganzen Person zu einer halben.“ Doch trotz allem: „Wenn ich an mich denke und an den Täter, dann ist mein Leben besser.“

Es gibt – vor allem ausländische – Prozessbeobachter, die sich wundern, dass die Jugendlichen auf Utøya nicht versuchten, den Mörder zu überwältigen, sondern sich umbringen ließen wie Schlachtvieh. Doch Tapferkeit hat auch andere Ausdrucksformen. Janne Hovland rettete Schwerverletzte, weil sie quer über die Insel rannte, um Verbandstoff zu holen, während die Schüsse noch hagelten. Vier Freunde lagen bei Ina Libak und legten Steine auf ihre Wunden, um die Blutungen zu stoppen. Sie flohen nicht, als sich Breivik näherte: „Wir lassen dich nicht im Stich!“

Andrine Johansen wäre fast in ihrem Blut erstickt, während sie sah, wie Breivik ihre Kameraden tötete. Dann richtete der Mörder die Waffe wieder auf sie. „Als er abdrückt, springt Henrik auf und nimmt die Kugel, die mir galt“, schluchzt die 17-Jährige, „ich sehe nur, wie er zusammenbricht.“ „Das war typisch für ihn“, sagt Henrik Rasmussens Mutter, und in all ihrem Schmerz ist es ein Trost für sie, dass das Sterben ihres Sohnes ein anderes Leben rettete.

Breivik schoss ihm ins Gesicht

Dem 16-jährigen Einar Bardal haben die Ärzte 150 Metallfragmente aus dem Kopf entfernt, 100 weitere sitzen noch dort. Breivik schoss ihn ins Gesicht, weil Einar nicht floh. „Eine Freundin bat mich, sie nicht zu verlassen, daher blieb ich und schwamm nicht weg. Und darüber bin ich eigentlich sehr froh.“ Als der Täter ihn getroffen hatte, schaute sich Einar nach den anderen um, und er sah das Entsetzen in deren Gesicht. „Es war schwarz und rot und schrecklich, daher machte ich Faxen und das Peace-Zeichen, damit sie nicht Angst kriegten.“ Als Ina Libak mit zerschmettertem Kiefer ans Festland gebracht wurde, saß ein Mädchen neben ihr im Boot und hielt ihre Hand. „Schau mich nicht an, sonst kriegst du ein Trauma“, bat Ina. „Du bist wunderschön“, erwiderte das Mädchen.

Zwei tiefe Narben entstellen Inas Unterarm. „Ich habe die eine Solidarität genannt und die andere Zusammenhalt“, lacht die 22-Jährige. Cecilie Herlovsen kommt im ärmellosen Kleid in den Zeugenstand und zeigt ohne Scheu den Stumpf, der von ihrem Arm übrig blieb. „Ich pflege zu sagen, dass ich mehr Operationen hinter mir habe als Michael Jackson“, scherzt Tarjei Bech. Er trägt vor Gericht eine „Samekofte“, die Tracht der samischen Ursprungsbevölkerung. „Urvolk sind wir, nicht du“, sagt er Richtung Breivik, der behauptet hatte, sein Kampf gegen Muslime und Marxisten sei ein Kampf des ursprünglichen Volks gegen die Eroberer.

Hussein Kazemi ist aus Afghanistan nach Norwegen geflüchtet, und das Lager in Utøya war sein erster Kontakt mit der sozialdemokratischen Jugend. „Aber nicht der letzte“, verspricht der 19-Jährige: „Die, die dort ermordet wurden, hatten Wünsche und Träume, und ich will dafür kämpfen, ihre Wünsche und Träume zu erfüllen“, lautet seine Schlussreplik im Gerichtssaal 250 in Oslos „Tingsrett“.

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