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NSU Schönste Sumpfblüte in Thüringens Biotop

Der frühere thüringische Verfassungsschutzchef Helmut Roewer feiert sich in seinem neuen Buch – von Selbstkritik in Sachen NSU keine Spur.

04.10.2012 19:14
Von Andreas Förster
Der Autor und ehemalige Chef des Thüringer Verfassungsschutzes, Helmut Roewer, stellt in Berlin sein Buch "Nur für den Dienstgebrauch - Als Verfassungsschutz-Chef im Osten Deutschlands" vor. Foto: dpa

Helmut Roewer hat wieder sein griesgrämiges Gesicht aufgesetzt. Das hatte er vor Wochen auch im NSU-Untersuchungsausschuss des Erfurter Landtages zur Schau getragen, um auszudrücken, was er von den vor ihm Sitzenden hält – nämlich nichts. In Berlin sitzt der frühere Chef des Thüringer Landesamts für Verfassungsschutz (LfV) am Donnerstag vor der Presse, für die er ebenso tiefe Verachtung empfindet – was man in seinem neuen Buch „Nur für den Dienstgebrauch“ seitenlang nachlesen kann.

Aber nun will er ja sein neues Buch bewerben. Erschienen ist es im Grazer Aris Verlag, in dem vor vielen Jahren auch schon mal ein ausgewiesener Antisemit und ein früherer SA-Mann veröffentlicht haben. Nun also Roewer, der – glaubt man seinem Buch – bis zu seinem Rauswurf aus dem LfV im Juni 2000 die einzige Lichtgestalt in dem von ostdeutschen Altlasten und unfähigen Westimporten geprägten Thüringer Behörden- und Parteienapparat war.

„Bundesligaspieler in einer Kreisklassenmannschaft“

Als „Bundesligaspieler in einer Kreisklassenmannschaft“ beschreibt sich Roewer tatsächlich. Aber auch der vermeintliche „Bundesligist“ hat kläglich versagt beim Aufspüren der im Januar 1998 untergetauchten Jenaer Neonazis Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, deren Namen Roewer in seinem Buch auch noch falsch schreibt. Wer nun aber auf selbstkritische Reflexion und vielleicht neue Details zu dieser Schlappe hofft, wird von dem Buch enttäuscht. Erst nach knapp 200 Seiten geht es überhaupt um das Thema Rechtsextremismus. Zum Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) wiederholt Roewer lediglich seinen schon im Erfurter Ausschuss vorgetragenen Vorwurf, dass, hätte ihn die Freistaatsregierung nur gewähren lassen, es zu der Mordserie erst gar nicht gekommen wäre.

Den Beweis dafür bleibt Roewer allerdings schuldig. Wie auch vieles andere: Vergeblich sucht man in seinem Buch nach der Verfassungsschutz-Operation „Rennsteig“, die sich gegen die Neonazis vom „Thüringer Heimatschutz“ (THS) richtete; mit keiner Silbe wird Tino Brandt erwähnt, Roewers Top-Mann im THS, der mit seinen mehr als 200?000 D-Mark Spitzellohn die Nazi-Szene finanzierte; Schweigen auch über den ominösen V-Mann „Günther“, dessen Identität bis heute ungeklärt ist, dem Roewer aber persönlich mehrere 10?000 Mark übergeben haben will.

Mit Pickelhaube und Handpuppe

Stattdessen muss sich der Leser durch ein in weiten Teilen geschwätziges, mitunter larmoyantes Werk eines narzisstischen Besserwissers arbeiten. Darin legt Roewer viel Wert darauf, sich als extravaganter Freigeist anzupreisen. So schildert er etwa, wie er sich mit einer Handpuppe auf den Fingern – einem Pferd – in Erfurter Kneipen unterhielt.

Auch seine Auftritte als Walter Rathenau und General Max Hoffmann – mit Pickelhaube! – auf Weimarer Straßen verteidigt er als Ausdruck seines überdurchschnittlichen Kunst- und Geschichtsbewusstseins. Als seine Stärken nennt er „Ironie, das scharfe Wort, Furchtlosigkeit vor Gegenwind und die Überzeugung, dass der deutsche demokratische Weg durch Sumpfblüten führt“.

Die böse CDU

Glaubt man dem übrigens parteilosen Roewer, dann ist Thüringen ein ganz besonderes Sumpfblütenbiotop. An mehreren, wenn auch oberflächlich dargestellten Beispielen zeigt der Autor auf, wie der Freistaat vom „warmen Atem christlicher Doppelmoral“ verpestet wird. Vor allem die CDU, seit zwei Jahrzehnten an der Macht in Erfurt, habe aus seiner Sicht Demokratie und Rechtsstaat in Thüringen außer Kraft gesetzt: Personalpolitik nach Parteibuch, Geschäftemacherei jenseits der Gesetze, eine parteipolitisch instrumentalisierte Justiz. „Erlaubt ist alles, was den Unionsfreunden nützlich ist“, resümiert Roewer.

Sein Rauswurf aus dem Landesamt im Jahr 2000 war nach V-Mann-Skandalen, unzähligen Sicherheits- und Fahndungspannen und fragwürdigen Geldflüssen längst überfällig. Roewer selbst sieht das anders und glaubt an eine Verschwörung. Er sei ein „naiver Exot in einem Sumpf aus Parteiprotektionismus“ gewesen, schreibt er. Er habe eben nicht dazu gehört zu jener Thüringer CDU-Clique von „Scheinheiligen, die ich beim Heucheln ertappte und beim Geschäftemachen“.

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