Lade Inhalte...

NSU-Ausschuss in Hessen Das Leid der Familie Yozgat

In einer bewegenden Zeugenaussage berichten die Eltern des Kasseler NSU-Opfers vom Mord an ihrem Sohn und von ihren Erfahrungen mit den Behörden. Ismail Yozgat sagt, er habe heute nur einen einzigen Wunsch.

Ayse und Ismail Yozgat vor dem NSU-Untersuchungsausschuss
Ayse und Ismail Yozgat berichten am Montag vor dem NSU-Untersuchungsausschuss vom Mord an ihrem Sohn Halit. Foto: dpa

Ismail Yozgat kniet sich auf den Boden. „Halit, Halit“, ruft er laut und verzweifelt. „Halit, was machst du? Was ist passiert?“ Im Sitzungssaal 301/302P des Hessischen Landtags spielt der 62-Jährige den Moment nach, als er am 6. April 2006 seinen sterbenden Sohn fand, auf dem Boden seines Internetcafés in der Holländischen Straße in Kassel. Mit Hilfe von Tischen und Stühlen hat Yozgat vor den Mitgliedern des NSU-Untersuchungsausschusses das Café nachgebaut, und man merkt, dass er die traumatische Situation in diesem Moment noch einmal durchlebt.

Es sind bewegende, schwer zu ertragende Szenen, die sich an diesem Montag im Landtag ereignen. Als letzte Zeugen hat der NSU-Ausschuss die Eltern von Halit Yozgat geladen, der nach heutigem Kenntnisstand von den Rechtsterroristen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) erschossen wurde. Der Zuschauerraum ist bei dieser Sitzung komplett gefüllt, viele Leute sind gekommen, um Ehepaar Yozgat den Rücken zu stärken.

Und Ismail Yozgat, dessen Aussagen von einer Dolmetscherin übersetzt werden, sagt sehr deutlich, was er zu sagen hat. „Ich habe einen einzigen Wunsch“, sagt der 62-Jährige mit fester Stimme. „Die Holländische Straße, wo die Tat begangen wurde, sollte man umbenennen in Halitstraße.“ Mit der Umbenennung eines Platzes in der Nähe des Tatortes in Halitplatz 2012 habe er nichts zu tun gehabt, sagt Yozgat. Das habe die Stadt Kassel entschieden. „Man hat das gemacht, was man selbst machen wollte. Uns hat man nicht gefragt.“

Außerdem kommt Yozgat, der während der Sitzung mehrfach mit den Tränen kämpft, auf Andreas Temme zu sprechen – den hessischen Verfassungsschützer, der zum Zeitpunkt des Mordes in dem Internetcafé war, von der Tat aber nichts bemerkt haben will. Temme habe ein „Lügengerüst“ aufgebaut, sagt Ismail Yozgat. Er könne bis heute nicht glauben, dass er seinen blutenden Sohn nicht gesehen habe. Er frage sich immer noch, was genau geschehen sei. „Ich wälze mich im Bett herum und frage mich, wer versucht, etwas zu verstecken?“ Am Ende komme er immer wieder zu denselben drei Möglichkeiten, sagt Yozgat. „Entweder Herr Temme hat gesehen, wer die Täter waren, oder er hat sie geführt, oder er selbst hat die Tat begangen.“ Er habe Temme ja gut gekannt, da er vor der Tat Stammgast im Internetcafé gewesen sei, berichtet Yozgat. Sonst sei Temme oft zwei Stunden geblieben, nur am Tattag sei er schon nach kurzer Zeit gegangen. Dass Temme Beamter des Verfassungsschutzes war, habe er erst später erfahren.

Zur Arbeit der Kasseler Mordermittler sagt Yozgat, die Beamten hätten ihre Arbeit sorgfältig erledigt und sich immer wieder bei der Familie gemeldet. „Die Polizisten haben uns unterstützt.“ Für ihn selbst habe das Motiv für die Tat stets auf der Hand gelegen: „Wir haben immer wieder gesagt, es geht um Ausländerfeindlichkeit, es kann nichts anderes sein.“ Deshalb habe er auch die Demonstration „Kein 10. Opfer“ in Kassel unterstützt, an der nach dem Mord an Halit Yozgat rund 4000 Menschen aus der migrantischen Community teilgenommen hatten. „Uns ging es nur noch darum, dass keine anderen Kinder umgebracht werden sollten“, sagt Yozgat.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum