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NSU-Terror Viele Spuren, keine Verdächtigen

In kaum einem Verbrechensfall der Vergangenheit zeichnet die Spurenlage so ein widersprüchliches Bild wie beim NSU. 43 DNA-Proben können bisher niemandem zugeordnet werden.

14.10.2016 17:20
Andreas Förster
Ausgebranntes NSU- Wohnmobil
Ermittler finden in einem qualmenden Wohnwagen in Eisenach zwei Leichen. Es handelt sich um Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Foto: dpa

Vor 15 Jahren erreicht die Verbrechensserie der Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) ihren ersten Höhepunkt: Im Juni 2001 töten die NSU-Killer Abdurrahim Özüdogru in Nürnberg und Suleyman Tasköprü in Hamburg, zwei Monate später erschießen sie Habil Kilic in München. Alle drei Taten werden mit einer Pistole vom Typ Ceska begangen. Dazwischen liegt der Überfall auf ein Postamt in Zwickau, der ebenfalls dem NSU zugeordnet wird.

Alle diese Taten, da sind sich die Ermittler sicher, haben Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt begangen, auch wenn von ihnen keine biologischen oder daktyloskopischen Spuren an den Tatorten und Tatwaffen gesichert wurden. Jetzt aber hat man eine DNA-Spur von Böhnhardt am Fundort der Leiche von Peggy K. gefunden – schon scheint für viele festzustehen: Böhnhardt, der neun Ausländer und eine Polizistin erschossen haben soll, ist auch ein Kindsmörder.

In keinem vergleichbaren Verbrechensfall der Vergangenheit zeichnet die kriminaltechnische Spurenlage solch ein widersprüchliches Bild wie beim NSU. Da gibt es zum einen an keinem der Tatorte und Mordwaffen Fingerabdrücke oder DNA-Material der mutmaßlichen Täter Mundlos und Böhnhardt. Andererseits konnten die Techniker allein an den Asservaten, die im Brandschutt der Zwickauer Frühlingsstraße und im ausgebrannten Wohnmobil von Eisenach-Stregda geborgen wurden, 43 offene DNA-Spuren isolieren – darunter an Waffenteilen, Schriftstücken und Datenträgern. Offen heißt in dem Fall, dass sie bis heute keiner Person zugeordnet werden können.

Ermittler legten sich früh fest

Eine in den Ermittlungsakten als P46 bezeichnete DNA-Spur eines unbekannten Mannes etwa fand sich neben der DNA von Beate Zschäpe an einer unbenutzten Wollsocke im Schrank des Wohnmobils. In der BKA-Datenbank erzielte ein Abgleich von P46 drei Treffer: Die Spur konnte zwischen 2002 und 2005 an Diebstahlstatorten in Berlin, Hessen und Nordrhein-Westfalen gesichert werden. Oder die unbekannte DNA-Spur P12 – sie fand sich an einer Plastikflasche im Kühlschrank des Wohnmobils. Außerdem konnte P12 an weiteren sieben Asservaten aus der Wohnung in der Frühlingsstraße gesichert werden, unter anderem an einer Patrone und einem Rucksack, der vermutlich für einen Bankraub in Chemnitz benutzt wurde. In der Analysedatei des BKA taucht der genetische Code der unbekannten Person P12 zudem bei einem Pistolenanschlag auf einen Rocker im Juli 2012 in Berlin auf – mehr als ein halbes Jahr nach dem Auffliegen des Trios.

Bei den NSU-Ermittlern sind diese DNA-Spuren nicht weiter verfolgt worden. „Wir müssen mit diesen offenen Spuren leben“, sagte Oberstaatsanwältin Annette Greger von der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe kürzlich vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages. Und sie fügte hinzu, dass solche offenen Spuren nicht zwangsläufig auf Mittäter und Unterstützer hinweisen müssten. Eine DNA an einem Tatort sei noch kein Hinweis darauf, dass sie vom Täter stamme, sofern es keinen sachlichen Zusammenhang zwischen der Person und der Tat gebe, sagte Greger.

Nach solchen sachlichen Zusammenhängen jedoch – und das ist die Kritik vieler Nebenklägeranwälte im NSU-Verfahren – sei von den Ermittlern zu wenig gesucht worden. Was vor allem daran liegt, dass man sich schon früh auf den Ermittlungsansatz eines isoliert und abgeschottet agierenden Terrortrios beschränkt hatte. Das aber verhinderte die Identifizierung offener DNA-Spuren, die möglicherweise zu weiteren Helfern und Mittätern führen könnten. Denn tatsächlich haben die Ermittler nur von einer geringen Zahl der im NSU-Fall bearbeiteten Unterstützer und Umfeldpersonen des Trios überhaupt DNA-Proben genommen. Nicht einmal alle der insgesamt neun namentlich Beschuldigten des Verfahrens mussten eine Speichelprobe abgeben.

Nach der Identifizierung von Böhnhardts DNA am Fundort von Peggys Leiche wird es deshalb nun schwierig, weitere offene Spuren von dort etwa mit Personen aus der Thüringer und sächsischen Neonaziszene abzugleichen. Die Versäumnisse in den NSU-Ermittlungen könnten so auch die Chance vereitelt haben, den Mord an dem Mädchen aufzuklären.

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