25. Februar 2017-1°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Kolumne von Mely Kiyak Lieber BKA-Chef Jörg Ziercke!

Die Rekonstruktion der Ereignisse um den NSU stellt sich als eine unfassbare Serie von Fehlentscheidungen heraus. Kein Beteiligter aus Politik und Sicherheit hat in den Jahren seit dem Abtauchen des Trios irgendetwas veranlasst, das den Opfern von Nutzen gewesen wäre.

02.11.2012 15:08
Von Mely Kiyak
Vor einem Jahr haben Mundlos und Böhnhardt einen Banküberfall vermasselt. Seitdem ist wenig passiert. Foto: dapd

Ein Jahr ist es her, dass Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt einen Banküberfall in Eisenach vermasselten. Wohl aus Angst vor der drohenden Enttarnung erschossen sie sich. Wäre dieser Banküberfall genau wie alle anderen Banküberfälle geglückt, hätte man je über den NSU erfahren? Hätte es doch noch einen Beamten gegeben, der das nächstliegende in Betracht gezogen hätte? Nämlich, dass abgetauchte und bewaffnete Rechtsradikale hinter den Ceska-Morden stecken?
Die Rekonstruktion der Ereignisse um den NSU stellt sich im Nachhinein als eine unfassbare Serie von Fehlentscheidungen heraus. Kein Beteiligter aus Politik und Sicherheit hat in den Jahren seit dem Abtauchen des Trios irgendetwas veranlasst, das kriminaltechnisch, gesellschaftlich, politisch oder einfach nur menschlich den Opfern von Nutzen gewesen wäre.

Dem Schmerz könnte Wut folgen

Der Schmerz der Familien über den Verlust ihrer Angehörigen droht deshalb von Wut überlagert zu werden. Diese Wut empfinden auch viele Mitbürger, die sich der Opfergruppe zugehörig fühlen. Von gewaltbereiten Rechtsradikalen und Rassisten erwartet man kein korrektes Verhalten. Aber von Polizisten und Politikern. Die Opfer waren Geschäftsleute und Steuerzahler. Ihnen hätte Respekt gebührt. Sie hatten ein Recht auf dienende Staatsbeamte. Auf wohlmeinende Politiker, auf Empathie, auf Mitgefühl.

Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt, Beate Zschäpe, ihre Mitwisser und Komplizen trafen die Entscheidung, ihr Leben darauf zu verwenden, anderen zu schaden. Sie bildeten sich ein, einer höheren Sache zu dienen. Sie werden trotz allem gewusst haben, dass man das eigene Menschsein gleichwertig zum Menschsein seines Gegenübers betrachten muss. Dass man nicht töten darf.

Ich verfolgte dieses Jahr viele Stunden von der Tribüne aus den Bundestagsuntersuchungsausschuss. Ich sah die Auftritte der politischen und exekutiven Elite meines Landes. Es fällt mir schwer zuzugeben, dass ich verletzt bin. Ich betrachtete meinen Wunsch nach Gleichheit und Gerechtigkeit als Nebensächlichkeiten meines Lebens. Entsetzt stelle ich fest: Ich fordere gleichermaßen Großes wie Unmögliches. Mehmet Kubasik hätte mein Vater sein können, Halit Yozgat mein Bruder. Worin unterschied sich denn das Bild, das die NSU von uns hatte, von dem Bild, das Polizisten von uns haben?

Hinweise auf Rechtsextreme? Angeblich keine

Dieser Ausschuss hat mir die Augen darüber geöffnet, wie wir wirklich gesehen werden. Beteuerungen, wie die, dass es keine Hinweise für Rechtsextremismus gab und dass stets ergebnisoffen ermittelt wurde, steht folgender Fakt entgegen. Aufgrund einer Analyse, die Rechtsextreme als Täter in Betracht zog, erinnert sich Wolfgang Geier, Leiter der speziellen Ermittlergruppe „BAO Bosporus“ an die damaligen Abwägungen. Kurz bevor die Welt zu Gast bei Freunden war, fragte man sich, was geschähe, wenn man mit „voller Wucht“ zugäbe, dass man von Rechtsextremisten ausging, „die türkische Mitbürger ermorden.“

Ich legte Ihnen diese Woche übrigens fälschlich folgenden Satz in den Mund: „Hätten wir sagen sollen, da fahren Killer durchs Land und töten Türken?“ Sie wurden mit dem Zitat lediglich konfrontiert. Bitte entschuldigen Sie meinen Fehler! Es hätte nicht passieren dürfen. In diesem Wirrwarr fällt es schwer, für Aufklärung zu sorgen und die Wahrheit zu finden.

Ihre Mely Kiyak

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum