Lade Inhalte...

NSU Der Tag der willigen Helfer

Im NSU-Prozess verlagert sich der Blick auf die Mitangeklagten. Wohlleben muss mit vielen Jahren Gefängnis rechnen, Schultze darf auf das Jugendstrafrecht hoffen.

NSU
Ralf Wohlleben im Gerichtssaal. Foto: rtr

Montag, Tag vier des Plädoyers der Bundesanwaltschaft im Münchner NSU-Prozess, war der Tag der beiden Mitangeklagten Ralf Wohlleben und Carsten Schultze: Den beiden wird von der Anklage Beihilfe zum Mord vorgeworfen, weil sie dem NSU-Kerntrio die Ceska besorgten, die diese für ihre Mordanschläge auf Migranten nutzten.

Die Sitzung begann mit einer ernüchternden Mitteilung von Oberstaatsanwalt Jochen Weingarten: Das Plädoyer der Bundesanwaltschaft werde doch nicht wie erhofft noch an diesem Dienstag, dem letzten Verhandlungstag vor der Sommerpause, abgeschlossen. Das bedeutet auch, dass die mit Spannung erwarteten Strafforderungen der Bundesanwälte für die fünf Angeklagten erst Anfang September verkündet werden. Zieht man in Betracht, dass auch die Plädoyers von Nebenklägern und Verteidigung einige Monate in Anspruch nehmen dürften, wird eine Urteilsverkündung noch in diesem Jahr immer unwahrscheinlicher.

Nur Ralf Wohlleben neben Zschäpe in Untersuchungshaft

Ralf Wohlleben ist neben Beate Zschäpe der einzige Angeklagte im NSU-Verfahren, der seit November 2011 in Untersuchungshaft sitzt. Ankläger Weingarten machte am Montag auch klar, warum das so ist: Wohlleben habe demnach eine zentrale Funktion innerhalb eines kleinen Zirkels ausgeübt, der Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt unterstützte, sagte der Oberstaatsanwalt. Der Mitangeklagte Schultze hingegen, der im Auftrag Wohllebens eine Pistole, Marke Ceska, nach Chemnitz schaffte und an Mundlos und Böhnhardt übergab, sei einer von mehreren „hilfswilligen Unterstützer“ der drei Untergetauchten gewesen.

Mit dieser Unterscheidung bereitete der Ankläger bereits vor, womit alle Prozessbeteiligten und Beobachter gerechnet haben – dass die Bundesanwaltschaft einen deutlichen Unterschied machen wird in ihren Strafforderungen für Wohlleben und Schultze. Während sie für Wohlleben vermutlich eine Haftstrafe zwischen zehn und 15 Jahren fordern wird, könnte sie bei Schultze erheblich nachsichtiger sein. Denn obgleich beiden das gleiche Delikt – Beihilfe zum Mord – zur Last gelegt wird, unterscheiden sich doch sowohl ihr politischer Lebenswandel als auch ihre Mithilfe bei den NSU-Ermittlungen erheblich voneinander.

Zuflucht Jugendstrafrecht

Wohlleben, zeitweise NPD-Funktionär in Jena, war bis zu seiner Festnahme aktives Führungsmitglied der Thüringer Naziszene. Bis heute bestreitet der 42-Jährige aber, von der Existenz des NSU Kenntnis und nach dem Umzug des Trios nach Zwickau im Jahr 2000 noch Kontakt zu den drei Untergetauchten gehabt zu haben. Die Beschaffung einer Waffe für Mundlos und Böhnhardt hat er vor Gericht eingeräumt; er bestreitet jedoch, dass es sich bei dieser um die für NSU-Morde benutzte Ceska gehandelt habe.

Sein Mitangeklagter Schultze hingegen hat das bereits kurz nach seiner Festnahme am 1. Februar 2012 zugegeben und sein Geständnis, in dem er Wohlleben als Auftraggeber des Waffentransportes schwer belastet hat, auch vor Gericht unter Tränen wiederholt. Der 37-Jährige hat zudem bestätigt, dass die aus dem Brandschutt in der Zwickauer Frühlingsstraße geborgene Ceska die Waffe war, die er 1999/2000 in Chemnitz übergab. Schultze hatte sich nach der Jahrtausendwende aus der rechten Szene gelöst, zog nach Düsseldorf und arbeitet jetzt nach einem Studium der Sozialpädagogik bei der Aids-Hilfe. Er ist auf freiem Fuß; da er zum Tatzeitpunkt noch 20 war, könnte er nach Jugendstrafrecht verurteilt werden.

Die Ceska war seinerzeit aus der Schweiz nach Jena gelangt. Laut Oberstaatsanwalt Weingarten habe sich der Vorwurf, dass Wohlleben und Schultze die Lieferanten der NSU-Mordwaffe waren, „voll bestätigt“. Zwar sei die Rekonstruktion des Weges, den die Waffe aus Schweiz über Mittelsmänner bis zum NSU-Trio genommen habe, aufwendig gewesen, aber letztlich „restlos gelungen“. Eine klare Aussage in Richtung der Wohlleben-Verteidiger, die genau dies bezweifeln: Aus ihrer Sicht gebe es Lücken im Beschaffungsweg, weshalb ein eindeutiger Nachweis, dass es sich bei der von Schultze übergebenen Waffe tatsächlich um die Ceska handele, nicht möglich sei.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum