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Ralf Wohlleben NSU-Prozess: Plädoyer mit Hitler-Zitaten

Die Verteidiger des mutmaßlichen NSU-Waffenbeschaffers Ralf Wohlleben verschärfen den Ton im Gerichtssaal. Ihr Plädoyer ist voller historischer Anspielungen, Ablenkungen und Vorwürfen.

17.05.2018 17:51
NSU-Prozess
Ralf Wohlleben im Gerichtssaal. Foto: dpa

Es war am Ende eher eine völkische Kampfrede als ein Plädoyer in einem Strafprozess. Das Wort im Oberlandesgericht (OLG) München hatte am Donnerstagnachmittag Rechtsanwalt Wolfram Nahrath, einer der drei Verteidiger von Ralf Wohlleben. Wohlleben ist im NSU-Prozess angeklagt, weil er die Terrorgruppe NSU bei der Gründung unterstützt und deren Mordwaffe vom Typ „Ceska“ organisiert haben soll. Nahrath selber war Funktionär der NPD.

Im Kern sprach Nahrath den beiden NSU-Mördern Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nachträglich das Recht ab, sich in ihrem selbstgewählten Gruppennamen „Nationalsozialistischer Untergrund“ überhaupt als nationalsozialistisch zu bezeichnen. Wie zum Beleg zitierte er seitenweise Sprüche oder Leitsätze von Hitler, Goebbels, Churchill und anderen historischen Figuren, die zur Führung der NSDAP gehörten oder als ihre Feinde mit ihr zu tun hatten. Für Hitler hatte sich der Anwalt durchweg Friedensbekundungen als Zitate ausgesucht, für den britischen Premier Churchill durchweg kriegerische Aussprüche.

Mit derartigen „Botschaften“ hätten sich Mundlos und Böhnhardt wohl nicht beschäftigt, meinte Nahrath. Sie hätten sich wohl eher eine „eigene Ideologie gebastelt“, um sich zu rechtfertigen. Für ihren Tod hätten sie dann auch noch den „erweiterten Selbstmord nach einem profanen Banküberfall“ gewählt, statt sich eine „heroische“ Schießerei mit Polizisten zu liefern, also gleichsam „im Krieg“ zu fallen.

Eher politische Schlagworte gab es vorher auch von den beiden anderen Verteidigern Wohllebens, Nicole Schneiders und Olaf Klemke, und zwar an allen drei Verhandlungstagen dieser Woche. Klemke meinte, es gehe im NSU-Prozess darum, mit Wohlleben „den Nazi zur Strecke zu bringen“, weil Mundlos und Böhnhardt ja nicht mehr lebten und einer eben den Sündenbock geben müsse.

Mit Verweisen auf die NS-Historie wertete Klemke auch juristische Aspekte der Anklage, die Wohlleben Beihilfe zum neunfachen Mord vorwirft. Das Mordmerkmal der „niedrigen Beweggründe“ sei von den Nazis ins Strafgesetzbuch geschrieben worden, referierte er. Es „eignet sich aber offenbar auch im bundesrepublikanischen Gesinnungsstrafrecht“. Klemke unterstellte überdies dem Münchner Senat, der habe sein Urteil seit dem ersten Prozesstag insgeheim gefällt. Er habe darum eigentlich gar nicht plädieren wollen, sagte Klemke, weil das angesichts der Befangenheit der Richter eh sinnlos sei.

Alle drei Verteidiger warfen der Bundesanwaltschaft vor, lediglich „Beweisschnipsel“ zu einer lückenhaften Kette zusammengefügt und dabei überdies manipuliert zu haben. Der von den Anwälten als „Kronzeuge“ bezeichnete Mitangeklagte Carsten S. sei in Vernehmungen manipuliert worden, um Erinnerungen bei ihm zu wecken, die er gar nicht haben könne. Anwältin Nicole Schneiders zitierte eine Untersuchung der deutsch-britischen Forensik-Psychologin Julia Shaw und das von ihr beschriebene Phänomen der „verbalen Verschattung“: Demnach schwächen sich Erinnerungen an Gerüche, Geräusche oder andere Sinneseindrücke immer dann ab, wenn man versucht, sie in Worte zu fassen. Derart verschattet seien Aussagen von Carsten S. zu verstehen, die Wohlleben schwer belasteten.

Anwalt Klemke meinte, die NSU-Morde seien keineswegs politisch zu erklären. Vielmehr handele es sich bei Mundlos und Böhnhardt um „psychopathologische Serienkiller“. Die Morde hätten ihnen den ultimativen „Kick“ verschafft. Von Mord zu Mord hätten sie das Entdeckungsrisiko und damit den „Nervenkitzel“ gesteigert. Dass sie ihre Opfer fotografierten oder Beutestücke mitnahmen sei „makaber und menschenverachtend“, jedoch für „Psychopathen idealtypisch“. Davon habe sein Mandant nichts ahnen können.

Alle drei Verteidiger forderten für Wohlleben Freispruch und die sofortige Entlassung aus seiner inzwischen sechseinhalb Jahre währenden Untersuchungshaft. (dpa)

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