Lade Inhalte...

NSU Was weiß Beate Zschäpe wirklich?

Am Mittwoch will die Hauptangeklagte im NSU-Prozess Beate Zschäpe erstmals vor dem Oberlandesgericht München aussagen. Noch sind viele Fragen offen. Dass sie die Wahrheit sagt, ist nicht zu erwarten.

Die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe hat bisher konsequent geschwiegen. Das soll sich nun ändern. Foto: afp

Seit bald 250 Tagen wird in München nun verhandelt. Und Beate Zschäpe schwieg bisher. Jetzt hat sie angekündigt, erstmalig auszusagen – bzw. ihren vierten Pflichtverteidiger Mathias Grasel sprechen zu lassen. Offene Fragen gibt es reichlich.

Wie sah Zschäpes persönliche Tatbeteiligung aus?
Bisher gehen die Prozessbeteiligten davon aus, dass die 40-Jährige nicht physisch teil hatte, als ihre Mistreiter Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos zehn Morde, zwei Sprengstoffanschläge und 15 Banküberfälle verübten. Die Anklage fußt aber auf der Annahme, dass sie in Planung und Logistik umfassend involviert war. Schließlich waren die drei jahrelang gemeinsam in der rechtsextremistischen Szene aktiv und tauchten Ende der 90er Jahre gemeinsam unter. Zschäpe könnte nun sagen, was sie wirklich tat – und was ihre Komplizen.

Gab es ein Netzwerk?
Die Angehörigen der Opfer fragen sich immer noch: Warum musste gerade mein Mann, Bruder oder Sohn sterben? Wer hat die Opfer ausgesucht und nach welchem Muster? Damit verbindet sich die Frage: Bestand der NSU nicht allein aus drei Personen und einigen Unterstützern wie den ebenfalls angeklagten Ralf Wohlleben und André Eminger, sondern gab es womöglich ein über ganz Deutschland verstreutes Netzwerk? Indizien deuten auf Verbindungen zu der weltweiten agierenden rechtsextremistischen Organisation Blood and Honour und ihren bewaffneten Arm Combat 18 hin.

Welche Rolle spielten die Geheimdienste?
Im Umfeld des NSU waren zahlreiche V-Leute eingesetzt. Für Verblüffung und Unverständnis sorgte die Tatsache, dass diese Spitzel angeblich keine Hinweise gaben, wo sich das Trio aufhielt. Besonders glaubhaft ist das nicht – zumal die Nebenklägeranwälte mittlerweile von etwa 40 solchen Spitzeln ausgehen. Sollte sich herausstellen, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz oder einzelne Landesämter doch gewusst haben, wo Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos waren und was sie taten, bekäme der NSU-Skandal eine neue Dimension.

Warum musste Michèle Kiesewetter sterben?
Am 25. April 2007 wurde im baden-württembergischen Heilbronn die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen. Das Motiv für die Morde an den neun türkisch- bzw. griechisch-stämmigen Kleinunternehmern war klar: Rassismus. Doch warum musste die 22-Jährige sterben? Die Ermittler glauben, dass es sich um ein Zufallsopfer handelte und die Täter Kiesewetters Waffe erbeuten wollten. Zu denken gibt jedoch unter anderem, dass Kiesewetter aus Thüringen kommt – so wie Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos; dass mehrere Polizisten in Baden-Württemberg Kontakte zum rechtsextremistischen Klu-Klux-Klan unterhielten; und dass neben zwei Männern, mutmaßlich Böhnhardt und Mundlos, drei Fluchthelfer in der Nähe des Tatorts gesehen wurden. Bis heute mysteriös bleibt auch der Mord an Halit Yozgat am 6. April 2006. Als der Inhaber eines Internetcafés in Kassel umgebracht wurde, hielt sich Andreas T., Mitarbeiter des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz, am Tatort auf, will von der Tat selbst aber nichts mitbekommen haben. Ist das tatsächlich wahr?

Wie kamen Böhnhardt und Mundlos um?
Nachdem sie am 4. November 2011 im thüringischen Eisenach eine Bank überfallen hatten und kurz darauf entdeckt wurden, töteten sich Böhnhardt und Mundlos in ihrem Wohnwagen selbst. Das ist zumindest die bis heute geltende Hypothese. Doch wenn das stimmt: Warum taten sie es? Und gab es dafür einen Plan?

Dass Beate Zschäpe am Mittwoch die Wahrheit sagt, und zwar nichts als die Wahrheit, ist kaum zu erwarten. Es wird damit gerechnet, dass sie eine eingeschränkte und teilweise falsche Darstellung gibt, die ihre Rolle in einem milderen Licht erscheinen lässt. Doch den einen oder anderen Hinweis, der den NSU-Komplex erhellt, dürfte Zschäpe sicher geben. So oder so wird die Aussage mit Spannung erwartet.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen