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Neonazi-Terror Fahnder verhaften Neonazi wegen Terrorverdacht

Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen den Ex-NPD-Funktionär Ralf Wohlleben wegen Beihilfe zum Mord in sechs Fällen. Die Festnahme des Ex-NPDlers zeigt erneut die gefährliche Verzahnung der Partei mit gewaltbereiten Rechtsextremen.

29.11.2011 11:13
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NPD-Anhänger in Springerstiefeln stehen vor einem Wahlplakat der NPD (Archivbild). Foto: dpa

Es geht bei den Ermittlungen gegen Wohlleben um den dringenden Verdacht der Beihilfe zum Mord in sechs Fällen. Die Bundesanwaltschaft hat den früheren NPD-Funktionär und bundesweit bekannten Neonazi Ralf Wohlleben heute morgen um 7 Uhr mit Unterstützung des Landeskriminalamts Thüringen festgenommen. Wohlleben wird vorgeworfen, über einen Kurier eine Schusswaffe und Munition an die Terrorgruppe Nationalsozialistischer Untergrund (NSU) geliefert zu haben. Gegen Wohlleben liegt ein Haftbefehl des Ermittlungsrichters des Bundesgerichtshofs (BGH) vor. „Der Beschuldigte ist dringend verdächtig, Beihilfe zu sechs vollendeten Morden und einem versuchten Mord der terroristischen Vereinigung „Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)“ geleistet zu haben“, teilte die Bundesanwaltschaft mit.

Nach den bisherigen Erkenntnissen sei der Beschuldigte seit 1995 in rechtsextremistischen Kreisen in Thüringen aktiv und stand bereits in den 1990er Jahren in enger Verbindung zu den drei Mitgliedern des „NSU“. Wohlleben soll diese bei ihrer Flucht im Jahr 1998 und in der Folge laut Bundesanwaltschaft auch finanziell unterstützt haben. Zudem vermittelte er den Kontakt zwischen den „NSU“-Mitgliedern und dem Beschuldigten Holger G., der ihnen Geld und Ausweisdokumente überließ. Aufgrund seiner anhaltenden Verbindung zu der unter falscher Identität lebenden habe er von ihren terroristischen Straftaten gewusst, so die Ermittler.

„Der Beschuldigte ist dringend verdächtig, dem „NSU“ 2001 oder 2002 eine Schusswaffe nebst Munition verschafft zu haben.“ Wohlleben soll Waffe und Munition einem Kurier übergeben haben, der sie in seinem Auftrag zu den „NSU“-Mitgliedern nach Zwickau brachte. „Dabei nahm der Beschuldigte billigend in Kauf, dass die Schusswaffe für rechtsextremistische Morde verwendet werden könnte“, teilte die Bundesanwaltschaft mit. Der Beschuldigte werde noch heute dem Ermittlungsrichter des Bundesgerichtshofs vorgeführt, der ihm den Haftbefehl eröffnen werde.

Seit Jahren eine Größe im braunen Sumpf

Der Schritt der Ermittler kommt nicht überraschend. Wohlleben ist im braunen Sumpf von Thüringen seit vielen Jahren eine Größe: Der Mittdreißiger war NPD-Kreischef von Jena, Thüringer Landesvize und ist bereits wegen Körperverletzung und Nötigung verurteilt worden. Seine Beziehungen zu den abgetauchten Rechtsterroristen, mit denen er in den 90er-Jahren die rechte „Kameradschaft Jena“ bildete und im „Thüringer Heimatschutz“ aktiv war, sind seit langem bekannt. Beobachter der Szene fragten sich in den vergangenen Wochen eher, warum der bekannte Neonazi noch frei herumläuft.

Kürzlich publik gewordene Dateien eines Neonazi-Internetforums zeigen, wie Wohlleben etwa rechtsextreme Veranstaltungen organisierte: Er habe gerade die Bestätigung erhalten, dass bald ein interessanter Vortrag in Jena stattfinden werde, schrieb Wohlleben dort. Im von ihm mitorganisierten Neonazi-Treff „Braunes Haus“ spreche der verurteilte Holocaust-Leugner Horst Mahler über „Die Kernschmelze der judaisierten Welt“ und die „Auferstehung zum Nationalsozialismus“. Ein Vortrag, so Wohlleben, „dessen Sprengkraft uns jetzt schon von den Socken haut“.

Ralf Wohlleben ist einer der Administratoren der Website, im Forum nennt er sich „Old School Skinhead“. Seine Einträge reichen von Klatsch und Tratsch bis zur Planung von Aufmärschen und anderem „Straßentheater“. So preist er im Februar 2009 ein Konzert von „drei Herren der Rechtsrockband Frontalkraft aus Cottbus“ an. Es werde sicher schön, wenn wieder der ganze Saal das Lied mitsinge: „Schwarz wie die Nacht, in der wir Euch kriegen…“ Vom militanten Liedgut geht es schnell zur Tat. 2009 ruft Wohlleben zum „Trauermarsch“ zum Jahrestag der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten auf, die er „Bombenholocaust“ nennt. Die Idee eines anderen Forumsmitglieds, danach „eine Polizeiwache abzufackeln“, lobt er im Namen der Jenaer Kameraden: „Die Wache der Miliz anzugreifen findet bei uns bestimmt auch breite Zustimmung.“

Interesse an rechten Bombenbastlern der älteren Generation

Eng verbandelt war Wohlleben seit langem mit der Jenaer Neonazi-Szenegröße Andre Kapke. Selbst an vorbestraften rechten Bombenbastlern der älteren Generation zeigt die junge Neonazi-Szene der „Freien Netze“, der Wohlleben und Kapke angehören,  schon seit einiger Zeit reges Interesse. Dabei gerieten Wohlleben und Kapke schon einmal unter den Verdacht, terroristische Aktivitäten vorzubereiten: Im September 2010 referierte etwa Karl-Heinz Hoffmann im Landkreis Leipzig. Im Gasthof Zollwitz in Hausdorf bei Colditz pries er die „disziplinierte militärische Organisationsform“ für den „nationalen Widerstand“.

Der 74-Jährige Hoffmann, dem in Kohren-Sahlis ein ehemaliges Schloss und Rittergut gehört, war als Anführer der 1980 verbotenen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ für rechtsterroristische Anschläge verantwortlich. Eingeladen war er vom „Freien Netz“, die Anreise der knapp 100 Teilnehmer koordinierte der Geithainer NPD-Stadtrat und „Freies Netz“-Kader Manuel Tripp. Im Anschluss an den Vortrag gab es Hausdurchsuchungen bei Teilnehmern aus Jena, unter anderem auch bei Kapke und Wohlleben, die unter dem Verdacht standen, selbst Sprengstoff besorgt und einen Anschlag auf eine Landespolitikerin der Linken geplant zu haben. Kurz darauf folgten Razzien der Polizei – ohne Erfolg.

Der Vortrag des Alt-Rechtsextremen Hoffmann war längst nicht die einzige Nachhilfestunde für Neonazis in Sachen Militanz: Unter dem Motto: „Russenpanzer vom Sockel geholt!“ lud etwa der NPD-Kreisverband Leipzig am 13. August dieses Jahres zu einer Vortragsveranstaltung. Referent war Josef Kneifel, ein Rechtsterrorist und verurteilter Bombenleger. Der heute 69-Jährige hatte am 9.?März 1980 versucht, ein sowjetisches Panzerdenkmal in Karl-Marx-Stadt zu sprengen. Für die Tat wurde er verurteilt. 1987 wurde er in Richtung BRD entlassen.

Kneifel, der heute bei Nürnberg lebt, stand danach der kürzlich verbotenen neonazistischen „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) nahe. Er hält bis heute enge Kontakte zur Naziszene. Einer seiner Facebook-Kontakte ist etwa der bayrische Rechtsterrorist Martin Wiese, der 2003 einen Anschlag auf das Jüdische Zentrum München vorbereitete. Die NPD Augsburg lud im Juli 2011 zu einer Veranstaltung ein: „Terrorismus – woher er kommt und wem er nutzt.“ Im Hinterzimmer einer Gaststätte sprach Wiese, der sieben Jahre als Rädelsführer einer terroristischen Vereinigung im Gefängnis saß.

Gewaltbereite Vorbilder

An gewaltbereiten Vorbildern mangelt es den Neonazis nicht: So kam der NPD-Aktivist Peter Naumann erst kürzlich zu mehreren Schulungen von Kadern des „Freien Netzes“ und der „Jungen Nationaldemokraten“ zum Thema Aktions-Strategien. Naumanns Qualifikation: Er sprengte 1978 ein Denkmal zur Erinnerung an italienische Opfer der SS und 1979 zwei Fernsehsendemasten, um die Ausstrahlung der Fernsehserie „Holocaust“ zu verhindern. Für seine Terroraktionen saß er drei Jahre in Haft und wurde dabei ebenfalls von der „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige“ (HNG) betreut. Zuletzt wurden bei ihm 1995 zwei Rohrbomben gefunden. Seiner Karriere bei der NPD war das nicht abträglich. Bis 2008 war er bei der sächsischen Landtagsfraktion angestellt. Im Herbst 2008 sagte Naumann bei einer Saalveranstaltung der nordrhein-westfälischen NPD: „Das Problem ist ja auch, dass unser Volk nicht erkennt, dass hier ein Krieg stattfindet, und es erkennt es nicht, weil kein Blut fließt.“

Wohlleben und Co sind gefährliche Beispiele dafür, dass die NPD nicht von der militanten Szene unterwandert ist, sondern mehrheitlich aus genau dieser Szene besteht. So war Wohlleben, zeitweise sogar Landesvize der NPD Thüringen. Und Thüringens NPD-Chef Frank Schwerdt ist nicht weniger militant. Er hatte auf Vermittlung des Thüringer Heimatschutzes, dem Wohlleben angehörte, eine CD der Thüringer Band „Volksverhetzer“ in seinem Verlag herausgebracht. Darauf wird in dem Lied „Blutrausch“ unter anderem gesungen: „Du hast so ein buntes Schwein vor Dir liegen, hilflos und am Boden / Da nimmst Du noch mal Anlauf und springst ihm in die Hoden / Mitten im Gefecht hörst Du auf zu denken. / Du willst ihn nur noch töten / Keiner kann Dich lenken.“ Schwerdt wurde dafür wegen Gewaltverherrlichung verurteilt.

Dennoch sind seine Delikte fast noch harmlos gegen die Taten des NPD-Landesvorstandes Patrick Wieschke, früherer Landesgeschäftsführer der Thüringer NPD. Im November dieses Jahres wurde Wieschke auf dem NPD-Parteitag ins höchste Gremium der Partei gewählt, in den Bundesvorstand um NPD-Chef Holger Apfel. Der 30-jährige Wieschke ist jetzt „Bundesorganisationsleiter“. Er weiß, wie er in dieser Position reden muss: „Diese Leute halten wir für Verbrecher“, sagt er über das Terror-Trio von Zwickau.

In der Nacht zum 10. August 2000 war Patrick Wieschke als Anstifter an einem Sprengstoffanschlag auf einen türkischen Imbiss in Eisenach beteiligt. Er wurde festgenommen und später wegen Anstiftung zur Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und neun Monaten verurteilt. Im Mai 2004 wurde er vorzeitig aus der Haft entlassen. Wieschke nutzte die Freiheit – schon wenige Monate später leitete er wieder Rudolf-Hess-Märsche und Demonstrationen in Eisenach. Inzwischen sitzt der Ex-Bombenleger ganz oben in der NPD.

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