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NSU-Terror Von der Schwierigkeit, sich zu erinnern

In zehn deutschen Städten sollen symbolische Straßenumbenennungen dafür sorgen, dass drei Jahre nach dem Auffliegen des NSU nicht nur von den Tätern geredet wird, sondern auch von den Opfern.

Nicht für jeden genug: der Halitplatz in Kassel, kurzzeitig benannt nach dem Opfer der NSU. Foto: REUTERS

Halitstraße, Ecke Keupstraße. Die Adresse gibt es nicht in Kassel, doch am Dienstagabend wurde sie zum Gedenken an die Opfer des NSU wenigstens für kurze Zeit geschaffen. Unweit des Hauses in der Holländischen Straße, wo am 6. April 2006 der Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat als mutmaßlich neuntes Opfer der rechtsextremen Terrorzelle ermordet wurde, errichteten antirassistische Aktivisten ein neues Straßenschild – und benannten die Holländische Straße sowie eine Querstraße damit symbolisch um.

Ähnliches geschah zeitgleich in zehn Städten bundesweit. Gemeinsam wolle man dafür sorgen, dass drei Jahre nach dem Auffliegen des NSU nicht wieder nur über die Täter geredet werde, erklärte Kirsten Neumann von der Kasseler „Initiative 6. April“. „Wir wollen die Toten und ihre Angehörigen ins Zentrum rücken.“ Und deutlich machen, dass die Solidarität nicht an den Grenzen der jeweiligen Stadt ende.

„Der Kampf gegen rassistische Ausgrenzung ist ein täglicher Kampf, der mit der Selbstauflösung des NSU kein Ende gefunden hat“, hieß es in einem Redebeitrag in Kassel. Dort waren rund 40 Menschen zu der Gedenkaktion gekommen. „Medialen Beileidsbekundungen zum Trotz läuft auch hier die Ausgrenzung auf anderer Ebene nahtlos weiter – und das Schicksal der Betroffenen wird absurderweise zur neuen Quelle dieser Ausgrenzung.“

Gemeint sind die aufgeregten Debatten, die Ismail Yozgat, der Vater des Kasseler NSU-Opfers, mit seinem bis heute immer wieder erneuerten Wunsch nach einer offiziellen Umbenennung der Holländischen Straße in „Halitstraße“ ausgelöst hat. Sobald das Thema in der lokalen Presse auftaucht, füllen sich Online-Foren und Kommentarspalten postwendend mit Äußerungen, die mit ressentimentgeladen noch sehr freundlich beschrieben sind.

Mit der symbolischen Aktion will die „Initiative 6. April“ der Forderung nach einer Umbenennung Nachdruck verleihen. „Das soll nicht allein an den Angehörigen hängen bleiben“, sagte Neumann. Die Chancen aber sind, vorsichtig gesagt, gering. Die Stadt hat sich bereits vor zwei Jahren aus der Affäre gezogen, indem sie den Vorplatz zum Hauptfriedhof – ohne Anwohner, die sich hätten beschweren können, doch immerhin in Sichtweise zum Tatort – zum „Halitplatz“ machte. Der aufgestellte Gedenkstein wurde seitdem schon zweimal mit Farbe geschändet, immer kurz vorm Jahrestag des Mordes an Halit Yozgat.

Das Gedenken an die Opfer des braunen Terrors fällt andernorts nicht leichter. Einzig in Hamburg reichte der Wille dazu, eine Straße zur Erinnerung umzubenennen: Seit dem Sommer gibt es im Stadtteil Bahrenfeld eine kurze Tasköprü-Straße, benannt nach dem Obsthändler, der am 27. Juni 2001 von der neonazistischen Mörderbande erschossen wurde.

Mahnmale haben zwar mittlerweile alle sieben Städte aufgestellt, in denen der NSU gemordet hat. Doch der Diskretionsabstand zu den eigentlichen Tatorten ist mitunter groß. Und es passieren peinliche Pannen: Kurz nachdem Nürnberg und Dortmund im vergangenen Jahr stolz ihre Gedenksteine präsentiert hatten, stellte sich heraus, dass zwei der eingravierten Todesdaten falsch waren.

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