Lade Inhalte...

NSU-Terror „Wer waren die Helfer des NSU-Trios?“

Der Berliner Anwalt Sebastian Scharmer spricht im Interview über offene Fragen rund um den NSU-Terror und sein Unbehagen über das Vorgehen der Bundesanwaltschaft.

04.11.2014 16:39
Andreas Förster
Polizisten am Tatort nach dem Bombenanschlag in der Keupstraße in Köln-Mülheim 2004 vor einem türkischen Lebensmittelgeschäft. Foto: KEYSTONE

Das Münchner Gericht hat den NSU-Prozess vorerst bis Sommer kommenden Jahres terminiert. Rechnen Sie damit, dass dann ein Urteil fallen wird?
Das lässt sich nicht voraussagen. Wir haben einige Komplexe, in denen die Beweisaufnahme noch sehr umfangreich werden dürfte. Da ist zum Beispiel die Frage, inwieweit es sich beim NSU um eine terroristische Vereinigung handelte und vor allem, wie groß diese Gruppe war oder noch ist. Da muss genau aufgeklärt werden, in welchem Milieu sich das Kern-Trio bewegte und was ihre Unterstützer über sie, ihre Ideologie, ihre Aktionen und deren Reichweite wussten.

Also gibt es vielleicht noch weitere, bislang nicht bekannte Täter?
Was die neun Ceska-Morde an den Migranten und den Nagelbombenanschlag von Köln betrifft, ist eine direkte Tatbeteiligung von Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt nach der bisherigen Beweisaufnahme sehr wahrscheinlich. Das heißt aber nicht, dass es nur diese zwei beziehungsweise – zählt man Beate Zschäpe hinzu – drei Täter gab. Wir haben konkrete Hinweise darauf, dass mehr Personen an den NSU-Anschlägen beteiligt gewesen sein könnten. Zum Beispiel sind in der Nähe des Tatorts in Heilbronn…

…wo im April 2007 die Polizistin Michèle Kiesewetter erschossen wurde…
…mehr Personen gesehen worden, die in einem konkreten Zusammenhang mit der Tat stehen können. Und auch bei dem Bombenanschlag in der Kölner Probsteigasse haben die Zeugen Personenbeschreibungen abgegeben, die nicht auf Mundlos oder Böhnhardt passen, sondern eher auf eine andere konkrete Person aus der rechten Szene.

Rechnen Sie mit weiteren Anklagen gegen NSU-Helfer?
Nein, die erwarte ich nicht, auch wenn das sehr ernüchternd klingt. Die Bundesanwaltschaft wird den Prozess in München als eine Art „Musterprozess“ durchziehen. Sie will damit das Thema NSU beenden.

Aber Karlsruhe lässt in Sachen NSU doch weiter ermitteln. Es läuft ein sogenanntes Strukturermittlungsverfahren gegen Unbekannt. Fließen die Erkenntnisse daraus in den laufenden Prozess ein?
Darüber entscheidet die Bundesanwaltschaft nach eigenem Gutdünken. Alle anderen Prozessbeteiligten – Gericht, Verteidigung, Nebenkläger – haben kein Recht auf Einsicht in diese Ermittlungsakten. Das verstärkt natürlich meinen Verdacht, dass die Bundesanwaltschaft all das, was sie nicht im Münchner Prozess behandeln will, in dieses „Unbekannt“-Verfahren packt. Dabei müssen wir doch wissen: Wer waren die Helfer des Trios, was wusste man in der Szene über die Drei aus Zwickau, über ihre finanzielle Unterstützung, ihre die Rollenverteilung, ihren Aktionsradius…

…und was wussten V-Leute darüber.
Das ist eine ganz wichtige Frage. Denn diese V-Leute sind wichtige Zeugen zum Anklagevorwurf. Außerdem wird das Gericht bei einem Urteil auch die Rolle der V-Leute und Verfassungsschutzämter berücksichtigen müssen. Schließlich waren im Umfeld des NSU über die Jahre hinweg nach vorläufigen Auswertungen 42 V-Leuten und Gewährspersonen aktiv, von denen viele noch nicht sicher identifiziert sind.

Interview: Andreas Förster

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen