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Tod von Michèle Kiesewetter „Das soll Zufall sein?“

Heute vor zehn Jahren wurde die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen. Ein NSU-Mord voller Rätsel, die noch immer nicht gelöst sind.

Ermordete Polizistin Kiesewetter
Spurensicherung nach den Mord: Polizisten am 25. April 2007 an der Heilbronner Theresienwiese. Foto: dpa

Am 16. April 2007 beginnen die letzten zehn Tage im kurzen Leben der Michèle Kiesewetter. An diesem Tag befindet sich die aus dem thüringischen Oberweißbach stammende Polizistin, die seit vier Jahren nun schon in Baden-Württemberg arbeitet, auf einem Fortbildungslehrgang in ihrer Böblinger Polizeikaserne. Die 22-Jährige ist guter Stimmung, denn sie hat sich verguckt – in einen Kollegen. Der kommt sie am Abend dieses Tages besuchen. Es sei nichts Ernstes, sagt sie einer Freundin später, nur ein Flirt. Ihr letzter Flirt.

Am Vormittag dieses 16. April 2007, ein Montag, betritt 450 Kilometer nordöstlich von Böblingen ein junger Mann das Büro des Chemnitzer Caravan-Vermieters Horn. Es ist der Neonazi Uwe Böhnhardt. Er holt ein Wohnmobil vom Typ Fiat Ducato 2.3 JTD ab. Das Fahrzeug mit vier Schlafplätzen hat das Kennzeichen C-PW 87.

Am 25. April 2007 wird der Caravan kurz nach 14.30 Uhr von einem Polizeibeamten registriert, der im baden-württembergischen Oberstenfeld an einer Kontrollstelle die Kennzeichen vorbeifahrender Autos notiert. Der Anlass für die Kontrolle ist ein brutaler Mordanschlag: Gut eine halbe Stunde zuvor, kurz vor 14 Uhr, haben Unbekannte Michèle Kiesewetter in ihrem auf der Heilbronner Theresienwiese geparkten Streifenwagen erschossen; ihr Beifahrer und Kollege Martin Arnold ringt zu diesem Zeitpunkt nach einem Kopfschuss noch mit dem Tode.

Von Heilbronn bis Oberstenfeld sind es 21 Kilometer. Mit einem Wohnmobil – das ergeben spätere Testfahrten – braucht man für die Strecke mindestens 24, höchstens 31 Minuten. Hat der Fahrer des Chemnitzer Caravans vielleicht etwas zu tun mit dem Polizistenmord?

Erst viereinhalb Jahre später scheint es eine Antwort zu geben. Am 4. November 2011 werden in einem wenige Tage zuvor angemieteten Wohnmobil im Eisenacher Stadtteil Stregda die Leichen der seit mehr als 13 Jahren untergetauchten Jenaer Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gefunden.

An Bord des ausgebrannten Fahrzeugs stellen Beamte die Dienstwaffen von Kiesewetter und Arnold sicher. Ein paar Tage später finden sich im Brandschutt der Zwickauer Wohnung, in der Mundlos und Böhnhardt zusammen mit der ebenfalls seit 1998 verschwundenen Beate Zschäpe lebten, weitere Ausrüstungsgegenstände der überfallenen Polizisten sowie die beiden Tatwaffen von Heilbronn. Zudem taucht in dem sogenannten Bekennervideo des NSU neben neun Morden an Männern mit sogenanntem Migrationshintergrund auch der Kiesewetter-Mord auf.

Später findet sich in einem Kleiderschrank der Wohnung noch eine Jogginghose, mit dem Blut Kiesewetters und einem Taschentuch samt DNA-Spuren von Mundlos. Und zeigt ein Tatortfoto aus Heilbronn nicht auch die Buchstabenkombination NSU, die jemand an die Wand des Trafohäuschens gesprayt hat, neben dem der Streifenwagen stand?

Der Mord an Michèle Kiesewetter, der am 25. April vor zehn Jahren verübt wurde und als letzter des NSU gilt, scheint angesichts der geradezu erdrückenden Indizienlage ein klarer Fall zu sein. Für die Bundesanwaltschaft ist er das auch: In ihrer Anklageschrift gegen das mutmaßliche NSU-Mitglied Beate Zschäpe und vier ihrer möglichen Helfer schreibt sie die Tat Mundlos und Böhnhardt zu. Die beiden hätten die auf der Theresienwiese parkende Streifenwagenbesatzung „spontan“ ausgewählt und mit dem Anschlag „ihrer Verachtung der staatlichen Gewalt und ihrer Repräsentanten Ausdruck verleihen“ wollen.

Widersprüche und Ungereimtheiten

Und dennoch weist der Polizistenmord von Heilbronn wie keine andere NSU-Tat eine solche Fülle von Widersprüchen auf, die nicht in das Indizienpuzzle der Bundesanwaltschaft passen wollen. Das beginnt mit der These vom „Zufallsopfer“. Vieles spricht dafür, dass die junge Thüringerin – anders als es die Ankläger behaupten – gezielt ausgewählt wurde. Die Anmietung des Wohnmobils etwa: Ursprünglich war es nur für drei Tage, vom 16. bis 19. April, bestellt. Dann soll Böhnhardt telefonisch um eine Woche, bis zum 26. April, verlängert haben, geben die Vermieter an. Wenn die Neonazis einen Mord geplant hatten – warum wurde die Tat verschoben? Warteten sie auf ein ganz bestimmtes Opfer?

Tatsache ist, dass Kiesewetter bis zum 17. April einen zentralen Fortbildungslehrgang in ihrer Einheit in Böblingen absolvierte. Danach hatte sie eine Woche dienstfrei und fuhr am 19. April für einen Kurzurlaub zu ihrer Mutter ins thüringische Oberweißbach. Von dort aus hatte sie sich jedoch telefonisch bereiterklärt, für einen erkrankten Kollegen einzuspringen – am 25. April. An diesem Tag wurde sie getötet.

Diese zeitliche Kongruenz zum Aufenthalt von Mundlos und Böhnhardt fällt auf. Sie könnte darauf hinweisen, dass es einen Zusammenhang gab zwischen der – nur wenigen Polizeikollegen bekannten – Einsatzplanung von Kiesewetter und der Verlängerung der Mietzeit für das Wohnmobil.

Bemerkenswert ist auch eine Aussage von Kiesewetters Onkel Mike W. acht Tage nach der Tat. Der damals beim Staatsschutz der Thüringer Kripo auch mit Rechtsextremisten und der organisierten Kriminalität befasste W. sagte in einer Vernehmung: „Meiner Meinung nach besteht … ein Zusammenhang mit den bundesweiten Türkenmorden. So viel ich weiß, soll auch ein Fahrradfahrer bei den Türkenmorden eine Rolle spielen.“ Wie kam W. im Mai 2007 auf diese – wie sich später zeigen sollte: zutreffende – Vermutung? Und woher wusste er von einem angeblichen Hinweis auf einen Fahrradfahrer, der sich vom Tatort wegbewegt haben soll? W. will sich heute nicht mehr daran erinnern können.

Mit dem Bundestagsabgeordneten Clemens Binninger (CDU), Vorsitzender des NSU-Untersuchungsausschusses und selbst jahrelang in Baden-Württemberg als Polizist tätig gewesen, kann man stundenlang über die Unklarheiten im Fall Kiesewetter debattieren. Von der These, dass die Polizistin nur ein Zufallsopfer gewesen sein soll, hält er wenig. „Wir haben ein Täterduo, das sich angeblich daheim in Zwickau dazu entschließt, Polizeibeamte zu ermorden, und dazu 450 Kilometer quer durchs Land fährt“, sagt er. „Dann irren die beiden tagelang durch Baden-Württemberg und finden unter 200 000 Polizisten in Deutschland schließlich die eine Streife, bei der ein Opfer aus Thüringen stammt, dessen Patenonkel als Staatsschützer mit Neonazis zu tun hat und eine Woche nach dem Mord eine Verbindung zu den Ceská-Morden herstellt“, zählt er auf. „Das soll Zufall sein?“

Noch etwas ist rätselhaft: Von Mundlos und Böhnhardt konnten keine DNA oder Fingerabdrücke am Tatort sichergestellt werden. Dabei hatten die Täter in großer Eile und mit erheblichem Kraftaufwand die Waffen der Opfer an sich gebracht. Es ist unwahrscheinlich, dass dabei keine DNA-Spuren zurückbleiben. Auch an den beiden Tatwaffen, die in der NSU-Wohnung sichergestellt wurden, fanden sich keine Spuren von Mundlos oder Böhnhardt. Und Zeugen, die sich in der Nähe des Tatorts aufhielten und verdächtige Personen beobachtet hatten, vermochten später nicht, die beiden auf Fotos wiederzuerkennen.

Aber wie kam dann Kiesewetters Blut auf die Jogginghose aus der Zwickauer Wohnung? Gutachten über die Anordnung der Blutspritzer haben inzwischen festgestellt, dass die Person mit der Hose nicht so dicht am Auto gestanden haben kann, dass sie den tödlichen Schuss abgegeben hat. Gab es also mehr als zwei Täter am Tatort? In einem Vermerk von 2012 über die Ermittlungen zum Polizistenmord schreibt das Bundeskriminalamt, dass man nach wie vor keine Klarheit über den Ablauf der Tat und die Anzahl der daran beteiligten Personen habe. „Ein eindeutiger Nachweis“, so heißt es in dem BKA-Papier, „dass zumindest Mundlos und Böhnhardt am Tattag in unmittelbarer Tatortnähe waren, konnte (…) bislang nicht erbracht werden.“

Daran habe sich bis heute nichts geändert, meint der Berliner Rechtsanwalt Sebastian Scharmer. Er vertritt im Münchner NSU-Prozess die Familie des in Dortmund 2006 ermordeten Kioskbetreibers Mehmet Kubasik. „Alle Indizien sprechen aus meiner Sicht dafür, dass das NSU-Kerntrio in den Heilbronner Polizistenmord involviert war“, sagt der Anwalt. „Gleichwohl halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass es noch mehr Mittäter gab. Hier sind weitere Ermittlungen notwendig.“

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