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Neonazi-Terror Neue Rechtsterroristen

Militante Neonazis organisieren sich bundesweit in „Freien Netzen“, träumen von einem Vierten Reich und planen Gewalttaten – besonders aktiv sind sie in Thüringen.

15.11.2011 22:12
Matthias Thieme
Die neue Generation der Rechten organisiert sich in Freien Netzen - und träumt vom Vierten Reich. (Symbolbild) Foto: dpa

Wer wissen will, was das Neonazi-Trio Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe antrieb, für welche Ideen sie mordeten, der wird bei den sogenannten Freien Netzen (FN) der Neonazi-Szene fündig. Sie träumen von einem Vierten Reich, sehen sich als außerparlamentarischen Widerstand, planen Gewalttaten und sind eng mit der NPD vernetzt.

Dutzende solcher Zusammenschlüsse militanter Neonazis gibt es bundesweit. Auf Demonstrationen treten sie mit schwarzen Fahnen und dem Schriftzug „FN“ auf. Nach außen hin sichtbar sind die Freien Netze durch zahlreiche Internetseiten. Dahinter stecken gut organisierte Neonazi-Kader, die zu Gewaltaktionen größere Gruppen mobilisieren können und auch in Städten fern ihres Wohnortes zuschlagen.

Interne Dokumente des Neonazi-Netzwerks zeigen die Gewaltbereitschaft der Szene: So schreibt ein Mitglied vor einer Demonstration in Dresden: „Wir haben uns überlegt, eine Polizeiwache anzugreifen und abzufackeln.“ Die Antwort eines Gleichgesinnten: „Ohne einen abzustechen? Ist ja langweilig.“ Andere wollen in Chemnitz gegen Israel demonstrieren, und raten den Kameraden, Fackeln und „Knaller“ mitzubringen. Alles immer im Namen des obersten „Chefs“ – Adolf Hitler.

Der Staat müsse endlich prüfen, ob es sich bei den Freien Netzen um eine kriminelle Vereinigung handele, fordert der Rechtsextremismus-Forscher Hajo Funke. Es habe sich unbemerkt eine halb-klandestine neonazistische Organisation entwickelt, die zu brutalster Gewalt fähig sei und strategisch gut koordiniert vorgehe, sagt der Experte. Besonders stark sind diese Gruppen in Thüringen aktiv. Das Terror-Trio Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe stammt ursprünglich aus der dortigen Szene.

Treffen im Zelt

Die Terroristen waren etwa eng mit dem heutigen Betreiber des Freien Netzes Jena, dem Neonazi Andre Kapke, befreundet. Kapke war auch einer der Hauptakteure des Thüringer Heimatschutzes (THS), dem die Mörder vor ihrem Abtauchen angehörten. Und Kapke war es auch, der 2002 zusammen mit dem rechtsextremen Liedermacher Maximilian Lemke und dem Vorsitzenden des Kreisverbandes der NPD Jena, Ralf Wohlleben, eine ehemalige Gaststätte kaufte und „Braunes Haus“ nannte. Es wurde zu einem rechtsextremen Zentrum mit überregionaler Bedeutung. Derzeit ist das Bewohnen des Hauses zwar verboten – doch die Neonazis treffen sich weiter in einem Zelt im Garten.

Was Verfassungsschutzbehörden in ihren Berichten oft strikt voneinander trennen, findet dort informell aufs Engste zusammen: Die NPD, die jungen Nationaldemokraten (JN), rechte Burschenschaften, der nationale Widerstand und das Freie Netz Jena. Alles mit personellen Überschneidungen, Freundschaften – und auch Konkurrenz in Sachen Radikalität.

Laut internen Unterlagen haben die Neonazis aus den Reihen der Freien Netze längst Schaltstellen innerhalb der NPD und ihrer Jugendorganisation JN besetzt. Holger Apfel, neuer Parteichef der NPD, ist demnach bereits von Führungskräften des „Freien Netzes“ umgeben – überzeugte Nationalsozialisten mit Hang zur Tat.

Die Thüringer Neonazi-Szene ist immer noch lebendig. In den 90er Jahren war sie der braune Sumpf, aus dem die Terrorzelle von Mundlos, Zschäpke und Böhnhardt entstand. Man fürchtete die drei als stadtbekannte Rechtsextreme, wich ihnen auf der Straße aus, sagt Katharina König, heute Abgeordnete der Linken in Thüringen.

Jeder kannte die drei. Und keiner, der sie kannte, glaubt heute an die Version ihres spurlosen Abtauchens im Jahr 1998. „Da muss es eine Unterstützerstruktur gegeben haben“, sagt König. „Alleine hätten diese drei das nicht geschafft.“

Hinweise auf zumindest ideelle Unterstützung aus der Szene gibt es. Die Neonazi-Band „Eichenlaub“ komponierte den Untergrundkämpfern sogar ein Lied zur Flucht: „Der Kampf geht weiter“, sangen die Unterstützer in der Zeit des Mordens.

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