27. Februar 201712°C Frankfurt a. M.
Lade Inhalte...

Gedenkfeier Rechtsextremismus Mit der Kraft der zwei Herzen

Mousse T. wird am Flügel leise Töne anschlagen.

Deutscher mit türkischen Wurzeln: der Musikproduzent Mousse T. Foto: dapd

Er sagt, er habe die Kraft der zwei Herzen, des türkischen und des deutschen. Mousse T. wird sie heute brauchen, wenn er, ganz in Schwarz, am Flügel im Konzerthaus Platz nimmt, um der Opfer der Neonazi-Morde mit einem Musikstück zu gedenken. Die Kraft der zwei Herzen, in den 80er-Jahren wurde mit diesem Ausdruck ein Energietonikum beworben – dass Mousse T. ihn benutzt, erzählt schon von der westdeutschen Sozialisation des DJs und Musikproduzenten, der 1966 als Mustafa Gündogdu in Hagen geboren wurde. Mustafa, Spitzname Musti, Künstlername Mousse T.

Vor 50 Jahren kamen seine Eltern nach Deutschland. Der Vater hatte in Istanbul bei einem deutschen Professor Medizin studiert und fand im Ruhrgebiet einen Job. In Hannover ließ er sich nieder, dort lebt auch Mousse T. mit seiner Familie. „Ich bin zwar hier geboren, aber ich trage die türkische Kultur in mir“, sagt der 45-Jährige. Vor allem seine Warmherzigkeit habe er diesen Wurzeln zu verdanken. Die versucht er seinem siebenjährigen Sohn mitzugeben und als Botschafter ins Land zu tragen. Die Morde haben ihn erschüttert. „Es ist erschreckend, dass es eine Organisation gab, die über Jahre ungehindert Straftaten verüben konnte.“

Wenn man mit Mousse T. spricht, wundert man sich nicht mehr, warum ein Künstler für die Zeremonie ausgesucht wurde, der mit Clubhits wie „Horny“ oder Tom Jones’ „Sex Bomb“ um die Jahrtausendwende Erfolg hatte, so klar und aufgeräumt spricht er. 1993 gündete er das Label Peppermint Jam. Michael Jackson, Moloko oder auch Quincy Jones ließen ihre Songs von ihm remixen.

Heute muss Mousse T. leisere Töne anschlagen. Zwei Stücke hat er zu einem Medley arrangiert. Zum einen „Fragile“, ein Lied das Sting 1987 dem US-Ingenieur Ben Linder widmete. Der 27-Jährige wurde in Nicaragua von einer Rebellengruppe getötet, die von der US-Regierung unterstützt wurde. Für Mousse T. ist es aber ein Lied, das eines zeigt: „Wir alle sind Menschen, und wir alle sind zerbrechlich.“ Das Stück war ein Wunsch des Bundespräsidialamtes. Anschließend wird die Sängerin Sharon Phillips „Imagine“ von John Lennon interpretieren, ein Lied „das einen positiven Impuls in die Zukunft geben soll“, wie Mousse T. sagt. Zerbrechlichkeit und Zukunft – mit der Kraft der zwei Herzen wird ihm der Brückenschlag hoffentlich gelingen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Kontakt
  • Wir über uns
  • Impressum