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Neonazi Extremisten Frankfurt Der Anschlag

Im Herbst 2000 wurde am Auto einer Frankfurter Familie eine primitive Bombe angebracht. Hatten militante Neonazis mit dem Fall zu tun?

Frankfurt am 1. Mai 2001: Mehr als 1000 Neonazis marschieren am „Tag der Arbeit“ durch die Stadt – einige von ihnen tragen klare Gewaltaufrufe auf der Kleidung. Foto: peter-juelich.com

Es hatte geregnet. Die Straßen waren feucht, als sie in Frankfurt losfuhren, daran erinnert sich Bastian* noch genau. Morgens gegen halb zehn war er an diesem Sonntag mit seiner Freundin Ulrike* und ihrer sechs Monate alten Tochter aufgebrochen, um Ulrikes Eltern im Vogelsbergkreis zu besuchen. Bastian machte zu dieser Zeit, im September 2000, gerade sein Anerkennungsjahr als Sozialpädagoge, Ulrike kümmerte sich um das Baby. Gemeinsam wohnte die kleine Familie in einer ruhigen Seitenstraße im Frankfurter Norden.

Der Besuch im Vogelsberg verläuft wie immer. Erst am Abend, als Bastian die Sachen in Ulrikes VW Polo packt, spricht ihr Vater ihn auf einmal an. „Was habt ihr denn da Komisches am Auspuff hängen?“ Bastian bückt sich und erblickt etwas, das er noch 15 Jahre später ganz genau beschreiben kann: Am hinteren Ende des Auspuffs hängen zwei weißliche, bröckelige Stangen, knapp 20 Zentimeter lang und so dick wie ein Daumen. Sie sind in eine Plastiktüte gewickelt, die mit Draht und Klebeband am Auspuff befestigt ist. Die Tüte und eine der Stangen sind leicht angeschmolzen, offenbar durch die Hitze während der Hinfahrt. Ulrikes Vater fragt, ob das Drogen sein könnten. Bastian, der die unbekannten Gegenstände lieber nicht mit bloßer Hand anfassen will, hebt ein Blatt vom Boden auf und stupst damit gegen die Plastiktüte, aus der ein wenig Feuchtigkeit tropft. Sofort gibt es eine kleine Stichflamme. Bastian stutzt. Dann ruft er die Polizei.

Die alarmierten Streifenbeamten nehmen die weißlichen Stangen mit. Auch sie können sich beim Verfassen ihres ersten Berichts keinen Reim auf die „unbekannte Substanz“ machen. Sie halten fest, wo das Auto geparkt war, wann Bastian und Ulrike losgefahren sind. Am Dienstag darauf schicken sie die Stangen zur Analyse ans hessische Landeskriminalamt in Wiesbaden. Einige Tage später gibt es Gewissheit: Die Stangen, die laut LKA „explosiv unter Feuererscheinung“ reagieren, sowie sie mit Wasser in Kontakt kommen, bestehen aus metallischem Natrium, das eigentlich nur in der Industrie verwendet werden darf – unter speziellen Sicherheitsmaßnahmen. Der heiße Auspuff, so folgern die Polizisten, sollte wohl die Plastiktüte schmelzen – und Spritzwasser von der Straße das Natrium zur Explosion bringen. Die eingepackten Stangen seien daher als „unkonventionelle Brand- bzw. Sprengvorrichtung“ einzuschätzen, schreiben die Beamten in ihre Strafanzeige. Eine Bombe.

Knapp zwei Wochen später klingelt bei Bastian und Ulrike das Telefon. Es ist ein Kommissar von der Frankfurter Polizei. „Er meinte, dass das am Wagen ein Sprengsatz war“, erinnert sich Bastian. „Und dass er eine Sprengkraft hatte, die das Auto vermutlich mehrfach zerfetzt hätte.“ In der Tat ist die Wirkung verheerend, wenn größere Mengen Natrium mit Wasser in Berührung kommen. Im Internet findet man Videos, in denen übermütige Teenager sich selbst filmen, wie sie den Stoff in abgelegene Seen oder Tümpel werfen. Die Explosionen sind wuchtig, die Detonationen klingen fast wie Granaten. Er und Ulrike hätten die Nachricht zuerst ziemlich gefasst aufgenommen, sagt Bastian. „Wir waren geschockt, aber wir haben normal funktioniert. So richtig realisiert haben wir das erst viel, viel später.“

Noch am selben Tag wird das Paar von der Polizei vernommen. Die Beamten interessieren sich für Streitigkeiten am Arbeitsplatz, sie fragen nach, ob in der letzten Zeit etwas Auffälliges passiert ist. Bastian und Ulrike fällt nur ein mögliches Motiv ein: Sie sind beide Teil der linken Szene und haben in den letzten Jahren immer wieder an Demonstrationen und Protesten teilgenommen. Bastian war während seines Studiums zudem im AStA der Frankfurter Fachhochschule aktiv, wo auch Veranstaltungen zur Entwicklung der militanten Neonazi-Szene stattfanden. Wo gegen rechte Aufmärsche mobilisiert wurde, und wo es Ärger zwischen Bastian und einem rechten RCDS-Mitglied gegeben hatte. Und so landet ein Verdacht in den Akten der Ermittler: Bastian und Ulrike seien in der antifaschistischen Szene engagiert, ein rechter politischer Hintergrund der Bombe könne daher nicht ausgeschlossen werden. Der zuständige Staatsschutz-Kommissar meldet ans Bundeskriminalamt: „Möglicherweise politisch motivierter, versuchter Anschlag auf Personen der linken Szene.“

Die Ermittler vom Frankfurter Staatsschutz machen sich an die Arbeit. Sie nehmen Ermittlungen wegen „Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion“ auf. Schnell finden sie heraus, dass es einen Autozulieferer in Bad Homburg gibt, der große Mengen metallischen Natriums verarbeitet. Und dass es bereits drei Monate zuvor ganz in der Nähe ungeklärte Vorfälle mit Natriumstangen gegeben hatte, die zuvor bei dieser Firma entwendet worden waren. An einem Abend Anfang Juni hatten Unbekannte Natrium in einen Bachlauf im mittelhessischen Oberbrechen geworfen, eine halbe Stunde später auch in den Brunnen am historischen Gefangenenturm im benachbarten Niederbrechen. Eine geschockte Seniorin aus Oberbrechen hatte von einem Knall und „sternenartigen“ Lichtern berichtet, die sie an dem Abend gesehen hatte.

Eine Woche später hatte eine Gruppe junger Männer kaum 40 Kilometer weiter östlich, in der Nähe des Grünwiesenweihers in Neu-Anspach, Explosionen gehört. Einen von ihnen hatten die Detonationen vom Klang her an Panzergranaten erinnerten, wie er sie von der Bundeswehr kannte. Tags darauf hatten nichtsahnende Mitarbeiter der Gemeinde in der Nähe des Weihers sechs weitere Natriumstangen gefunden, die beim Aufsammeln einen Müllsack in Brand gesetzt hatten – und die letztlich von Experten hatten geborgen werden müssen. Die Polizei in Bad Homburg ermittelt bereits und hat schon erste Mitarbeiter des Zuliefererbetriebs befragt. Die Frankfurter Kommissare lassen sich sofort eine Liste mit allen Angestellten der Firma kommen. Sie haben eine Spur.

Bastian und Ulrike bekommen es unterdessen mit der Angst zu tun. Langsam dämmert ihnen, dass wirklich jemand versucht haben könnte, sie umzubringen – sie und ihr Baby. In einer Art Panikreaktion ziehen sie für drei Monate in eine befreundete WG im Frankfurter Süden, in ihrer Wohnung fühlen sie sich nicht sicher. Trotz dieser „Flucht“ sei er weiter zur Arbeit gegangen, erinnert sich Bastian. „Ich habe mich nicht einmal krankschreiben lassen“, sagt er. „Ich habe versucht, mir einzureden, dass ja nichts passiert sei.“ Bastian macht eine Pause. Das Erzählen fällt ihm noch heute schwer. Ulrike sei damals viel mit dem Baby spazieren gegangen, sagt er dann. „Das war unser Versuch, so eine Art Normalität herzustellen.“ Anfang 2002 bezieht die Familie eine neue Wohnung, beantragt eine andere Telefonnummer. Sie wollen nicht mehr zu finden sein.

Von Beginn an fällt es Bastian und Ulrike auch nicht leicht, über die Bombe und ihre Ängste zu sprechen. „Wir haben immer überlegt: Wem erzählen wir’s, wem erzählen wir’s nicht“, sagt Bastian. Ihr Verdacht, dass Neonazis hinter dem Anschlag stecken könnten, scheint ihnen manchmal selbst so unfassbar, dass sie sich schwer damit tun, Unterstützung in der linken Szene zu suchen. „Das war ja alles sehr hypothetisch“, sagt Bastian. „Und ich war damals auch gar nicht mehr richtig im AStA oder anderen politischen Gruppen aktiv.“ Freunde und Bekannte von Bastian und Ulrike hören ihnen zwar zu, viele wollen die Geschichte aber auch gar nicht richtig wahrhaben. Im kleinen Kreis wird kurzzeitig sogar diskutiert, welchen Nazistrukturen in der Region man den Anschlag zutrauen würde – und warum Bastian und Ulrike als Opfer ins Visier geraten sein könnten. Aber richtige Hilfe bekommt das Paar nicht. Es gibt niemanden, der sie auffängt.

Dabei gibt es Ende der 90er-, Anfang der 2000er-Jahre durchaus Gründe, die Bedrohung durch die militante Naziszene ernst zu nehmen – auch im Rhein-Main-Gebiet. Journalisten und Antifa-Gruppen warnen damals ausdrücklich davor, dass im Umfeld des seit den 90er-Jahren in Deutschland aktiven britischen Neonazi-Musiknetzwerks „Blood and Honour“ Waffen und Sprengstoff gehortet werden. In wichtigen Neonazi-Zeitschriften wird offen darüber diskutiert, kleine Zellen zu bilden, Anschläge zu begehen – der „führerlose Widerstand“ soll den Weg für ein Viertes Reich herbeibomben.

Spätestens seit dem Auffliegen des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), der unter anderem aus dem Umfeld von Blood and Honour unterstützt wurde und dem zehn Morde sowie mehrere Sprengstoffanschläge seit 1999 zugerechnet werden, wird kaum noch bezweifelt, wie ernsthaft diese Idee zum Teil verfolgt wurde. Als Blood and Honour im September 2000 bundesweit verboten wird, gibt es mit der „Sektion Hessen-Süd“ und der „Sektion Hessen-Nord“ zwei offizielle Ableger in Hessen – und durch das Verbot lösen sie sich nicht einfach auf. Bei einem Neonazi im Taunus werden zur Zeit des Verbots von Blood and Honour Schusswaffen und scharfe Munition sichergestellt.

Überhaupt ist die rechte Szene in Südhessen in dieser Zeit sehr aktiv. Bereits Anfang 1998 hatten Antifa-Gruppen aus Frankfurt und Offenbach eine Kampagne gestartet, um auf die wachsende Gefahr durch Blood and Honour hinzuweisen. Im Fokus: Ein Plattenladen in Offenbach, der als wichtiger regionaler Stützpunkt des Neonazi-Netzwerks gilt. Eine Zeitungs-Schlagzeile zu der Kampagne lautet damals „Begleitmusik für Mord und Totschlag“. Im Sommer 1999 verhindert die Polizei mit einem Großeinsatz ein bundesweites Treffen rechtsradikaler Skinheads in einem Waldstück bei Hanau. Die Party mit dem Titel „Froide durch Alkohol“ wird von einem Mitglied der Blood and Honour-Sektion Hessen-Süd organisiert. Und schon seit Frühjahr 1999 streckt die extrem rechte „Bürgerbewegung für unser Land“ ihre Fühler nach Hessen aus, zuerst nach Kassel, dann nach Frankfurt. Die Initiative um den früheren RAF-Anwalt, Neonazi und Holocaust-Leugner Horst Mahler wendet sich gegen die „Überfremdung“ Deutschlands und marschiert mehrfach an der Paulskirche und am Börsenplatz auf. Jedes Mal gibt es Gegenproteste, es kommt zu massiven Prügeleien. Bei Mahlers Kundgebungen tummelt sich neben Neonazis aus dem Umfeld von Blood and Honour, rechten Esoterikern und NPD-Kadern alles, was zu dieser Zeit unter Rechtsradikalen Rang und Namen hat: der Hamburger Neonazi-Funktionär Christian Worch, der Wehrsport-Aktivist Steffen Hupka und der hessische Rechtsanwalt und verurteilte Rechtsterrorist Manfred Roeder – ein politisches Idol der NSU-Terroristen Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe.

Der AStA der Frankfurter Fachhochschule, in dem auch Bastian Ende der 90er-Jahre aktiv war, ist in dieser Zeit neben dem Café Exzess in Bockenheim ein Anlaufort für viele, die gegen die Neonazis vorgehen. Das „Antifa-Referat“ des FH-AStA ruft zu Protesten gegen Mahlers „Bürgerbewegung“ auf, an der Hochschule veranstaltet die Frankfurter Antifa Infoabende über lokale Strukturen von Blood and Honour. Die Antifa sieht die rechten Debatten um Bewaffnung und Zellenbildung mit großer Sorge und versuchen, möglichst breit aufzuklären. Zudem wird von der FH aus immer wieder gegen eine Buchhandlung im Nordend mobil gemacht, deren Besitzer seit 1998 mehrfach Vorträge mit dem Rechtsextremisten Claus Nordbruch angekündigt hatte. Nordbruch gilt als Multifunktionär in der rechten Szene, lebt hauptsächlich in Südafrika und hatte 1999 dort unter anderem Besuch von Tino Brandt, dem Chef des Thüringer Heimatschutzes – die Neonazi-Kameradschaft, aus dem der NSU hervorging. Antifa-Aktivisten von damals sagen heute, es sei durchaus denkbar, dass der FH-AStA in der rechten Szene als Schaltstelle des politischen Gegners wahrgenommen wurde – zumal im Herbst 2004 herauskam, dass ein Neonazi aus dem Taunus schon seit Jahren an der FH studierte und sich dort vermutlich auskannte.

Dass die rechte Szene durchaus zu Anschlägen bereit und in der Lage ist, beweist sie am 1. Juni 2000 – drei Monate, bevor die Natriumbombe am Auto von Ulrike und Bastian gefunden wird. Der „Linksruck“, eine zu dieser Zeit bundesweit aktive trotzkistische Gruppe, veranstaltet über das Himmelfahrts-Wochenende an der Frankfurter Uni ihre jährlichen „Rosa-Luxemburg-Tage“. Linksruck befasst sich gerade mit Globalisierungskritik und Protesten gegen die Weltausstellung „Expo“ in Hannover, die Frankfurter Ortsgruppe ist aber auch in die Proteste gegen Mahlers „Bürgerbewegung“ eingebunden. Am Abend des ersten Kongresstages beginnt im Studierendenhaus gerade eine Party, als drei unbekannte Männer in das Gebäude stürmen. Sie bepöbeln die Umstehenden und kippen im Foyer eine Flasche mit ätzender Buttersäure aus. Im ganzen Haus verbreitet sich ein stechender Gestank. Die Menschen stolpern ins Freie, mehrere von ihnen müssen später wegen Reizungen der Atemwege ambulant im Krankenhaus behandelt werden.

Ein Frankfurter Student von damals, der auch in die Organisation des Kongresses eingebunden war, erinnert sich noch gut an den seltsamen Vorfall. „Ich stand vor dem Gebäude, als alle rausgerannt sind“, sagt der Mann, der heute in Berlin lebt. Die Situation sei chaotisch, aber nicht panisch gewesen. Später sei die Feuerwehr angerückt, habe die Buttersäure aufgewischt oder abgesaugt und die Schuhe der Leute mit Wasser abgespritzt. Da der Linksruck in der damals stark zerstrittenen linken Szene viele Feinde gehabt habe, sei nicht klar gewesen, wer für die Aktion verantwortlich war, sagt der Mann. „Aber man hat gemutmaßt, dass das Nazis waren. Einige Leute hatten die Täter zumindest äußerlich der rechten Szene zugeordnet.“

Wie Behördenunterlagen von damals belegen, geht der Buttersäure-Anschlag offenbar tatsächlich auf militante Neonazi-Strukturen zurück. Polizisten hatten kurz vor der Tat acht Rechtsradikale aus Hessen und Nordbayern in der Nähe des Bockenheimer Campus kontrolliert. Viele von ihnen waren damals einschlägig bekannt und vorbestraft. Unter ihnen war auch Alexander H., ein führender Kader der Sektion Hessen-Süd von Blood and Honour – und Organisator des rechten Saufgelages „Froide durch Alkohol“ in der Nähe von Hanau. Alexander H. ist bis heute aktiv: Im Januar nahm er an einer Kundgebung der „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) an der Frankfurter Hauptwache teil.

Inwieweit all diese neonazistischen Vorfälle und Umtriebe bei den Ermittlungen wegen der Frankfurter Autobombe eine Rolle gespielt haben, ist heute nur schwer rekonstruierbar. Aus den Akten geht hervor, dass die Beamten vom Staatsschutz wussten, dass es bei dem Autozulieferer, von dem die Natriumstangen stammten, Hakenkreuzschmierereien auf den Toiletten gegeben hatte. Ein Mitarbeiter der Firma, der in einer ersten Befragung noch den Unwissenden gespielt hatte, räumt schließlich im November 2000 ein, bei der Arbeit einen Eimer mit Natriumstangen entwendet und diese in Oberbrechen, Niederbrechen und Neu-Anspach ins Wasser geworfen zu haben. Daraufhin durchsuchen Beamte die Wohnung des Mannes. Er streitet jedoch ab, irgend etwas mit Neonazis oder einer Autobombe in Frankfurt zu tun zu haben – er sei lediglich neugierig gewesen. Er wollte, gibt er bei seinem Geständnis zu Protokoll, „nur mal sehen, wie Natrium in Verbindung mit Wasser reagiert“. Am Ende erhält er einen Strafbefehl über 120 Tagessätze.

Immerhin hat der Mann für die Ermittler noch einen interessanten Hinweis: Ein junger Kollege von ihm habe Kontakte zur rechten Szene, dem würde er so einen Anschlag zutrauen. Die Ermittler befragen den Mann, der allerdings jegliche Tatbeteiligung abstreitet. Er würde niemals mit Natrium hantieren, sagt er den Ermittlern – er wisse schließlich zu gut, „wie höllisch das Zeug abgeht“. Die Polizei regt eine Razzia in der Wohnung des Mannes an, aber die Staatsanwaltschaft beantragt letztlich keinen Durchsuchungsbeschluss. Die Hinweise auf den Mann sind der Behörde schlichtweg zu vage. Im Januar 2001 erhält der Anwalt von Bastian und Ulrike Post: Die Ermittlungen wegen des Natriumsprengsatzes werden eingestellt. Alle Möglichkeiten, die Täter zu ermitteln, seien ausgeschöpft, weitere Nachforschungen erschienen derzeit nicht sinnvoll.

Bastian und Ulrike haben danach über Jahre versucht, die ganze Geschichte zu verdrängen. Doch die Angst ist geblieben. „Wir haben vorm Losfahren noch jahrelang unter das Auto geguckt und den Rückspiegel gecheckt, ob uns jemand folgt“, sagt Bastian. Seit dem Auffliegen des NSU im Herbst 2011 kommen wieder vermehrt Nachfragen von alten Bekannten und Weggefährten – ganz ist der Anschlag nie vergessen worden. Eigentlich, sagt Bastian, gestehe er sich auch erst heute, mit dem Abstand all der Jahre, so richtig ein, dass das damals ein Tötungsdelikt war, „dass es die Absicht von irgendwem war, uns zu töten“. Er und Ulrike hofften allerdings kaum noch, dass irgendwann geklärt werden könne, wer für die Bombe verantwortlich war – und ob es einen Bezug zu hessischen Neonazis gab. „Aber es gab damals diese Radikalisierung in der rechten Szene“, sagt Bastian. „Und ich bin mir bis heute sicher, dass da nie konsequent ermittelt worden ist.“

* Namen geändert

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