Lade Inhalte...

Neonazi-Terror Das Netz der Rechten

Die rechtsextreme NPD wird?von militanten Neonazis oft als zu zahm kritisiert, dennoch spielt sie eine zentrale Rolle unter den selbst ernannten Nationalisten.

Die NPD hat viele vorbestrafte Gewalttäter in ihren Reihen. Foto: dpa/dpaweb

Die rechtsextreme NPD wird?von militanten Neonazis oft als zu zahm kritisiert, dennoch spielt sie eine zentrale Rolle unter den selbst ernannten Nationalisten.

Dass am Dienstag ein ehemaliger NPD-Funktionär als mutmaßlicher Terrorhelfer verhaftet wurde, kann niemanden überraschen. Die Nationaldemokratische Partei Deutschlands ist seit der Gründung 1964 die wichtigste Konstante der rechtsextremen Szene – nicht als Partei, nicht wegen ihrer Wahlerfolge, sondern weil sie zentrale Funktionen für alle Teile der extremen Rechten übernimmt. So ist es kein Wunder, dass nach Aufdeckung der Neonazi-Mordserie wieder nach einem Parteiverbot gerufen wird.

Zwar kritisieren militante Neonazis die NPD oft als zu lasch, doch ohne die Partei hätten sie es weit schwerer: Die NPD meldet Aufmärsche und Konzerte an und veranstaltet Feste wie das alljährliche Pressefest der Parteizeitung Deutsche Stimme, eines der größten Szenetreffen. Auch für die Verteilung von Finanzen spielt die bundesweite Parteistruktur mit Unterorganisationen für Jugend, Frauen und Studenten eine zentrale Rolle. Zwar lehnt die NPD aus taktischen Gründen Gewalt ab, weil diese Wählerstimmen kosten könnte – aber sie hat auch viele vorbestrafte Gewalttäter in ihren Reihen.

Lange auf dem absteigenden Ast

Die NPD war nach ersten Erfolgen Ende der 60er-Jahre, als sie in einige Landtage einziehen konnte und bis zu 50.000 Mitglieder zählte, lange auf dem absteigenden Ast. Dann öffnete der damalige Parteichef Günter Deckert Anfang der 90er-Jahre die eher von nationalkonservativen Bürgern geprägte Partei auch für stramme Neonazis, für Holocaust-Leugner und Hitler-Verehrer. Gleichzeitig band Deckert sie an das Gedankengut der Neuen Rechten an. Heute kann die NPD praktisch an alle Segmente des braunen Spektrums anknüpfen und hat den niedrigsten Altersdurchschnitt aller Parteien, weil sie auch in der jungen Neonazi-Subkultur Anhänger findet.

Seit knapp drei Wochen ist Holger Apfel der neue Vorsitzende. Der 40-Jährige aus Hildesheim will einen „seriösen Radikalismus“ praktizieren. Im sächsischen Landtag nannte er Migranten „arrogante Wohlstandsneger“.
2004 zog die NPD in Sachsen und 2006 in Mecklenburg-Vorpommern in die Landtage ein. Dort gelang 2009 und 2011 auch der Wiedereinzug. In Kommunalparlamenten ist die NPD in der ganzen Republik vertreten. Die Deutsche Volksunion (DVU) hat sie geschluckt, andere rechtsextreme Parteien kämpfen gegen die Bedeutungslosigkeit. Laut Verfassungsschutz hatte die NPD 2010 rund 6600 Mitglieder, da waren die 3300 der DVU noch nicht mitgezählt. Das Parteiblatt Deutsche Stimme erscheint nach eigenen Angaben in einer Auflage von 25.000 Stück.

Freie Kameradschaften

Schwer zu fassen

Gründung: Mitte der 90er-Jahre
Stärke: 5600 Neonazis zählt der Verfassungsschutz
Anführer: Christian Worch und Thomas „Steiner“ Wulff als Vordenker des Konzepts

Nachdem in den 90er-Jahren eine Reihe rechtsextremer Vereine wie die Freiheitliche Deutsche Arbeiterpartei (FAP) verboten wurde, begannen Neonazis, sich in losen, schwerer zu verfolgenden Gruppen zu organisieren, sogenannten „Freien Kameradschaften“. Sie agieren nur regional und tragen Namen wie „Freie Nationalisten Rhein-Main“ oder „Kameradschaft Germania Berlin“, schließen sich aber zu Bündnissen (die oft „Aktionsbüro“ heißen) zusammen.
Ein Beispiel ist der „Nationale Widerstand Jena“, in dessen Umfeld die Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“ entstand: Er gehört zum „Thüringer Heimatschutz“, der wiederum im „Nationalen und Sozialen Aktionsbündnis Mitteldeutschland“ mit Kameradschaften aus mehreren ostdeutschen Bundesländern kooperiert.
Kameradschaften sind oft streng hierarchisch aufgebaut. Seit Verbote aber auch solche Gruppen trafen, etwa die Skinheads Sächsische Schweiz (SSS), geht die Tendenz zum weiteren Abbau von Strukturen; oft gehört nur noch ein Dutzend Mitglieder zu einer Gruppe. Viele Gruppierungen verwenden auf Demonstrationen nur noch Transparente mit dem Namen „Freie Kräfte“ und einem lokalen Namenszusatz. Manche Szene-Größen wie Thomas Wulff sind führende Mitglieder der NPD, andere wie Christian Worch halten eher Distanz zur zu ihnen und der schon als „etabliert“ geltenden Partei.

Autonome Nationalisten

Der schwarze Bock

Gründung: ungefähr 2001
Stärke: mehr als 1000 Anhänger
Anführer: dezentrale Struktur

Die meist jungen, extrem gewaltaffinen Autonomen Nationalisten (AN) sind die freiesten unter den Freien Kräften. Sie übernehmen subkulturelle Codes und Aktionsformen aus der linksradikalen Autonomen-Szene: schwarze Kleidung, oft mit Kapuzenpulli und sogar Palästinensertuch. Sie bilden „Schwarze Blocks“, die bei Demonstrationen Polizeiketten durchbrechen, und betreiben „Anti-Antifa-Arbeit“ mit der sie Personen, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren, samt Foto und Adresse outen.
Auch die schweren Krawalle am 1. Mai 2008 in Hamburg gingen von Autonomen Nationalisten aus. Sie sind in der rechtsextremen Szene zwar umstritten – bei klassischen Nationalisten allein schon, weil sie auch englische Slogans verwenden. Die NPD pflegt aber auf Parteitagen regelmäßig Grußadressen an „die Straße“ oder gar „die Vertreter des Schwarzen Blocks“ auszusenden – kein Wunder: Die AN sind für den Nachwuchs attraktiv und laut Verfassungsschutz maßgeblich für das Anwachsen der Neonazi-Szene verantwortlich.
In vielerlei Hinsicht ersetzen die AN die klassische rechtsextreme Skinhead-Subkultur der 90er- Jahre, die an Bedeutung verliert. Viele AN sehen sich in der Tradition des „linken“ Flügels der NSDAP um Gregor Strasser.

Neue Rechte

Die Vordenker

Gründung: 70er-Jahre
Stärke: Wenig Köpfe, viel Einfluss
Anführer: Alain de Benoist, Pierre Krebs, Patrik Brinkmann u. a.

Die Neue Rechte ist die intellektuelle Abteilung im braunen Reich. Sie entstand in den 70er-Jahren unter französischen Nachwuchs-Akademikern, die von Hitler-Nostalgie und nationalistischen Grabenkriegen nichts mehr wissen, sondern an Vordenker einer „Konservativen Revolution“ wie Carl Schmitt und Ernst Jünger anknüpfen wollten.
Der typische Neurechte zieht eine autoritäre Staatsform der Demokratie vor, ist von der Überlegenheit der Europäer über andere „Völker“ überzeugt, lehnt „Rassenvermischung“ und damit auch Einwanderung ab. Er misst den Wert des Individuums an seiner Rolle in der „Volksgemeinschaft“. Lange waren Antiamerikanismus und Antisemitismus Konstanten neurechten Denkens, mittlerweile müssen auch projüdische und amerikafreundliche Islamhasser dazu gezählt werden.
Es handelt sich nicht um eine feste Gruppe, sondern lose Netze, die sich etwa um das Kasseler Thule-Seminar von Pierre Krebs gruppieren. Typisch ist der Versuch, weit ins konservative Spektrum hineinzuwirken. In der neu-rechten Postille Junge Freiheit (wöchentliche verkaufte Auflage: knapp 21000 Exemplare) schreiben aber auch Autoren wie Peter Scholl-Latour, Franz Alt und Ex-BDI-Präsident Hans-Olaf Henkel.

Musikszene

Grölen und prügeln

Gründung: Anfang der 80er-Jahre
Stärke: rund 165 Bands, wachsend
Vorbild: Ian Stuart

Musik spielte in der mit den Punks verwandten Skinhead-Subkultur der 80er-Jahre stets eine große Rolle und ist bis heute ein Klebstoff, der die rechtsextreme Szene zusammenhält. Eine der ersten Bands, die bei Neonazis Marschmusik durch harten Rock ersetzte, war Skrewdriver um Ian Stuart Donaldson.
Stuart gründete das Netzwerk Blood and Honour (Blut und Ehre), eine Neonazi-Truppe, die Vertriebsstrukturen für rassistische und nationalistische Musik bereitstellt, Konzerte organisiert und Andersdenkende verprügelt. Es ist in Deutschland seit 2000 verboten, existiert aber in Form etwa der Division?28 weiter. Stuart starb 1993 bei einem Autounfall.
Deutschlands rechtsextreme Musikszene gilt als aktivste Europas. Jährlich kommen mehr als 100 CDs auf den Markt, zusammen mit Fanartikeln eine der wichtigsten Geldquelle der Szene. Die NPD lockt mit ihrer kostenlosen, rassistischen Schulhof-CD den Nachwuchs.
Die meisten Bands gehören zum großen Genre Rechtsrock, mit lauten E-Gitarren und Grölgesang. Rechtsextreme Liedermacher wie Frank Rennicke besetzen eine Marktnische. Neuerdings versuchen sich Neonazis dank leicht zu bedienender Produktionstechnik auch in Stilen wie Hip-Hop, Metal oder Techno.

Gewaltbereite Gruppen

Wehr & Sport

Gründung: immer wieder neue
Stärke: 9500 „gewaltbereite Rechtsextremisten“ zählt der Verfassungsschutz im Jahr 2010
Anführer: Martin Wiese, Peter Borchert, Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt u. v. a.

Über latente Gewaltbereitschaft hinaus bereiten sich viele Neonazi-Gruppen mit Geländeübungen, Kampfsportturnieren und Bombenbastelwork-shops auf den bewaffneten Widerstand vor. Als die 1973 gegründete Wehrsportgruppe Hoffmann 1980 verboten wurde, hatte sie rund 440 Mitglieder; ihrem Vorbild huldigen bis heute viele Gruppen. Auch der bewaffnete Arm der verbotenen Skinhead-Organisation Blood and Honour, Combat 18, hat Anhänger.
Eine vernetzende Funktion hatte die im September verbotene „Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene“, die inhaftierte rechtsextreme Verbrecher als Märtyrer darstellte. Der Verfassungsschutz sieht zwar eine „Affinität von Rechtsextremisten zu Waffen und Sprengstoff“, rechnet aber allenfalls mit „Taten von Einzelaktivisten“ und beendet den Bericht: „Auch 2010 waren in Deutschland keine rechtsterroristischen Strukturen feststellbar.“

Internet

Gut verbunden

Gründung: Mitte der 90er
Stärke: ca. 1000 von Deutschen betriebene rechtsextreme Websites (laut Verfassungsschutz)
Anführer: bleiben anonym

Begeistert wie sonst nur noch Pornofans stürzten sich Neonazis auf das Internet. Es dient der rechtsextremen Szene als mächtiges Propaganda- und Vernetzungsinstrument. Auf Webseiten wie Altermedia.de oder Thiazi.net unterhalten sich in teils passwortgeschützten Foren Extremisten, von denen manche keinen anderen Kontakt zu Gesinnungskameraden – ihre extremistische Organisation ist das Netz.
Viele der deutschen Webseiten laufen über Server in den USA, wo antisemitische und rassistische Inhalte ebensowenig strafbar sind wie die Verwendung von NS-Symbolen. Die meisten Neonazi-Kameradschaften betreiben eigene Homepages, auf denen sie zu Demos mobilisieren. Anti-Antifa-Seiten „outen“ Gegner: Sie zeigen Fotos von Antifaschisten oder demokratischen Politikern samt Adresse und rufen kaum verhohlen zu Angriffen auf, deren Folgen sie dann dokumentieren.
Neonazis nutzen auch Plattformen wie Facebook, Twitter und Youtube. Auch für die wirtschaftliche Betätigung der rechtsextremen Szene – den Versandhandel mit Rechtsrock, Nazi-Devotionalien und in der Szene beliebter Kleidung – ist das Internet unverzichtbar, über eigene Seiten oder schlicht über Ebay.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum