Lade Inhalte...

Neonazigruppe "Brigade Ost" Die Garage am Rande der Stadt

Im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt haben fünf mutmaßliche Unterstützer des Terrortrios gelebt. Die Stadt fürchtet nun um ihren guten Ruf.

Die Baracke der „Brigade Ost“ wurde am Sonnabend durchsucht. Foto: berliner zeitung/andreas förster

Im erzgebirgischen Johanngeorgenstadt haben fünf mutmaßliche Unterstützer des Terrortrios gelebt. Die Stadt fürchtet nun um ihren guten Ruf.

Es ist halb sechs Uhr abends. Johanngeorgenstadt ist eine dunkle, leere Stadt. Ein einsamer Mann dreht mit seinem Hund eine Runde. Auf die Frage nach dem Stadtzentrum und einem Hotel lacht er. „Zentrum gibt’s nicht, und die Hotels haben Betriebsferien“, sagt er. Auch die meisten Fenster in der gewaltigen DDR-Neubausiedlung, die einstmals Schlafstadt für Zehntausende Wismut-Kumpel war, bleiben schwarz. Nur 4?000 Menschen wohnen noch in Johanngeorgenstadt, zur Wende waren es mehr als doppelt so viel. In einem kleinen Garagenkomplex am Rande der Siedlung aber ist noch so etwas wie Leben. Ein Garagentor geht kurz auf, Licht fällt auf ein paar Autos, die davor stehen. Musik ist zu hören. Dann schlägt die Tür zu, es ist wieder dunkel.

Die Szene ist geschrumpft

Die zwölf Garagen am Stadtrand, an deren Giebelseite der Schriftzug „Brigade Ost“ prangt, bringen Johanngeorgenstadt derzeit bundesweit in die Schlagzeilen. In den umgebauten Räumen trifft sich seit Jahren die rechte Szene des Ortes, die allerdings – parallel zur Einwohnerzahl – deutlich geschrumpft ist.

Vor zehn, fünfzehn Jahren noch haben hier auch Mandy S., Susann E., ihr späterer Mann Maik E., Matthias D. und Matthias Dienelt ihre Freizeit miteinander verbracht. Rechte Jugendliche, mit dem Mund und der Faust schnell dabei. Heute führt die Bundesanwaltschaft eine Akte über sie. Sie sollen Beate Zschäpe, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt dabei geholfen haben, fast 14 Jahre lang ein von den Behörden unbemerktes Leben geführt zu haben – mit Banküberfällen und Morden.

Die fünf mutmaßlichen Unterstützer leben nicht mehr in Johanngeorgenstadt. Matthias Dienelt, der 2001 eine Vier-Zimmer-Wohnung in der Zwickauer Polenzstraße für Zschäpe angemietet haben soll, ist nach Niedersachsen gegangen. Mandy S., deren Ausweis Zschäpe mitnutzte, ist jetzt Friseurin im nahen Schwarzenberg. Das Ehepaar André und Susann E., das an der Produktion des Bekennervideos mitgewirkt haben soll, ist nach Zwickau gegangen. Dort betreiben sie den Laden „Caput Mortuum“ (lat. Totenschädel), in dem Rechte ihre szenetypische Kleidung kaufen können. E.s Videofirma existiert nicht mehr. Matthias D. schließlich, der 2008 die vor drei Wochen in die Luft geflogene Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße dem Trio um Zschäpe untervermietet hatte, ist inzwischen auch kein Johanngeorgenstädter mehr.

Für Bürgermeister Holger Hascheck (SPD) hat sich damit das Thema der Zwickauer Terrorzelle erledigt. „Wir hatten in den 90er Jahren hier in Johanngeorgenstadt eine starke rechte Szene unter den Jugendlichen “, sagt Hascheck. Prügeleien habe es gegeben, Randale, einmal sei sogar ein Molotowcocktail in den Keller der Schule geflogen. „Aber das ist alles lange her“, sagt er. Seit Jahren gebe es keine Schmierereien mehr im Ort, keine Schlägereien oder sonstigen „Vorkommnisse“. Auch die NPD ist hier nicht existent, keine Aktivisten, kaum Wähler. „Wir sind keine braune Stadt“, beteuert der 46-Jährige. Und die Garagen der „Brigade Ost“ am Stadtrand? Da würden sich eben ein paar Jugendliche treffen, Bier trinken und reden, wiegelt Hascheck ab. „Aber mir ist noch nichts zu Ohren gekommen, dass von dort irgendwelche politischen Aktivitäten oder Übergriffe ausgegangen sind. Es hat sich auch noch nie jemand beschwert.“

Es herrscht also Ruhe in Johanngeorgenstadt. Daran will auch niemand etwas ändern. Mit den Einwohnern jedenfalls kommt man nicht weit, wenn man das Thema anspricht. Der sonst so redselige Wirt von „Kuno’s Brauhaus“ im Nachbarort – selbst Johanngeorgenstädter – wird einsilbig, kommt man auf die Rechten zu sprechen. Auch die Leute in den Läden und auf den Straßen winken nur ab. An der Grillbude im Zentrum, wo es die Original Roster mit Toast für 1,20 Euro gibt, wird man unfreundlich. „Hau ab“, heißt es da, wenn man nach der „Brigade Ost“ fragt.

Angst vor dem Abstieg

Angst klingt durch. Aber keine Angst vor den paar rechten Jugendlichen, an denen sich niemand hier stört. Es ist die Furcht davor, dass ihre Stadt wieder einmal kaputt gemacht wird. In den Fünfzigern haben sie ihnen die Altstadt plattgemacht, um die Neubauten für die Wismut-Kumpel zu bauen. Nach der Wende ging die Textil- und Lederindustrie zugrunde. Und jetzt die „Nazi-Keule“. Dabei hat man in den letzten Jahren mühsam und mit viel Geld vom Freistaat die Stadt auf dem Erzgebirgskamm wieder ein wenig hergerichtet für die Touristen.

Am Abend ist der Garagenkomplex am Stadtrand verwaist. Vielleicht will man abwarten, bis wieder Ruhe einkehrt. Am Sonnabend hat die Polizei die Garagen durchsucht, am Dienstag waren zivile Ermittler in der Stadt. Im Rathaus haben sie nachgefragt, wollten etwas wissen über Mandy, Susann, die beiden Matthias und André. Doch die Auskünfte dort waren dürftig – die Fünf wohnen ja schließlich nicht mehr hier.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen