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Prozess in München Anklage geht offenbar von weiterem NSU-Mitglied aus

Die Bundesanwaltschaft stellt den Neonazi André E. in ihrem Plädoyer als engsten Vertrauten der Rechtsterroristen dar. War der NSU in Wahrheit ein Quartett?

NSU Prozess
Der Zwickauer Neonazi André E. Foto: dpa

In ihrem Plädoyer im Münchner NSU-Prozess hat die Bundesanwaltschaft dem mitangeklagten Zwickauer Neonazi André E. faktisch vorgeworfen, ein Mitglied der Terrorzelle NSU gewesen zu sein. Er habe nicht nur die rechtsextremistische Einstellung des Trios gekannt, sagte Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten am Donnerstag, sondern er habe auch gewusst, was die drei Rechtsterroristen vorhatten. Weingartens Vorwurf kommt überraschend, weil seine Behörde E. lediglich wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt hatte und nicht wegen Mitgliedschaft darin.

Nach vierwöchiger Sommerpause hatte der 380. Verhandlungstag im NSU-Prozess gestern mit Verzögerung begonnen. Auf der Zuhörertribüne über dem Gerichtssaal protestierten Aktivisten der Initiative „Wir klagen an“ lautstark gegen die vermeintlich unzureichende Ermittlungsarbeit der Bundesanwaltschaft und einen aus ihrer Sicht existierenden institutionellen Rassismus der Behörden. Sie warfen auch Papierschnipsel mit Namen von Personen in den Saal, denen sie vorwerfen, die Aufklärung des NSU-Komplexes zu behindern: Neonazis, Politiker, Ermittler, Verfassungsschützer, Richter und Journalisten.

Nachdem Ordnungskräfte die Demonstranten aus dem Saal gebracht hatten, konnte Oberstaatsanwalt Weingarten das vor der Sommerpause unterbrochene Plädoyer der Anklage fortsetzen. Zunächst ging es um André E., der in Zwickau bis zuletzt zum engsten Freundeskreis des Trios gehörte.

Nach der Selbstenttarnung des NSU am 4. November 2011 verhalf er Beate Zschäpe zur Flucht, nachdem diese Feuer in ihrer Wohnung in der Frühlingsstraße gelegt hatte. Im Ermittlungsverfahren und während des gesamten Prozesses hatte E. geschwiegen. Dennoch hält es die Bundesanwaltschaft offenbar für bewiesen, dass André E. in die Verbrechen des NSU-Kerntrios einbezogen war. Weingarten sagte, der 38-jährige Neonazi habe weit mehr über die Aktivitäten des NSU Bescheid gewusst als die Mitangeklagten Ralf Wohlleben, Holger G. und Carsten S. So nah wie er sei keiner an der Terrorzelle gewesen.

„Wahrhaft einer von ihnen“

Es könne „auch schon deutlich gefragt werden, ob nicht die vierte Paulchen-Panther-Figur im Video für Sie steht“, wandte sich Weingarten direkt an den Angeklagten. Im Vorspann des sogenannten Bekennervideos des NSU tauchen in allen vier Ecken des Bildes die Abbilder der Zeichentrickfigur auf, was schon frühzeitig zu Vermutungen darüber führte, ob es sich bei dem NSU-Trio nicht doch um ein Quartett handeln könnte. Die Bundesanwaltschaft hatte dies stets als unhaltbare Spekulationen abgetan – jetzt befeuerte ausgerechnet einer der Ankläger diese These aufs Neue.

Weingarten betonte in seinem Plädoyer auch E.s ideologische Verlässlichkeit, auf die seine drei Freunde aus der Frühlingsstraße bauen konnten. „Er war wahrhaft einer von ihnen, und er war wahrhaft kein unsicherer Kantonist“, sagte der Oberstaatsanwalt. Seine Tätowierung am Oberkörper mit der Aufschrift „Die Jew Die“ („Stirb, Jude, stirb“) mache zudem deutlich, dass E. bereit sei, sich an der Realisierung des Völkermordes auch aktiv zu beteiligen.

Er sei ein „zuarbeitender Hilfswilliger“ der Terrorzelle gewesen und habe vollständige Kenntnis ihrer Taten gehabt. Dafür sprechen nicht zuletzt die von Ermittlern festgestellten Datenlöschungen auf seinem Computer nach dem Auffliegen des NSU, so Weingarten in seinem Plädoyer.

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