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NSU-Prozess Kölner Anschlag beherrscht Prozess

Eine neue Etappe im NSU-Prozess beginnt: Der Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße beherrscht mindestens einen Monat lang das Geschehen. Bevor die Opfer zu Wort kommen, beschreiben Spurensicherer und Kriminaltechniker die Arbeit am Tatort.

12.01.2015 17:50
Harald Biskup
Spurensicherung anno 2004 nach der Explosion in der Keupstraße. Foto: dpa

Der 173. Verhandlungstag im NSU-Prozess vor dem Oberlandesgericht München beginnt wie alle seine Vorgänger mit dem längst zum Ritual gewordenen Eintreffen der Hauptangeklagten Beate Zschäpe. Als sie den Saal betritt, stehen ihre Anwälte Anja Sturm und Wolfgang Heer schon auf Posten, um ihrer Mandantin mit verschränkten Armen Sichtschutz vor den zahlreichen Kameras zu bieten. Insofern scheint dieser Montag ein ganz normaler Tag zu sein im inzwischen sich seit anderthalb Jahren dahinziehenden Verfahren.

Und dennoch stellt er eine Zäsur dar, zumindest den Beginn einer neuen Etappe in diesem Mammut-Prozess. Bundesanwalt Herbert Diemer blättert in einem Aktenordner mit Kopien von Zeitungsartikeln, als der Vorsitzende Richter Manfred Götzl die erste Sitzung im neuen Jahr gewohnt geschäftsmäßig eröffnet. Er verliest die lange Liste der Opfer-Anwälte. Viele von ihnen vertreten Geschädigte aus der Keupstraße. Von diesem Montag an beherrscht der Nagelbombenanschlag im Juni 2004 mindestens einen Monat lang das Geschehen.

Eindrucksvolle Tatortbeschreibung

Heute ist noch nicht die große Stunde der Opfer des Kölner Anschlags, der wie zehn Morde und etliche Raubüberfälle dem NSU-Trio zugerechnet wird. Ihre Vernehmungen werden an drei Tagen in der nächsten Woche stattfinden. Seit Monaten warten die 22 überwiegend türkischstämmigen Zeugen der perfiden Tat, die das Attentat mit zum Teil schweren Verletzungen überlebt haben, auf die Gelegenheit, ihre traumatischen Erlebnisse dem Gericht schildern zu können. Gemessen an den persönlichen und vermutlich emotionalen Berichten der unmittelbar Betroffenen wirken die Ausführungen der drei Beamten vom nordrhein-westfälischen Landeskriminalamt, damals mit Ermittlungen am Tatort und der Spurensicherung befasst, notgedrungen technokratisch. Einblicke in taktische Überlegungen oder innerdienstliche Vorgänge dürfen sie nicht gewähren, das verbietet die „eingeschränkte Aussagegenehmigung“ ihres Chefs ausdrücklich.

Eindrucksvoll ist ihre Tatortbeschreibung, so sachlich-nüchtern sie auch ausfällt, gleichwohl. Und so einseitig die Ermittlungen sich sehr früh auf ein Delikt aus dem Bereich der Drogenkriminalität oder Schutzgelderpressung, um eine Fehde unter Anwohnern konzentrierten, so akribisch gingen ganz offenkundig die Spurensicherer und Kriminaltechniker zu Werke. Einmal am Nachmittag will ein Opferanwalt von einem Tatort-Vermessungs-Spezialisten wissen, ob er den Anschlag als terroristischen Akt eingeschätzt habe.

Dazu kann (und will) der Zeuge erwartbar nichts sagen. Die Anmerkung ist natürlich gemünzt auf die frühe Festlegung, dass es keinen ausländerfeindlichen Hintergrund für das Attentat gebe – und die verheerenden Ermittlungspannen. Im Grunde seien die Opfer doch zu Tätern gemacht worden, wie ein Justizwachtmeister es in einer Verhandlungspause etwas vergröbert auf den Punkt bringt.

Als Erster stellt ein Kriminalhauptkommissar, Typ jovialer Rheinländer, damals Sachgebietsleiter Brand/Sprengstoff, die Ermittlungsarbeit am Tatort dar. Der ganze Bereich sei in einem Radius von 250 Metern um das „Sprengstoffzentrum“ abgesucht und alle später als Asservate infrage kommenden Fundstücke gesammelt, eingetütet und aufgelistet worden.

„Wir verlassen die Tatorte besenrein.“ Zu den aufgesammelten Gegenständen zählen elektronische Bauteile, „wie wir sie aus dem Modellbau kennen“, Kunststoffsplitter, Litzen, Drähte, Wippschalter und Teile einer Gas-Kartusche, wie sie in Wohnmobilen zum Einsatz kommen. Die Schilderung der enormen Sprengkraft und der kriminellen Energie – „wir haben 702 Zimmermanns-Nägel gefunden, zum Teil stark deformiert“ – bleibt auf viele im voll besetzten Saal nicht ohne Wirkung.

In mühseliger Kleinarbeit, beschreibt ein anderer LKA-Kollege, sei es schließlich gelungen, das stark verformte und zum Teil verkohlte Fahrrad eindeutig identifizieren zu können: als Aktions-Angebot aus der Aldi-Süd-Werbung im April 2004 zu 249 Euro. Auf dem Gepäckträger hatten die Täter 5,5 Kilo Schwarzpulver in einem Hartschalenkoffer und den elektronischen Zünder-Empfänger, über den die Explosion ausgelöst wurde, verstaut.

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