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Hoyerswerda Neonazis flüchten sich in Alkohol-Ausrede

Der Geist vernebelt, die Gesinnung klar: Bei einem Prozess in Hoyerswerda geben Rechtsextremisten an, sich wegen Trunkenheit an nichts zu erinnern. Eine alte Strategie der Szene, sagt die Polizei.

14.01.2014 19:23
Nicht zum Hinsehen: Einer der Angeklagten im Verhandlungssaal des Amtsgerichts Hoyerswerda. Foto: dpa

Am Abend des 17. Oktober 2012 erleben Monique L. und Ronny S. in Hoyerswerda dramatische Augenblicke. Vor ihrem Wohnblock haben sich etwa 15 Gestalten versammelt: Dunkle Klamotten, die Gesichter unter Kapuzen versteckt – so nimmt die damals 33-Jährige die Bedrohung vom Fenster der Wohnung ihres Freundes aus wahr. Den beiden ist schnell klar, dass das Neonazis sein müssen.

Dann wird der Strom im Haus abgedreht, und im Dunkel des Hausflurs schleichen sich einige aus dem Mob bis vor die Wohnungstür, klingeln Sturm. Die „Antifa-Sau“ solle endlich herauskommen. Auch Todesdrohungen werden skandiert. So steht es in der Anklageschrift - eine gespenstische Szenerie.

Noch 15 Monate nach dem Geschehen merkt man den beiden Opfern ihre seelischen Verletzungen an. Beim Prozess gegen acht mutmaßlich beteiligte Rechtsextremisten am Dienstag am Amtsgericht in Hoyerswerda muss Monique immer wieder weinen. Ronny spricht von Panikattacken und Angst auch Monate nach dem Geschehen. „Man dreht sich ständig um, prüft immer genau, mit wem man redet und wo man abends hingeht“, gibt Ronny zu Protokoll.

Das Paar hat Hoyerswerda unmittelbar nach den traumatischen Erlebnissen verlassen, es wohnt jetzt in der Anonymität einer Großstadt. Die Adresse bleibt auch in der Verhandlung geheim. Zu groß ist die Angst, dass späte Rache noch folgen könnte.

Nazi-Aufkleber entfernt

Monique und Ronny hatten sich den Hass der rechten Szene zugezogen, weil sie mitten am Tag Nazi-Aufkleber in Hoyerswerda entfernt hatten. Richter Michael Goebel will von Ronny wissen, ob er das erste Mal wieder in Hoyerswerda ist: „Ja, ich hoffe auch das letzte Mal.“

Jetzt im Prozess wegen Bedrohung und Beleidigung geben sich die Beschuldigten im Alter von 18 bis 36 Jahren wortkarg. Einer wird aus der nahen Justizvollzugsanstalt Bautzen vorgeführt, er verbüßt dort eine Haftstrafe wegen eines anderen Deliktes. Ein zweiter Beschuldigter erscheint zunächst gar nicht und muss erst von der Polizei in den Gerichtssaal geholt werden. Das wirft den ehrgeizigen Zeitplan von Richter Goebel gänzlich über den Haufen. Goebel hatte die Verhandlung mit acht Beschuldigten und 14 geladenen Zeugen an einem Tag durchziehen wollen. Am späten Nachmittag ist klar, dass der Plan nicht zu halten ist.

Nur drei Beschuldigte äußern sich überhaupt zur Sache. Aber sie wollen sich nicht an viel erinnern können, weil man an dem damaligen Abend betrunken gewesen sei. „Ich war rotztütenzu“, sagt einer der Angeklagten. Warum die Polizei seinerzeit keine Alkoholtests vornahm, bleibt schleierhaft.

Der Prozess wirft noch weitere Fragen auf. Warum rückte die Polizei damals trotz mehrmaliger Hilfe-Anrufe aus der Wohnung erstmal nur mit einem Streifenwagen an? Warum konnten Rechtsextremisten auch dann noch ins Haus eindringen, als die Polizei schon präsent war? Warum wurden die Beamten von den Rechtsextremisten ausgelacht, als sie deren Personalien feststellen wollten?

Selbst möglicherweise beklemmende Antworten auf solche Fragen hätten das Geschehen wohl nicht bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Dass es dann doch quer durch die Republik hohe Wellen schlug, war einem anderen Umstand geschuldet: Die Polizei riet den beiden Opfern seinerzeit, Hoyerswerda lieber zu verlassen. „Es ist einfacher, zwei Personen von einem Ort zu einem anderen sicheren Ort zu verbringen, als 30 Personen zu bewachen oder permanent fünf Funkstreifen vor ein Haus zu stellen“, hatte ein Polizeisprecher in einem Fernsehinterview gesagt. Ein Satz, der noch heute als Kapitulation vor dem Rechtsextremismus empfunden wird.

Der Prozess wird am 27. Januar (11.00 Uhr) fortgesetzt. (dpa)

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