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Zwickauer Terrorzelle Suche nach dem vierten Mann in der NSU

Eine unbekannte vierte Person hat vermutlich die Abläufe am letzten Tag der Zwickauer Terrorzelle entscheidend beeinflusst. Wie sonst hätte Beate Zschäpe vom Tod ihrer Freunde erfahren und die Wohnung in Brand stecken können?

Blumen erinnern in Kassel an Halit Yozgat, ein Opfer der Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“. Foto: dapd/Heiko Meyer

Eine unbekannte vierte Person hat vermutlich die Abläufe am letzten Tag der Zwickauer Terrorzelle entscheidend beeinflusst. Wie sonst hätte Beate Zschäpe vom Tod ihrer Freunde erfahren und die Wohnung in Brand stecken können?

Im Fall der mutmaßlichen Terrorzelle „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) sind die Ermittler zuversichtlich, dem Neonazi-Trio aus Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe die Täterschaft an der Ermordung von neun Migranten und einer Polizistin zwischen 2000 und 2007 sowie an mehreren Banküberfällen nachweisen zu können.

Rätselhaft erscheinen hingegen noch immer die Abläufe an jenem Freitag, dem 4. November 2011, an dem Mundlos und Böhnhardt in Stregda bei Eisenach ums Leben kamen und Zschäpe aus der von ihr in Brand gesteckten Wohnung in Zwickau floh. Das geht aus Ermittlungsunterlagen hervor, die von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung eingesehen wurden. Vor allem eine Frage ist auch nach fünf Monaten noch ungeklärt: Gab es eine vierte Person, die von der Existenz der NSU wusste und die Abläufe an diesem Tag entscheidend beeinflusste?

Nach den vorliegenden Erkenntnissen entwickelten sich die Ereignisse wie folgt: Am 4. November um 9.15 Uhr überfallen Mundlos und Böhnhardt die Sparkasse am Eisenacher Nordplatz. Mit 72.000?Euro Beute flüchten sie auf Fahrrädern zu einem Wohnmobil, das in nur 600 Meter Entfernung auf einem leeren Parkplatz abgestellt ist. Ein Zeuge beobachtet, dass die beiden ihre Räder verstauen und dann schnell in Richtung Baumarkt an der Autobahn fahren. Die Polizei löst eine Fahndung aus.

Haben Mundlos und Böhnhardt einen Vertrauten erwartet?

Gegen 12 Uhr fällt einer Funkstreifenbesatzung das Wohnmobil in einer Wohnsiedlung im Eisenacher Vorort Stregda auf. Als sich die beiden Beamten dem Fahrzeug nähern, vernehmen sie aus dem Inneren ein Geräusch, „als würde ein Möbelstück gerückt“, wie sich einer von ihnen später erinnert. Dann ertönen kurz hintereinander zwei Schüsse. Noch ein dritter Schuss fällt, und zwar – da gehen die Erinnerungen der Beamten auseinander – nach mindestens sieben, maximal 20 Sekunden. Kurz darauf dringen Rauch und Flammen aus dem Wohnmobil. In dem Fahrzeug werden wenig später die beiden Leichen gefunden.

Gesichert scheint, dass Mundlos mit seiner Pumpgun Böhnhardt in den Kopf geschossen hat – möglicherweise nachdem dieser auf die Polizisten gefeuert hatte. Anschließend soll er laut einem Brandgutachten Papier in der Mitte des Wohnwagens angehäuft und angezündet haben, bevor er sich selbst mit der Pumpgun erschoss – alles in wenigen Sekunden. Das Feuer wird so heiß, dass nach wenigen Minuten die Fenster und die Decke des Fahrzeugs herausfliegen und einige der Waffen sich verformen.

Warum aber töten sich die beiden Männer sofort, als die beiden Polizisten eintreffen? Haben sie vielleicht einen Vertrauten erwartet, der sie abholen wollte, und glauben sich nun verraten?

Der selbe Tag, ein anderer Ort: Zwickau, Frühlingsstraße 26. Beate Zschäpe ist beunruhigt. Dass ihre beiden Freunde unterwegs sind, geschieht zwar häufig. Doch offenbar hat sie schon seit dem Vortag keine Nachricht mehr von ihnen. Für diese Annahme spricht, dass sie um 10.34 Uhr ihren Laptop anmacht und im Internet surft. Die spätere Auswertung des Internetprotokolls ergibt, dass Zschäpe bis 12.43 Uhr die Seiten mehrerer Zeitungen und Radiostationen aufruft und dort nicht etwa nach dem Polizeibericht, sondern nach Meldungen über Autounfälle am Vortag sucht. Wusste sie vielleicht gar nichts von dem geplanten Bankraub in Eisenach?

Zschäpes Recherche scheint ergebnislos zu verlaufen, jedenfalls beginnt sie, auf anderen Seiten zu surfen. Um 13.05 Uhr gibt sie „Natürliche Mittel gegen Übelkeit“ als Suchbegriff ein, dann „Greenpeace“ und „Gegen Pelze“. Der letzte Seitenaufruf erfolgt um 13.26 Uhr, da sucht sie nach „Biobauern in Zwickau“. 54 Minuten später, um 14.20 Uhr, schaltet sie den Laptop laut Verlaufsprotokoll aus. Gegen 15 Uhr verlässt sie in großer Eile die Wohnung, die wenig später in Flammen aufgeht.

Wie hat Zschäpe vom Tod ihrer Freunde erfahren?

In dieser Zeit, vermutlich in den 54 Minuten zwischen 13.26 und 14.20 Uhr, muss sie aus zuverlässiger Quelle vom Tod ihrer Freunde erfahren haben. Aber wie? Im Internet gab es bis dahin keine Meldung über die Vorgänge in Stregda. So bleibt nur eine Erklärung dafür, dass Zschäpe die Wohnung in Brand steckt, um alle Spuren zu vernichten: Eine vierte Person, die von den Geschehnissen aus erster Hand wusste, muss es ihr mitgeteilt haben.

Es bleibt eine weitere Ungereimtheit. Als Zschäpe auf die Straße eilt, hat sie nur die beiden Katzenkörbe in der Hand, um die Tiere bei einer Nachbarin abzugeben. Keiner der Zeugen erinnert sich an eine größere Tasche. Hat sie aber nur eine normale Handtasche dabei: Wie passen dort die zwölf DIN A4-Umschläge mit den Bekennervideos hinein, die Zschäpe angeblich aus der Wohnung mitgenommen haben soll, um sie loszuschicken? Oder lagerten die Umschläge bereits bei einer anderen Person, die sie dann auf den Postweg brachte?

Eine Funkzellenauswertung ergibt, dass Zschäpe kurz nach ihrer Flucht aus der Frühlingsstraße im Abstand von 20 Minuten dreimal über ihr Handy mit André E. telefoniert, einem engen Freund des Trios. E. ist es vermutlich auch, der sie eine knappe halbe Stunde nach Ausbruch des Feuers in der Wohnung gut drei Kilometer entfernt mit dem Auto aufliest. Zschäpe muss bis dahin gerannt sein, sonst hätte sie die Strecke in so kurzer Zeit nicht geschafft.

An den folgenden Tagen fährt sie scheinbar ziellos mit der Bahn umher, denkt möglicherweise an Selbstmord. Eine Zeugin sieht sie am Nachmittag des 5. November in der kleinen Wohnsiedlung von Stregda, wo Mundlos und Böhnhardt gestorben sind. Mit starrem Blick sei Zschäpe umhergelaufen, ohne nach rechts und links zu schauen, so die Zeugin. Ein Spürhund nimmt später tatsächlich die Witterung Zschäpes in dieser Wohngegend auf. Ihre Spur führt nach Eisenach hinein, an den Wohnhäusern zweier einschlägig bekannter Neonazis vorbei. War einer von ihnen die Person, die sie am 4. November über den Tod ihrer Freunde informierte?

Am 8. November stellt sich Beate Zschäpe der Polizei. Seitdem verweigert sie jede Aussage, auch darüber, auf welchem Weg sie von Mundlos’ und Böhnhardts Tod erfahren hat. Ihr Schweigen aber, das hat sie den Beamten gegenüber deutlich gemacht, wird nicht von Dauer sein. Laut einem BKA-Bericht erklärt sie: „Ich habe mich nicht gestellt, um nicht auszusagen.“

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