Lade Inhalte...

NSU-Ausschuss Zeugin betritt Saal in Handschellen

Corryna Görtz gibt im hessischen Landtag zu, das Internetcafé von Halit Yozgat besucht zu haben. Als es um Kontakte zu Österreichs Verfassungsschutz geht, verweigert sie die Aussage.

NSU-Untersuchungsausschuss Wiesbaden
Der hessische NSU-Ausschuss befasst sich mit dem Mord an dem Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat im April 2006 in Kassel. Foto: dpa

So einen Zeugenauftritt hat es im hessischen NSU-Untersuchungsausschuss noch nicht gegeben: Corryna Görtz, beheimatet in der rechten Szene, wurde am Freitag in Handschellen aus dem Gefängnis in den Sitzungssaal gebracht. Dort sagte die 48-jährige Frau aus Kassel dann aus – mit gefesselten Füßen.

Warum sie in Haft sitzt, war nicht Gegenstand ihrer Befragung. Görtz beteuerte allerdings auf Nachfrage von Abgeordneten, sie sei noch nie wegen rechtsextremistischer Straftaten oder wegen Gewalt belangt worden.

Die Frau aus Kassel gilt als Schlüsselfigur der rechtsextremen Szene. Doch bei ihrer Vernehmung beharrte sie darauf, sie sei nur zusammen mit ihrem früheren Lebensgefährten Dirk W. aktiv gewesen, nie allein. Und sie sei ohnehin längst ausgestiegen. Dirk W. war mal Landesvorsitzender der später verbotenen Nazi-Kleinstpartei FAP.

Görtz bestreitet Kontakt zum Thüringer Heimatschutz

Der Ausschuss befasst sich mit dem Mord an dem Internetcafé-Betreiber Halit Yozgat im April 2006 in Kassel. Er wird der Gruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ (NSU) angelastet. Görtz sagte, sie habe zu der Zeit bei ihren Eltern im thüringischen Frankenhausen gelebt.

Die Monate zuvor allerdings hatte sie in Nordhessen verbracht – und dabei auch Yozgats Internetcafé aufgesucht, wie sie auf die Frage des CDU-Abgeordneten Holger Bellino angab. Görtz hatte eine Haftstrafe zunächst in Kaufungen abgesessen und war vom Herbst 2005 bis Februar 2006 in Baunatal im offenen Vollzug. Dort habe sie den Tipp von Mitgefangenen bekommen, dass man zu Yozgats Café nach Kassel fahren könne. Viele aus der Haftanstalt seien dort gewesen, um zu telefonieren, zu surfen oder Musik aufs Handy zu laden. Für Verwunderung sorgte das auch deshalb, weil es von der JVA aus am anderen Ende der Stadt liegt. Beim NSU-Kerntrio hatte die Polizei 2011 eine Skizze des Tatorts gefunden. Bis heute ist ungeklärt, wer die Opfer ausgesucht und die Tatorte ausgespäht hat.

Görtz bestritt jeden Kontakt zum Thüringer Heimatschutz, aus dessen Mitgliedern sich der NSU entwickelt hatte. „Da war ich nicht aktiv drin gewesen“, versicherte die Zeugin. Das spätere NSU-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe habe sie nicht gekannt.

Die Abgeordneten machten der Zeugin seitenweise Vorhalte: So habe sie Kontakt zu „Blood and Honour“ in Deutschland und Österreich gehabt und sei beim Landeskriminalamt als Mitglied im Thüringer Heimatschutz aufgelistet worden – als einzige Frau neben Zschäpe. Görtz sagt, das könne sie sich nicht erklären.

Aufgehorcht wird im Saal, als Görtz sich auf ihr Recht zur Aussageverweigerung beruft – weil sie sich oder Angehörige mit einer Antwort in Gefahr bringen würde, rechtlich verfolgt zu werden. Die SPD-Abgeordnete Nancy Faeser hatte sich erkundigt, ob Görtz Kontakte zu österreichischen Behörden gehabt habe, etwa zum Verfassungsschutz. Mit einem deutschen Verfassungsschutz, wahrscheinlich dem niedersächsischen, habe sie 1996/97 mal ein Gespräch geführt, berichtet die Zeugin. Es habe aber „keine Anwerbung“ gegeben.

Zweifel an der minutiösen Rekonstruktion des Mordes

Vor Görtz war ein Polizeianalytiker aus Bayern über die zeitlichen Abläufe am Kasseler Tatort befragt worden. Es ging um die Frage, ob der damalige hessische Verfassungsschützer Andreas Temme während des Mordanschlags vor Ort war. Der Polizist Gerhard Frese kam nach Auswertung der Daten von Telefonen und Computern aus dem Café im Jahr 2008 zu dem Schluss: Ja, Temme war zur Tatzeit noch da. Er müsse daher auch die Schüsse gehört und den Pulverdampf gerochen haben. Als Temme den Toten gesehen habe, habe er sich dafür entschieden, abzuhauen statt die Polizei zu rufen, vermutete Frese.

Bei der Befragung zeigte sich allerdings, dass die sekundengenaue Rekonstruktion der Tatzeit, wie sie Frese vorgenommen hatte, womöglich nicht zu halten ist. Der Polizist hatte sich dabei auf Angaben eines Irakers gestützt, der im Café telefoniert und dabei laute Geräusche gehört hatte, wobei es sich um die Schüsse gehandelt haben könnte. Der Grünen-Abgeordnete Jürgen Frömmrich konfrontierte Frese mit der Aussage des Irakers, er sei müde gewesen und könne die Vorgänge zeitlich nicht mehr genau einordnen. „Dann ist das obsolet“, entgegnete der Polizist. Man könne den Mordzeitpunkt dann nur noch auf einen „Zeitraum von drei Minuten“ eingrenzen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum