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NSU-Mord Forscher verteidigen Einschätzung zu Temme

Die Forscher der Gruppe Forensic Architecture halten an der Einschätzung fest, dass der Verfassungsschützer Andreas Temme den NSU-Mord in Kassel mitbekommen haben muss.

NSU
Am 6. April 2006 wurde Halit Yozgat von rechtsextremen Terroristen des NSU erschossen. Anlässlich seines neunten Todestages gab es eine Gedenkveranstaltung in Kassel. Foto: Imago

Die Londoner Forscher der Gruppe Forensic Architecture halten an ihrer Einschätzung zum NSU-Mord an Halit Yozgat in Kassel 2006 fest. Sie waren durch einen Nachbau des Tatorts, einem Internetcafé, und eine Rekonstruktion der Ereignisse zu dem Schluss gekommen, dass der damalige hessische Verfassungsschutz-Beamte Andreas Temme zur Tatzeit am Tatort gewesen sei. Er müsse die tödlichen Schüsse gehört und den toten Yozgat gesehen haben. Temme behauptet, er habe nichts mitbekommen und sei nur zum Chatten in dem Geschäft gewesen. 

Die hessische CDU hatte die Methoden von Forensic Architecture kritisiert und ihre Schlüsse in Frage gestellt. Ihr Obmann im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss, Holger Bellino, legte dazu ein von seinen Mitarbeitern erstelltes, 40-seitiges Papier vor.

Die FR konfrontierte die Gruppe um den Architekten Eyal Weizman mit diesen Vorwürfen – er wies sie allesamt zurück. Keiner der angesprochenen Punkte widerlege „unseren Schluss, dass Temme Zeuge der Ermordung von Halit Yozgat gewesen ist“, sagte er.

Eyal Weizman fordert öffentliche Diskussion

Die Rekonstruktion von Forensic Architecture (hier geht es zum Video) ist einflussreich. Sie ist im Internet einsehbar und wird auf der Kunstausstellung Documenta in Kassel gezeigt – auch wenn die Forscher betonen, sie seien keine Künstler, sondern Wissenschaftler. 

Halit Yozgat war nach heutigen Erkenntnissen von rechtsextremen Terroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) in seinem Internetcafé getötet worden. Die Londoner Forscher und die CDU streiten darüber, welche Abläufe am Tatort nachvollzogen werden können. 

Am Freitag könnte es dazu erhellende Auskünfte im Wiesbadener Landtag geben. Dann sagt der Münchner Polizist Gerhard Frese im Untersuchungsausschuss aus. Der ehemalige Ermittler der Polizei-Einheit BAO Bosporus hatte 2008 die Zeitfolge der Ereignisse anhand von Telefon- und Computer-Protokollen vom Tatort aufgelistet.

Eyal Weizman forderte die hessische CDU dazu auf, die Autoren des Bellino-Papiers zu nennen und die Ergebnisse in einer öffentlichen Sitzung des Untersuchungsausschusses zu diskutieren.

„Wir können unsere Enttäuschung nicht verbergen, dass eine erfahrene Partei wie die CDU es einem ihrer herausgehobenen Mitglieder erlaubt, tendenziöse, unbegründete und bewusst in die Irre führende Erklärungen abzugeben“, sagte Weizman der Frankfurter Rundschau. 

Genaue Uhrzeit: Wichtig für die Frage, ob Temme zur Tatzeit noch im Internetcafé war, ist der Zeitraum zwischen dem Ende seines Internet-Chats um 17.01 Uhr und 40 Sekunden und dem Auffinden des erschossenen Yozgat. Das Opfer war von einem Iraker gefunden worden, der kurz vorher in einer Telefonzelle in dem Café telefoniert hatte. Die hessische Polizei war erst davon ausgegangen, dass dessen letztes Gespräch um 17.03 Uhr und 26 Sekunden geendet habe.

Neue Zeitangabe widerlegt Ergebnisse nicht 

Die Rekonstruktion durch die BAO Bosporus ergab jedoch, dass es 26 Sekunden länger gedauert hat. Dies hatte Forensic Architecture nicht berücksichtigt. Damit gingen die Londoner von falschen Voraussetzungen aus, kritisiert die CDU. „Grundlage eines jeden seriösen Gutachtens“ müssten aber „die kompletten Ermittlungsergebnisse“ sein.

Weizman bestätigt, dass seine Gruppe nur die öffentlich zugänglichen, geleakten Ermittlungsakten habe nutzen können. Doch die neue Zeitangabe widerlegten die Ergebnisse nicht. Der Iraker habe angegeben, Knallgeräusche schon vor seinem letzten Telefonat gehört zu haben. Nach Überzeugung der Forscher waren das die Schüsse. 

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