Lade Inhalte...

NSU-Opfer bei Gauck Betroffenheit hilft nicht mehr

Bundespräsident Gauck hat die Angehörigen der NSU-Opfer eingeladen. Aber Aysen Tasköprü, Schwester eines Mordopfers, lehnt ab. Ihr Brief legt den Finger auf das Versagen der obersten deutschen Staatsdiener, für die Aufklärung der Morde zu sorgen.

18.02.2013 08:33
Bettina Vestring
Die Türkische Gemeinde in Hamburg erinnert an den 2001 von der NSU ermordeten Süleyman Tasköprü. Foto: dpa

Welches Gesicht ist echt? Wenn es um die Aufarbeitung der Terror-Morde des rechtsextremen NSU in Deutschland geht, zeigt sich der der deutsche Staat zutiefst gespalten. Die Spitzen des Staates - Bundestag, Bundeskanzlerin, Bundespräsident - versprechen Aufklärung und versichern Sympathie. Der Apparat - die Geheimdienste, die Polizei - mauern und vernichten Akten. So groß ist die Kluft, dass man wohl verstehen kann, warum Aysen Tasköprü, Schwester eines Mordopfers, die Einladung zu einer Begegnung mit Bundespräsident Joachim Gauck heute ausgeschlagen hat.

"Alles, was ich noch möchte, sind Antworten", hat Tasköprü dem Bundespräsidenten geschrieben. "Warum ausgerechnet mein Bruder? Was hatte der deutsche Staat damit zu tun? Wer hat die Akten vernichtet und warum?" Tasköprü sagt auch, dass sie Gaucks Einladung ausschlage, weil ihr Anwalt zu dem Treffen nicht zugelassen worden sei. Aber ihre Fragen dürften sich auch die Angehörigen der Mordopfer stellen, die heute ins Palais Bellevue kommen.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Trauerfeier für die NSU-Opfer versprach, die Morde würden vollständig aufgeklärt. Mehrere Male hat die Kanzlerin dieses Versprechen seither wiederholt. Eingelöst ist es nicht. Neun Morde begingen die NSU-Terroristen zwischen 2002 und 2006 an türkischen und griechischen Kleinunternehmer, 2007 folgte der Mord an einer Polizistin. Und bis heute ist nicht geklärt, warum Rechtsextreme in Deutschland Menschen in Serie hinrichten kionnten, ohne dass das den deutschen Sicherheitsbehörden auffiel.

Keine Aufklärung im Bundestag

Auch die Tatsache, dass erst Bundespräsident Christian Wulff und nun Bundespräsident Joachim Gauck die Angehörigen empfingen, um ihnen ihre sicherlich zutiefst ernst gemeinte Sympathie auszudrücken, hat nichts daran geändert, dass keine der Fragen beantwortet wurden.

Den ernsthaftesten Versuch dazu hat bislang der Untersuchungsausschuss unternommen, den der Bundestag im Januar 2012 eingesetzt hatte. Mit großer Hartnäckigkeit und erstaunlicher, überparteilicher Geschlossenheit bemühen sich seine Mitglieder um Aufklärung. Doch ihr Ziel erreichten sie nicht. Stattdessen bewirkte die Arbeit des Ausschusses, dass deutlich wurde, wie dreiist die Sicherheitsdienste in Deutschland versuchen, die Aufklärung dieser schmutzigen Angelegenheit zu verhindern.

Verheerende Schlussfolgerung

Das Ergebnis ist ein tiefes Gefühl des Unbehagens, das selbst die Spitzen des Staates erfasst hat. Bundespräsident Gauck ließ das anklingen, als er Ende Januar bei einem Empfang für die Mitglieder des Untersuchungsausschusses deutlich machte, wie sehr ihm das NSU-Thema auf den Nägeln brennt. „Ich bin nicht nur als Bürger, sondern auch als Bundespräsident sehr interessiert an der Aufklärung dieser schrecklichen Mordserie“, sagte Gauck damals.

Den guten Willen nimmt íhm Aysen Tasköprü vermutlich ab. Doch offenbar reicht in Deutschalnd selbst der gute Wille von Präsidenten, Kanzlerin und Abgeordneten nicht aus, um die verstockte Bürokratie zur Ehrlichkeit zu zwingen. Das ist die verheerende Schlussfolgerung aus den vergangenen 15 Monaten. "Was wollen Sie an unserem Leid ändern?", fragt die 38-Jährige Gauck in ihrem Absage-Brief. "Glauben Sie, es hilft mir, wenn Sie betroffen sind?"

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen