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NSU „Es ist alles Lüge, was Zschäpe sagte“

Mehmet Kubasik wurde vom NSU ermordet, seine Witwe spricht im Münchener Prozess. Sie erinnert an ihren Mann, kritisiert die Ermittlungen und stellt klar: Von Neonazis will sie sich nicht vertreiben lassen.

Gedenkstein für NSU-Opfer in Dortmund
Elif Kubasik, die Witwe des 2006 vom NSU ermordeten Mehmet Kubasik, trauert 2012 in Dortmund an einem Gedenkstein, wenige Meter vom damaligen Tatort entfernt. Foto: dpa

Trotz erneuter Versuche der Verteidigung, den Fortgang der Verhandlung zu unterbrechen, konnte die Nebenklage im Münchner NSU-Prozess am Dienstag ihre Schlussvorträge fortsetzen. Erstmals ergriffen im Rahmen der Plädoyers auch Hinterbliebene der NSU-Mordopfer das Wort.

Als Elif Kubasik, die Witwe des am 4. April 2006 in Dortmund vom NSU erschossenen Mehmet Kubasik, zu sprechen begann, wurde es still im Saal. Sie erzählte zunächst von ihrem Mann. „Jeder Mensch, ob klein oder groß, jung oder alt, mochte ihn“, sagte sie. „Ich glaube, die Stärke, die ich heute zeigen kann, kommt einfach von der Beziehung mit ihm.“ Ihr Herz sei mit Mehmet begraben worden.

Ekelhaft, einfach ekelhaft war ihre Aussage

An Zschäpe gewandt, sagte sie: „Zu diesem Prozess zu kommen, war niemals leicht für mich. Besonders schwer ist es für mich, den Anblick dieser Frau auszuhalten. Ekelhaft, einfach ekelhaft war ihre Aussage. Es ist alles Lüge, was sie sagte.“ Doch denen, die diese Taten begangen haben, wolle sie auch sagen, „dass wir dieses Land nicht verlassen werden. Wir sind ein Teil dieses Landes und wir werden hier weiter leben.“

Enttäuscht zeigte sich Elif Kubasik von den Ermittlungen der Behörden. „Ich will, dass die Angeklagten hier verurteilt werden, ich will, dass sie ihre verdiente Strafe bekommen“, sagte sie. „Aber für mich wäre weitere Aufklärung auch sehr wichtig gewesen. Hier im Prozess sind meine Fragen nicht beantwortet worden.“ So frage sie sich, warum ihr Mann ermordet wurde und ob es noch Helfer in Dortmund gebe, an denen sie vielleicht in der Stadt vorübergehe. Es habe sie enttäuscht, dass Kanzlerin Merkel ihr Aufklärungs-Versprechen nicht gehalten habe.

Zuvor hatte sich der Berliner Rechtsanwalt Mehmet Daimagüler im Namen seiner Mandanten direkt an Beate Zschäpe und an den mitangeklagten Carsten S. gewandt. Daimagüler vertritt die Angehörigen der vom NSU in Nürnberg erschossenen türkischen Einzelhändler Abdurrahim Özüdogru und Ismail Yasar.

Wir nehmen Ihre Entschuldigung nicht an

An Zschäpe gewandt sagte er im Namen der Familien der beiden Toten: „Wir nehmen Ihre Entschuldigung nicht an. Wir verzeihen Ihnen nicht. (…) Wir verzeihen Ihnen nicht die Lügen, die Sie uns hier aufgetischt haben. Wenn Sie aber irgendwann bereit sind, sich Ihrer Vergangenheit zu stellen, wenn Sie wirklich bereit sind, ohne jede Schminke in den Spiegel zu blicken, wenn Sie bereit sind, uns zu helfen, abzuschließen, dann schreiben Sie uns. Dann, aber auch nur dann (…) werden wir Ihnen vielleicht vergeben.“

Deutlich milder fielen die Sätzen an Carsten S. aus, der im Auftrag des Mitangeklagten Ralf Wohlleben dem NSU die Tatwaffe beschafft hatte. S., der sich im Jahr 2000 aus der Naziszene gelöst hatte, war von Beginn der Ermittlungen an geständig und hatte auch vor Gericht umfänglich ausgesagt und seine Schuld eingestanden.

An ihn gewandt verlas Daimagüler eine Erklärung der Tochter von Ismail Yasar: „Herr S., Sie haben dabei geholfen, dass mein Vater, Ismail Yasar, nicht mehr am Leben ist. Es fällt mir schwer, nicht zornig zu sein. Ich will aber nicht mehr zornig sein. Mein Anwalt hat mir berichtet, dass Sie als Einziger der Angeklagten Ihre Schuld eingeräumt haben. Er hat mir auch berichtet, dass Sie als Einziger unter den Angeklagten hingeschaut haben, wenn die Bilder der Toten an die Wand gespielt wurden, und dass Ihre Augen dabei vor Entsetzen ganz weit waren. Ich vergebe Ihnen. Ich nehme Ihre Entschuldigung an. Ich will aber auch, dass Sie Ihre Schuld abtragen. Sprechen Sie mit jungen Menschen. Gehen Sie zu Ihnen und erzählen Sie Ihre Geschichte. Warnen Sie sie vor dem Hass der Nazis und vor dem Unheil, das diese Menschen anrichten. Dann werden Sie vielleicht eines Tages so weit sein, dass Sie auch sich selbst verzeihen können.“

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