Lade Inhalte...

Neonazi Propaganda Hetze nach tödlicher Schlägerei

Fast sechs Jahre Haft wegen Körperverletzung mit Todesfolge: So endete am Mittwoch der Prozess um einen zu Tode getretenen Streitschlichter aus Kirchweyhe bei Bremen.

Mahnwache vor dem Bahnhof Kirchweyhe bei Bremen. Foto: imago stock&people

Das Landgericht Verden (Aller) verurteilte den 21-jährigen Cihan A. zu fünf Jahren und neun Monaten Jugendstrafe. Nach Überzeugung der Richter hatte er im März 2013, vermutlich gemeinsam mit unbekannten Mittätern, den 25-jährigen Daniel S. so schwer verletzt, dass der Lackierer vier Tage danach starb. Weil A. aus einer türkischen Familie stammt, hatten Rechtsextremisten den Fall für ausländerfeindliche Propaganda genutzt.

A. und S. hatten gemeinsam mit weiteren jungen Leuten eine auswärtige Diskothek besucht. Auf der Busrückfahrt kam es zwischen Begleitern von A. und anderen Mitfahrern zu einem Streit. S. versuchte kurz, die Gegner zu beruhigen. Nach dem Aussteigen in Kirchweyhe sprang A. laut Urteil „mit seitlich abgespreiztem Bein in Kung-Fu-Manier“ dem 25-Jährigen in den Rücken und trat erneut auf ihn ein, als er bereits bewusstlos am Boden lag. Offenbar, so das Gericht, hätten noch weitere Täter auf ihn eingetreten. Daher sei nicht erwiesen, dass A. die tödlichen Verletzungen selber verursacht habe; dennoch sei die Tat wegen „gemeinschaftlicher Begehungsweise ihm zuzurechnen“.

Laut Urteil wurde S. zufällig zum Opfer, weil er gleich nach A. aus dem Bus ausgestiegen war.

Der Kammervorsitzende Joachim Grebe nannte die Tat „völlig sinnlos und unbegreiflich“. In Anspielung auf die ausländerfeindliche Reaktionen fügte er aber hinzu, die öffentliche Diskussion sei „zum Teil völlig aus dem Ruder gelaufen“. Es sei „einer der wesentlichen Vorzüge unserer Zivilisation und unseres Rechtsstaates“, dass Urteile nicht aufgrund von Emotionen und Mutmaßungen gefällt würden, sondern nach den strengen Regeln des persönlichen Schuldnachweises. Nicht jede Tötung sei Mord oder Totschlag, denn dafür sei vorsätzliches Handeln nötig, was hier aber nicht nachweisbar gewesen sei. Daher könne A. nur wegen Körperverletzung mit Todesfolge bestraft werden.

In der fast 80-minütigen Urteilsbegründung machte Richter Grebe deutlich, wie sich die Stimmung an jenem Abend hochgeschaukelt hatte. Zunächst sei es zwischen Begleitern von A. und anderen Businsassen zu verbalem Streit und Rangeleien gekommen. Daraufhin seien ausländerfeindliche Sprüche gefallen, zum Beispiel „Immer dasselbe mit den Scheißausländern!“. Möglicherweise als Reaktion darauf seien A. und seine zwei Begleiter immer mehr in Rage geraten. „Einer wird diese Nacht nicht überleben“, habe der Angeklagte sinngemäß gerufen. An wen er sich damit gerichtet habe, sei aber unklar.

Per Handy habe A. ein „Rollkommando“ von Unterstützern zur Bus-Endstation geordert. Verängstigte Mitfahrer hätten ihrerseits Hilfe angefordert. Schließlich habe Daniel S. gesagt: „Das kann man doch vernünftig regeln.“ Doch nach dem Aussteigen habe A. ihn unvermittelt angegriffen.

Wegen „erheblicher Reifeverzögerung“ verurteilte das Gericht den zur Tatzeit 20-Jährigen nach dem milderen Jugendstrafrecht. Sein gewalttätiger Vater und seine Mutter hätten sich getrennt, als er 14 war. Nach einem Schulverweis und abgebrochenen Ausbildungen habe er „in den Tag hinein gelebt“. In der Jugendhaft solle er lernen, seine Aggressionen besser zu kontrollieren, außerdem einen Schulabschluss nachholen und einen Beruf erlernen.

Die Staatsanwaltschaft hatte eine um drei Monate höhere Strafe gefordert. Nach Angaben eines Sprechers sieht sie „spontan keinen Grund“, in Revision zu gehen. Die Verteidigung hatte wegen widersprüchlicher Zeugenaussagen auf Freispruch plädiert. Sie äußerte sich bisher nicht zu dem Urteil.

Ein Anwalt der Hinterbliebenen, die als Nebenkläger auftraten, sagte der FR, er werde keine Rechtsmittel einlegen. Zwar gehe er eigentlich von Mord oder Totschlag aus, doch für eine Körperverletzung mit Todesfolge sei das Strafmaß folgerichtig. 

Bei der Urteilsverkündung vergrub A. kurz seinen Kopf in den Händen. Die Mutter des Getöteten zeigte dagegen keine größeren Regungen. Nach den Worten ihres Anwalts ist sie aber immer noch schwer traumatisiert.

Der Angeklagte hatte die tödlichen Tritte bestritten, aber die Angehörigen um Entschuldigung dafür gebeten, dass er überhaupt an der Auseinandersetzung beteiligt gewesen sei.

Nach der Tat hatten Rechtsextremisten und andere Ausländerfeinde behauptet, Daniel S. habe sterben müssen, weil er Deutscher sei. Nach Ansicht der Staatsanwaltschaft gibt es dafür jedoch keine Anhaltspunkte.

Die Gemeinde Weyhe, zu der auch Kirchweyhe gehört, verbot damals wiederholt angemeldete rechtsextreme Kundgebungen und beteiligte sich an Mahnwachen für ein friedliches Zusammenleben. Daraufhin wurden Bürgermeister Frank Lemmermann (SPD) und seine Mitarbeiter in mehreren hundert Briefen, Faxen und E-Mails beschimpft und bedroht. 115 Strafanzeigen gegen die Absender endeten laut Verdener Staatsanwaltschaft inzwischen überwiegend mit einer Einstellung der Verfahren, zum Teil gegen Zahlung von Geldbußen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum