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NSU Temme führte mehr V-Leute als bekannt

Mitglieder des NSU-Ausschusses wollen wissen, was der Ex-Verfassungsschützer über den Mord in Kassel wusste. Er soll zu zwei weiteren Neonazis Kontakt gehabt haben.

Halit Yozgat
Ein Mahnmal am Halitplatz in Kassel. Unweit des nach ihm benannten Platzes wurde Halit Yozgat in einem Internetcafé in der Holländischen Straße erschossen. Foto: imago

Andreas Temme ist eine rätselhafte Figur: Ein hessischer Verfassungsschützer am Tatort eines NSU-Mordes, der sich nicht als Zeuge meldet, rein zufällig dort gewesen und nichts mitbekommen haben will. Immer wieder stand die Frage im Raum, ob Temme etwa über einen V-Mann in der lokalen Naziszene mehr über den Mord an dem damals 21-jährigen Halit Yozgat am 6. April 2006 wusste. Die Tat wird heute dem „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) zugeschrieben.

Bisher hatte es stets geheißen, Temme habe nur den Neonazi Benjamin Gärtner als V-Mann in der extremen Rechten geführt und dazu fünf Spitzel unter Islamisten. Temme hatte aber offenbar zu weiteren Rechtsextremen Kontakt: Nach FR-Informationen führte er zwei weitere Neonazis vertretungsweise, wenn sein Kasseler Chef vom Landesamt für Verfassungsschutz Hessen (LfV), Frank-Ulrich Fehling, krank oder in Urlaub war. Wie oft das vorkam und wie intensiv diese Kontakte waren, ist bisher nicht bekannt. Bereits am Donnerstag hatte Temmes frühere Vorgesetzten Iris Pilling, heute Abteilungsleiterin beim LfV Hessen, vor dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags anklingen lassen, dass Temme einen Kollegen als V-Mann-Führer vertreten haben könnte. Sie wurde dazu auch in geheimer Sitzung befragt.

Zu Temmes sechs regelmäßigen Informanten zählte neben Gärtner zudem noch eine weitere Person aus dem rechten Spektrum, der allerdings im Verfassungsschutz dem „Ausländerextremismus“ zugeordnet wurde, wie die FR erfuhr. Es soll sich um einen V-Mann aus der Szene der „Grauen Wölfe“ gehandelt haben, einer nationalistischen türkischen Bewegung.

Bereits während der Mordermittlungen im Jahr 2006, als die Tat noch nicht dem damals in der Öffentlichkeit unbekannten NSU zugeordnet wurde, gab es zwischen Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz Konflikte um den Umgang mit den Informanten des zeitweise tatverdächtigen Temme. Letztlich entschied der damalige Innenminister Volker Bouffier (CDU), dass dessen V-Männer nicht von der Staatsanwaltschaft vernommen werden durften. Es geht also auch um die Frage, ob Mordermittlungen behindert wurden, um Geheimdienstinformanten zu schützen.

Schon im ersten NSU-Ausschuss sei man durch das Vorenthalten von Akten „stark behindert“ worden, sagte Hans-Christian Ströbele (Grüne) der FR am Freitag, der damals dem Gremium angehörte: „Der hessische Verfassungsschutz hätte seine Akten über Temmes Tätigkeiten schon 2006 vollständig an die Staatsanwaltschaft und später an den Ausschuss übergeben müssen.“ Die Grünen-Obfrau Irene Mihalic sagte, nach der Vernehmung von Pilling am Donnerstag stelle sich die Frage, ob Temme noch weitere V-Leute im rechtsextremen Bereich geführt habe. Gegebenenfalls müsse er erneut vernommen werden. Denn „letztlich geht es darum zu klären, ob Temme ein tieferes Wissen zu den Planungen des Mordes an Halit Yozgat in Kassel hatte, als bisher bekannt geworden ist.“

Die Linken-Obfrau Petra Pau sagte, Pilling habe in öffentlicher Sitzung bereits bestätigt, dass Temme eine weitere rechte Quelle als Stellvertreter geführt habe. Die hessische Landesregierung müsse den Untersuchungsausschuss und die Prozessbeteiligten beim NSU-Verfahren in München darüber informieren, ob sie das den Strafverfolgungsbehörden „mitgeteilt oder verschwiegen hat“, forderte sie. Das gelte insbesondere, falls Temme sich nach dem Mord mit einem weiteren rechten V-Mann außer Gärtner getroffen habe. SPD-Obmann Uli Grötsch sagte hingegen, es ergebe sich „kein Skandal“, da sei er sich nach Pillings Aussage in geheimer Sitzung sicher.

Auch den hessischen NSU-Untersuchungsausschuss, der am Montag seine nächste Sitzung hat, wird die Frage noch beschäftigen. SPD-Obmann Günter Rudolph sagte der FR: „Wenn das so ist, dass Temme weitere rechte Quellen geführt hat, wurde uns das bisher verschwiegen.“ Das wäre „ein mittlerer Skandal“.

Linken-Obmann Hermann Schaus sagte, bisher wisse er nichts von weiteren Neonazi-V-Leuten Temmes. Es sei aber möglich, dass Informationen darüber in den umfangreichen Akten zu finden seien, die erst in den vergangenen Wochen von den Behörden geliefert worden seien.

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