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NSU Wie wählte der NSU seine Opfer aus?

Der hessische Landtag sieht mögliche Unterstützung durch rechte Szene – und wundert sich über Ermittler.

NSU
In Kassel ermordete der NSU Halit Yozgat. Half eine Thüringerin bei der Opferauswahl? Foto: Imago

Der hessische Landtag hegt den Verdacht, dass eine Frau aus der rechten Szene an der Auswahl der NSU-Opfer beteiligt gewesen sein könnte. Die aus Thüringen stammende Corryna Görtz hatte im hessischen NSU-Untersuchungsausschusses überraschend ausgesagt, dass sie in den Monaten vor dem Mord an Halit Yozgat im April 2006 bis zu dreimal in dessen Kasseler Internetcafé gewesen sei. Zu dieser Zeit verbüßte sie eine Haftstrafe im offenen Vollzug im nordhessischen Baunatal. 

„Die Frage der Opferauswahl ist bis heute ungeklärt, obwohl sie für die Angehörigen der NSU-Opfer fundamental ist“, heißt es in dem einstimmig gefassten Beschluss des Landtags vom Mittwoch. Die Aussage liefere „Anhaltspunkte“, „dass der NSU bei der Vorbereitung des Mordes an Halit Yozgat von Mitgliedern der damaligen rechtsradikalen Szene in Nordhessen und Thüringen unterstützt worden sein könnte“.

Die tödlichen Schüsse auf Yozgat waren der neunte Mord der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU). Görtz gab im Ausschuss an, sie sei schon lange aus der rechten Szene ausgestiegen. Ihr Name hatte 1997 auf einer Liste „Rechtsextremistische Gewalttäter im Freistaat Thüringen“ gestanden – als einziger einer Frau neben Beate Zschäpe.

Der SPD-Abgeordnete Günter Rudolph zeigte sich verwundert darüber, dass sich die Ermittlungsbehörden bei der NSU-Aufarbeitung so wenig mit Görtz beschäftigt hätten, die in der militanten rechten Szene vernetzt war. „Warum hat man die Zeugin Görtz nicht früher andernorts vernommen?“, fragte er. 

Auch müsse geklärt werden, ob Schriftproben abgeglichen worden seien. Im Schutt der in Brand gesetzten Wohnung der NSU-Terroristen in Zwickau war 2011 eine Skizze von Yozgats Internetcafé mit der Aufschrift „Hollä. Str. 82“ gefunden worden. Bis heute ist ungeklärt, wer sie angefertigt hat. „Es könnte ja sein, dass die Zeugin diese Skizze gefertigt hat“, gab der FDP-Politiker Jörg-Uwe Hahn zu bedenken. 

Akte über verdächtige Zeugin wurde vernichtet

Der hessische Verfassungsschutz hatte Görtz zeitweilig auf dem Schirm. Nach Angaben von SPD und Linken hat das Land mitgeteilt, dass es heute keine Akte mehr über sie gebe. Diese sei 2009 vernichtet worden. „Da wollen wir noch Aufklärung haben“, forderte SPD-Mann Rudolph. Der Linke Hermann Schaus sprach vom „hessischen Aktenvernichtungsskandal“. 

Schaus legte nahe, dass Görtz möglicherweise vom Geheimdienst gedeckt worden sein könnte. Sie hatte sich bei ihrer Vernehmung im Untersuchungsausschuss auf ein Auskunftsverweigerungsrecht berufen, als sie nach Kontakten zum Verfassungsschutz oder anderen Behörden gefragt wurde. „Diese Sache stinkt zum Himmel“, urteilte Schaus. Der CDU-Abgeordnete Holger Bellino verurteilte „durchsichtige Verschwörungstheorien oder gar Vorverurteilungen“. 

Bellino hatte mit seiner Frage im Ausschuss die Neuigkeit über Görtz’ Aufenthalt am späteren Tatort herausgefunden. In seiner Pressemitteilung, die er offenbar schon vorab formuliert hatte, stellte er dennoch fest, dass ihre Vernehmung „weder notwendig noch zielführend“ gewesen sei. Am Mittwoch sprach Bellino nun von einer „durchaus überraschenden Zeugenaussage“ und versicherte, es werde im Untersuchungsausschuss „jedem Ansatz, Vorwurf oder Vermutung nachgegangen“. Sozialdemokrat Rudolph antwortete, man nehme das „als einen Neubeginn der Arbeit des Untersuchungsausschusses“ und werde die Union an ihren Worten messen.

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