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NSU-Prozess Nur kurz einen Döner essen

Im Münchener NSU-Prozess sagen die Opfer des heimtückisches Nagelbomben-Attentats in der Keupstraße in Köln-Mülheim aus. Lange haben sie auf diesen Termin warten müssen.

20.01.2015 18:08
Von Harald Biskup
Protest vor dem Münchner Oberlandesgericht: Hier wird der Prozess um die Morde und Terroranschläge des NSU fortgesetzt. Foto: dpa

Sein Körper ist von Narben übersät. Am Hinterkopf, an der Schulter am Rücken. „Eigentlich überall und reichlich“, sagt Sandro D. Anfangs sei er beim Blick in den Spiegel erschrocken gewesen, wie „entstellt und kaputt ich war“. Dann habe er jahrelang versucht alles zu vergessen und zu unterdrücken – bis die Enttarnung des NSU-Trios die Welt des einstigen Zerspanungstechnikers erneut aus den Angeln hob. Er spürte, dass er sich den traumatischen Erlebnissen jenes 9. Juni 2004 würde stellen müssen, als ein heimtückisches Nagelbomben-Attentat die Keupstraße in Köln-Mülheim heimsuchte. „Alles voller Qualm, alles kaputt, ich dachte auf mich wäre geschossen worden.“

Sein Anwalt Tobias Westkamp, der ihn nach München begleitet und als Zeugen-Beistand neben ihm Platz nimmt, beschreibt seinen Mandanten als „kölschen Italiener“. In unverkennbar rheinischem Tonfall schildert der 34-Jährige, was ihm an jenem Frühsommertag 2004 widerfuhr. Ihm ist bewusst, dass die Aufmerksamkeit ganz besonders auf ihn gerichtet ist, denn er ist der erste „Geschädigte“ aus der Keupstraße, der nach 174 Prozesstagen zu Wort kommt. D. zählt zu den besonders schwer Verletzten – und er ist ein Zufallsopfer.

Mit seinem türkischen Freund Melih K. war er in die Keupstraße gefahren, um sich im Schnellrestaurant ein „Döner-Brötchen“ zu holen. Mehrfach redet er von „Dönerbude“ – das Wort wird im offiziellen Sprachgebrauch der Prozesses tunlichst gemieden, weil es zu sehr an die „Döner-Morde“ erinnert – als solche war die Mordserie des NSU lange bezeichnet worden. Genau in dem Augenblick, als die auf den Gepäckträger eines Fahrrads deponierte Bombe explodierte, passierten die beiden gerade den Friseursalon, vor dem das Rad abgestellt war. Nur gelegentlich wären sie in der für ihre türkischen Läden und Lokale bekannten Straße gewesen. „Melih war sozusagen mein Keupstraße-Führer“.

Instinktiv habe er nach dem lauten Knall, den er sich nicht erklären konnte, die Straßenseite gewechselt und sich auf eine Stufe gesetzt. Plötzlich habe er einen schwarzen Punkt an seinem Bein gesehen, aber nicht reagieren können. „Es war wie ein Stummfilm, der an mir vorbeilief.“ Der Stoß durch die Explosion sei so stark gewesen, dass er durch die Luft flog und mit dem Kopf auf den Asphalt aufschlug.

Mehr als zehneinhalb Jahre danach kann Sandro D. flüssig und ohne Erregung seine Erlebnisse schildern. Er spricht von den erlittenen „Multi-Verletzungen“, als würde er aus einem ärztlichen Bulletin zitieren. „Die Nägel waren ja heiß, als sie bei mir einschlugen.“ Einer dieser teuflischen Zimmermannsnägel, die in D.’s Körper steckten, sei zwölf Zentimeter lang gewesen, wird später der Merheimer Unfallchirurg Dietmar Pennig als „sachverständiger Zeuge“ berichten, der D. seinerzeit behandelte. Insgesamt seien vier Nägel entfernt worden; Röntgenbilder zeigen, dass sowohl in Knochen als auch in Weichteil-Gewebe Nägel steckten. Von schwersten Verletzungen spricht der Chefarzt, von großen Risswunden an der Schulter, im Oberschenkel und im Trommelfell. Verbrennungen zweiten Grades im Gesicht und Brandwunden am linken Oberarm habe der damals 24-Jährige davongetragen.

Eine Ewigkeit bis zum Prozessbeginn

Lange, sehr lange haben die Verletzten des Anschlags auf diesen 20. Januar 2015 warten müssen. Vielen seien die anderthalb Jahre seit Prozessbeginn wie eine Ewigkeit vorgekommen, berichten Opfer-Anwälte. Und es gab eine Phase, in der der Strafsenat unter Vorsitz von Richter Manfred Götzl erwogen hatte, den Komplex Keupstraße ganz aus dem Verfahren herauszunehmen und gesondert zu verhandeln. Sandro D. hoffe, hatte Anwalt Westkamp vor diesem Tag gesagt, mit seiner Aussage auch dazu beitragen zu können, dass das Attentat am Ende, wenn es um die Strafzumessung für Beate Zschäpe geht, angemessen gewürdigt werde.

Die Hauptangeklagte, zum ersten Mal mit unmittelbar Betroffenen einer der ihr zur Last gelegten Taten konfrontiert, versucht ihr Gesicht hinter ihrem langen, sorgsam gekämmten Haar zu verbergen. Auch der vor ihr aufgebaute Laptop bietet Sichtschutz. Dann und wann tuschelt sie mit ihren Anwälten Wolfgang Heer und Anja Sturm.

Sandro D. fährt fort in seiner Aussage: So schlimm die körperlichen, vor allem aber die seelischen Verletzungen seien, mit denen er habe fertig werden müssen „und an denen ich immer noch zu nagen habe“: Als besonders schrecklich schildert er – nun spürt man seine Empörung –, „das man meinen Freund Melih und mich anfangs als Attentäter verdächtigt hat.“

Beate Zschäpe ist nicht anzumerken, was in ihr vorgeht, als Melih K. (31) berichtet, dass er „neun Nägel und andere Fremdkörper in mir stecken hatte“. Gerade habe er in seinen Döner beißen wollen, „da hat es mich umgehauen“. Sein damals langes Haar sei durch eine Stichflamme in Brand geraten. „Ich hatte Panik, aber irgendjemand hat mir Wasser über den Kopf geschüttet." Die Fotos, die später Klaus Rehm (damals sein Chirurg am Universitäts-Klinikum Köln) zeigen wird, lassen die Schwere der Verbrennungen erahnen. Als K. aus dem künstlichen Koma erwacht sei, habe er sich wie eine Mumie gefühlt, sagt er. Als er seine bandagierten Beine schließlich wahrnehmen konnte, hätten die Sehnen und Muskeln ausgesehen wie Ausstellungs-Objekte in Gunther von Hagens Leichenschau „Körperwelten“.

Melih K. bestätigt, dass man ihn und seinen Freund Sandro bei polizeilichen Vernehmungen im Krankenhaus von der Polizei als Tatbeteiligte verdächtigt habe. Sogar Fingerabdrücke und DNA-Spuren seinen genommen worden. Seinen Eltern hätte die Polizei nicht gesagt, dass er bei dem Anschlag schwere Verletzungen erlitten hatte und notoperiert werden musste. Erst durch den Anruf seiner in der Türkei lebenden Großmutter, die Berichte aus Köln-Mülheim im türkischen Fernsehen gesehen hatte, sei seine Familie auf sein Schicksal aufmerksam geworden. Nach seiner Entlassung habe er sich lange eingeigelt und konnte keine neue Ausbildung beginnen. 2011 dann ließ er sich zum Bürokaufmann umschulen und arbeitet nun in der Kölner Justizverwaltung.

Er berichtet von Albträumen und Schlafstörungen, als Richter Götzl nach Folgebelastungen fragt.Und Melih K. ergänzt im medizinischen Fachjargon, er leide unter „Hörminderung links, bleibend“. Ein Nebenklage-Vertreter möchte wissen, ob die Polizei ihn gefragt habe, wer hinter dem Anschlag stecken könnte. „Das waren vielleicht so Nazis“, zitiert Götzl aus dem damaligen Protokoll. Und jetzt als Zeuge sagt K., Ausländer-Hass sei die „einzige Möglichkeit gewesen, die ich mir denken konnte. Dazu braucht man keine Ermittler.“ Beifall und Bravo aus dem vollen Zuschauerraum, die der Vorsitzende scharf rügt. Die spontane Bemerkung hätte den Demonstranten der „Initiative Keupstraße ist überall“ gefallen, die den ganzen Tag über vor dem Gerichtsgebäude eine „lückenlose Aufdeckung“ des hinter den NSU-Verbrechen stehenden Neonazi-Nertzwerks“ fordern.

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