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NSU-Prozess Gegrillt und gesoffen bei Rechtsrock

Der ehemalige V-Mann Benjamin Gärtner spielt vor dem NSU-Untersuchungsausschuss seine Rolle herunter. Zu zentralen Fragen der Abgeordneten hat er wenig zu sagen.

Selten konkret: Benjamin Gärtner vor dem NSU-Ausschuss. Foto: dpa

Diese Sitzung ist anders als die anderen. Schon früh am Morgen, bevor die Mitglieder des hessischen Untersuchungsausschusses zum „Nationalsozialistischen Untergrund“ (NSU) überhaupt im Landtag eintreffen, sind alle Presseplätze belegt. Im Foyer vor dem Sitzungsraum stehen grimmig dreinblickende Beamte in Zivil; ein Polizist führt seinen Spürhund durch den Saal, um ihn nach Sprengstoff abzusuchen.

Es ist ein besonderer Tag für den NSU-Ausschuss, der Licht in das Dunkel rund um den Mord an Halit Yozgat im April 2006 in Kassel bringen soll. Erstmals sagt eine frühere Neonazi-Quelle des hessischen Verfassungsschutzes als Zeuge aus: Benjamin Gärtner, der rechte V-Mann des Verfassungsschützers Andreas Temme. Temme war nach der Tat unter Mordverdacht geraten, weil er in zeitlicher Nähe zum Mord am Tatort gewesen war und sich nicht als Zeuge gemeldet hatte.

Zwei Mitarbeiter des Landtages müssen Gärtner – hochgewachsen, militärischer Bürstenhaarschnitt, unsicherer Gesichtsausdruck – einen Weg durch die Menge aus Fotografen und Kamerateams bahnen. Und kaum hat er Platz genommen, macht der 35-Jährige klar, dass er kein einfacher Zeuge sein wird: Er könne sich an viele Details seines Lebens ab 1997, als aktiver Neonazi, nicht mehr erinnern, sagt Gärtner. „Ich hab früher ziemlich viel getrunken, das darf man nicht vergessen.“

Und in der Tat: Zu zentralen Fragen der Abgeordneten hat Gärtner wenig zu sagen; er bringt Jahreszahlen durcheinander, widerspricht und verheddert sich. Von dem geheimnisvollen, elf Minuten langen Gespräch, das er kurz vor dem Mord an Yozgat mit Temme geführt hatte, weiß Gärtner nichts mehr. Die Länge des Telefonats sei ungewöhnlich, gibt er zu. Aber: „Ich kann mich an dieses Telefonat nicht erinnern.“ Er habe auch keine Erinnerungen daran, dass in der Kasseler Szene über den Mord oder den NSU gesprochen worden sei: „Vor der Tat nicht und auch nicht danach.“ Überhaupt wisse er erst seit 2011 vom ganzen NSU-Komplex, in dem er angeblich eine Rolle spiele. Das alles sei sehr verwirrend und „wie so ein schlechter Krimi“.

Eigentlich wollte er Zeitsoldat werden

Auch über seine Zeit als Neonazi berichtet Gärtner vage: Er habe mit seiner „Kameradschaft Kassel“ gegrillt und gesoffen, dazu habe man Rechtsrock gehört. Zu den Texten will Gärtner nur eins sagen: „Jede rechte Musik ist gewaltverherrlichend, das müssen Sie eigentlich selber wissen.“ Und ja, man sei nach Berlin gefahren, aber auch nach Jena oder Gotha, um an Nazi-Aufmärschen teilzunehmen. Er habe viele Kader gekannt, aber im Grunde seien er und seine Leute nur „kleine Fische“ gewesen, „Mitläufer“. Eine Zeitlang machen die Ausschussmitglieder sich noch die Mühe, Gärtner mit seinen Kontakten, mit seinen Prügeleien und einschlägigen Vorstrafen zu konfrontieren. Dann geben sie es auf.

Eine andere Begebenheit hat Gärtner dagegen noch sehr genau im Kopf: Kurz nach dem Mord an Yozgat, beim letzten Treffen mit Temme – den Gärtner weiter bei seinem Tarnnamen „der Alex“ nennt –, sei sein V-Mann-Führer „total nervös“ gewesen und habe sich ständig umgeschaut.

Auch andere Details erfährt der Ausschuss: Eigentlich habe er Zeitsoldat werden wollen, berichtet Gärtner. Aber man habe ihm bedeutet, das gehe nicht, „weil ich in der rechtsradikalen Szene drin war“. Ohne Jobaussicht sei er dann ganz froh gewesen, als zwei Leute in die Kaserne gekommen seien und ihn gefragt hätten, ob er V-Mann werden wolle. Nur für diesen Job, der ihm anfangs etwa 300 Euro pro Monat eingebracht habe, habe er sich wieder an die rechte Szene angenähert.

Über seine Tätigkeit als Spitzel herrscht dann im Ausschuss große Unklarheit: Die „Deutsche Partei“, über die er laut Berichten des Verfassungsschutzes vor allem berichtet haben soll, will Gärtner gar nicht kennen. „Das ist ja was ganz Neues für mich“, sagt er – erkennt später dann aber doch das Logo der rechten Kleinpartei. Stattdessen berichtet er, dass er bei den „Republikanern“ gewesen und dort sogar Schatzmeister geworden sei – Temme habe gewollt, dass er da hingehe. Er habe auch mal daran gedacht, aufzuhören. Aber man habe ihm bedeutet, dass er als V-Mann nun „Vater Staat“ verpflichtet sei.

Noch etwas schildert Gärtner: Kurz bevor er 2012, damals kein V-Mann mehr, beim BKA aussagen musste, hätten ihn Beamte auf der Arbeit besucht. „Da standen die auf einmal hinter mir.“ Die Leute hätten ihm einen Anwalt auf Kosten des Verfassungsschutzes angeboten. Und er habe angenommen, weil plötzlich von Terrorismus geredet worden sei. „Das war alles Neuland für mich.“ Überrascht war er dann davon, wie oft der Anwalt beim Verhör „dazwischengefunkt“ habe. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er mir so oft ins Wort fällt“, sagt er über dessen Agieren.

Selbstbewusster tritt der zweite Zeuge des Tages aus der rechten Szene auf. Michel Friedrich, bis ins Gesicht mit Tätowierungen bedeckt, hält von seinem früheren Freund Gärtner nicht viel: Der wäre „der dümmste V-Mann, den es gibt“, denn er sei stets betrunken gewesen. Auch Friedrich spielt seine eigene  Rolle herunter – trotz 168 Anzeigen gegen ihn, die er selbst gezählt haben will, und obwohl er angibt, ein Gründer der „Oidoxie-Streetfighting-Crew“ gewesen zu sein. Das ist jene Gruppe um die Neonazi-Band „Oidoxie“, in der Dortmunder und Kasseler Neonazis gemeinsam aktiv waren. Sie wird als mögliche Verbindung zwischen diesen NSU-Tatort-Städten gehandelt. Widerwillig nennt Friedrich einige Namen früherer Kameraden. Mit rechtem Terrorismus, dem jene Band in ihren Songs huldigte, will er aber nichts zu tun gehabt haben. Inzwischen sei er aus der rechten Szene ausgestiegen, persönliche Kontakte in sein damaliges Milieu räumt er aber auf Nachfrage ein. Frühere Aussagen, dass er das mutmaßliche NSU-Mitglied Uwe Mundlos in Kassel bei einem Konzert gesehen haben könnte, bestätigt der Zeuge. Sicher sei er sich aber bis heute nicht.   

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